Deutschsprachige Filme haben Chance auf den begehrten Oscar

Was wir bereits wissen
Deutschland kann am Wochenende mitfiebern, wenn in Hollywood zum 85. Mal die Oscars verliehen werden. Das emotionale Altersdrama "Liebe" ist sogar in der Kategorie "Bester Film" nominiert. Christoph Waltz könnte zum zweiten Mal Oscar-Gold holen.

Hollywood.. Wenn die Oscars am Wochenende vergeben werden, blickt die halbe Welt gebannt auf Hollywood. In diesem Jahr - bei der 85. Oscar-Verleihung - kann Deutschland sogar besonders intensiv mitfiebern, denn es sind überdurchschnittlich viele deutschsprachige Filme nominiert. Die besten Chancen hat die deutsche Koproduktion "Liebe". Sie ist gleich in fünf Kategorien nominiert.

Das Altersdrama mit dem schlichten Titel (Originaltitel "Amour") von Regisseur Michael Haneke. Der Berliner Produzent Stefan Arndt von X Filme Creative Pool hat als einer von vier Produzenten an dem deutsch-österreichisch-französischen Film über ein Liebespaar in den Achtzigern mitgewirkt.

Die Handlung ist so schlicht wie dramatisch. Musiklehrer Georges (Jean-Louis Trintignant) und seine Frau Anne (Emmanuelle Riva) sind trotz ihres hohen Alters glücklich. Doch als Anne einen Schlaganfall erleidet, droht die Beziehung zu zerbrechen, trotz Georges Bemühungen, sich so gut es geht um sie zu kümmern.

"Liebe" ist schwerer Stoff

Kritiker loben den Film wegen seiner Stille und emotionalen Wucht. Die Zeitung "San Francisco Chronicle" bezeichnet "Liebe" als "unvergesslich und eine zweistündige Tortur, die man jedoch nicht bereuen wird." Seit seiner Premiere bei den Filmfestspielen im vergangenen Mai in Cannes hat der schwere Film über die Grenzen des menschlichen Daseins rund 30 Auszeichnungen abgeräumt, darunter einen Golden Globe.

Neben dem Oscar für den besten Film ist "Liebe" in vier weiteren Kategorien nominiert und ist somit der deutsche Film mit den meisten Chancen auf einen Goldjungen. Im Rennen ist er auch in den Kategorien "Bester nicht-englischsprachiger Film", "Beste Regie" und "Bestes Drehbuch".

Die französische Schauspielerin Emmanuelle Riva von "Liebe" könnte den Oscar für die "Beste Hauptdarstellerin" abräumen. Das wäre für sie ein fantastisches Geschenk, denn sie feiert am Tag der Oscar-Gala ihren 86. Geburtstag. Wenn Sie den Oscar tatsächlich bekommt, ist sie die älteste Oscar-Gewinnerin der Geschichte in dieser Kategorie. Ihre Mitbewerberinnen sind Jessica Chastain ("Zero Dark Thirty"), Naomi Watts ("The Impossible"), Jennifer Lawrence ("Silver Linings") und Quvenzhane Wallis ("Beasts of the Southern Wild").

"The Silver Linings" habe größte Relevanz

Trotz des internationalen Lobes für Hanekes "Liebe" wird der Film jedoch nach Insider-Meinung in der Königsklasse nicht ganz vorne landen. Der US-amerikanische Schriftsteller und Oscar-Insider Bret Easton Ellis bezeichnet "Liebe" als sadistisch. Der Experte sieht die Tragigkomödie "The Silver Linings" als bester Film. Er hätte eine größere Relevanz als die Konkurrenz, schreibt er auf Twitter. Er bezieht sich hier insbesondere auf das Historiendrama "Lincoln", das mit insgesamt zwölf Nominierungen die zahlenmäßig besten Chancen auf einen Oscar hat. Als womöglich vielversprechendster Beitrag wird in Fachkreisen auch der Politthriller "Argo" von und mit Ben Affleck gehandelt. Der Film über eine spektakuläre Geiselbefreiung während der Besetzung der US-Botschaft im Iran im Jahr 1979 räumte in Hollywoods diesjähriger Filmpreis-Saison bereits eine Reihe von Auszeichnungen ab. Kino

Neben "Lincoln" von Starregisseur Steven Spielberg, "The Silver Linings", "Liebe" und "Argo", sind die Romanverfilmung "Life of Pi - Schiffbruch mit Tiger", das Musical "Les Misérables" und der Neowestern "Django Unchained" nominiert. In die Schlussauswahl schafften es zudem der Independentfilm "Beasts of the Southern Wild" sowie "Zero Dark Thirty" - die Verfilmung der Jagd auf Al-Kaida-Chef Osama Bin Laden.

