Der Schock sitzt tief

Foto: AFP

Duisburg.. Tiefe Betroffenheit und das Gefühl, noch einmal Glück gehabt zu haben: DerWesten-Redakteur Ingmar Kreienbrink berichtet von seinen Erfahrungen vor und auf dem Loveparade-Gelände.

Der Schock sitzt tief bei vielen Besuchern der Loveparade. Hunderttausende Raver sind bis zu dem tragischen Unglück mit zahlreichen Toten durch den Tunnel an der Karl-Lehr-Straße geschleust worden. Bereits Stunden zuvor gibt es vor dem einzigen Weg zum Festival-Gelände einen riesigen Ansturm. Gegen 13.30 Uhr drängelten aus Richtung Süden Tausende Raver auf das Nadelöhr zu. Die Kreuzung an der Düsseldorfer Straße ist bereits völlig überfüllt. Pro Minute geht es lediglich einen Meter voran. Ein Krankenwagen mit Blaulicht kommt aus dem Tunnel in Richtung Kreuzung und versucht sich einen Weg mitten durch die Menge zu bahnen, doch minutenlang rollt auch er nur im Schneckentempo voran.

Die Polizei versucht die Besucher über Lautsprecher zu beschwichtigen: „Habt bitte Geduld, ihr kommt alle zur Loveparade“. Doch die meisten Durchsagen sind kaum zu verstehen und gehen schließlich in einem Pfeifkonzert der frustrierten Besucher unter. Beschwerden und Unmut über eine schlechte Organisation werden laut. „Wie kann man die Leute nur über einen einzigen Zugang zum Gelände führen“, schimpft ein Raver.

Warterei zerrt an den Nerven

Vielen Wartenden steht der Schweiß auf der Stirn. Wenn sich die Sonne durch die Wolken kämpft, wird es heiß. Alkoholfreie Getränke haben die wenigsten dabei – mit so einer Situation weit vor dem Eingang hatte wohl kaum einer gerechnet. Einige Raver geben entnervt auf und schlagen den Rückweg ein. Andere wanken leicht, können aber in dem dichten Gedränge nicht umfallen. Mehrere Jugendliche übergeben sich auf den Boden – ein schlapper Kreislauf oder zu viel Alkohol könnten Gründe sein.

Die Warterei zerrt bei einigen an den Nerven. Immer wieder wird an den Absperrgittern gerüttelt – manchmal fällt eines sogar kurz um. Nach 35 Minuten zwischen schweißtriefenden Körpern geht es plötzlich schneller voran – und die Besucher stehen vor Schleusen, die nur einzeln passiert werden können. Dort kontrollieren Ordner die Rucksäcke auf der Suche nach verbotenen Glasflaschen. Anschließend ist erst einmal Durchatmen angesagt. Erleichtert betreten die Besucher den Tunnel, der zu diesem Zeitpunkt noch jede Menge Bewegungsfreiheit bietet.