Deutschland hat Chance auf Oscar-Beteiligungen

Eine weitere deutsche Koproduktion geht neben "Liebe" in den Wettbewerb. "Die Königin und der Leibarzt" der Länder Dänemark, Deutschland, Tschechien und Schweden zieht für Dänemark in den Wettbewerb um den Auslands-Oscar. Die gebürtige Münchnerin Maria Köpf ist als Koproduzentin mit Zentropa Entertainments Berlin GmbH beteiligt. Regisseur und Drehbuchautor Nikolaj Arcel erzählt die auf Tatsachen beruhende Geschichte aus dem späten 18. Jahrhundert über das Liebesdreieck zwischen der dänischen Königin Caroline Mathilde, Gattin des geistig verwirrten Königs Christian VII., und dem deutschen Arzt und Aufklärer Johann F. Struensee. Der Film wurde auf der Berlinale 2012 mit zwei Silbernen Bären ausgezeichnet.

Christoph Waltz kann seinen zweiten Oscar gewinnen

"Kon-Tiki" geht gemeinsam mit "Liebe" ins Rennen um den Oscar als bester nicht-englischsprachiger Film. Offiziell kommt der Beitrag aus Norwegen, doch die deutsche Produktionsfirma DCM mit Sitz in Berlin produzierte das Werk mit. Erzählt wird die wahre Geschichte des berühmten Norwegers Thor Heyerdahl, der 1947 mit seiner kleinen Mannschaft auf einem einfachen Floß Tausende Kilometer über den Pazifik segelte. Diese Story wurde schon einmal bei den Oscars ausgezeichnet: Heyerdahls Dokumentarfilm "Kon-Tiki" gewann 1952 einen Goldjungen. Das aktuelle Abenteuer "Kon-Tiki" der Regisseure Joachim Rønning und Espen Sandberg kommt am 21. März in die deutschen Kinos.

Christoph Waltz wieder nominiert

Zum zweiten Mal könnte der deutsch-österreichische Schauspieler Christoph Waltz Oscar-Gold holen. Der 56-Jährige ist für seine Nebenrolle als Kopfgeldjäger in Quentin Tarantinos Sklaven-Western "Django Unchained" nominiert. Er muss sich gegen Robert De Niro ("Silver Linings"), Alan Arkin ("Argo"), Philip Seymour Hoffman ("The Master") und Tommy Lee Jones ("Lincoln") durchsetzen. Waltz hatte 2010 seinen ersten Oscar als bester Nebendarsteller mit dem Tarantino-Film "Inglourious Basterds" gewonnen. "Django Unchained" zieht mit insgesamt fünf Nominierungen in das Trophäen-Rennen.

Außerdem kann sich der Norddeutsche Rundfunk Hoffnungen auf den Preis aus Hollywood machen. Die NDR-Koproduktion "Töte zuerst - Der israelische Geheimdienst" über den Innengeheimdienst Israels ist in der Sparte "Beste Dokumentation" nominiert. Sie entstand in Koproduktion mit dem israelischen Fernsehen IBA und Arte France unter der Regie von Dror Moreh, mit den NDR-Redakteurinnen Patricia Schlesinger und Barbara Biemann. Darin kommen nach Angaben des Norddeutschen Rundfunks alle sechs noch lebenden ehemaligen Chefs des Geheimdienstes Schin Bet zu Wort und berichten unter anderem von gezielten Tötungen von Palästinenserführern und Bombenabwürfen auf Gaza.

Und noch mehr Goldanwärter: Die deutsch-amerikanische Produktion "Open Heart" ist in der Kategorie "Bester Dokumentar-Kurzfilm" für einen Oscar nominiert. Der Film des US-Regisseurs Kief Davidson wurde von der deutschen Firma gebrueder beetz filmproduktion mit produziert. "Open Heart" schildert die Geschichte von acht herzkranken Kindern in Ruanda, die ihre Familien verlassen, um sich in einem Krankenhaus im Sudan einer riskanten Operation zu unterziehen.

US Komiker moderiert die Gala Kino

Die Gala im Dolby Theatre moderiert der US-Komiker Seth MacFarlane, der für seinen sarkastischen Humor berüchtigt ist. "Das letzte Mal, als Deutschland und Österreich etwas koproduziert haben, war das Hitler", sagte der Schöpfer der Zeichentrickserie "Family Guy" bei der Bekanntgabe der Oscar-Nominierungen mit Blick auf "Liebe". Der Haneke-Film gefalle ihm da "viel besser".

Trotz der deutschen Hoffnung wird wohl am Ende ein anderer Film als Sieger des Abends gefeiert werden. Insider Ellis twittert, dass der Film "The Silver Linings" am Wochenende die meisten Oscars abräumen werde. Das schließe er zumindest aus den Reaktionen der Jury-Mitglieder, mit denen er gesprochen habe: "I actually think Silver Linings Playbook will sweep the Oscars on February 24th considering the Academy voters I've talked to. Just a fact." (mit afp und dpa)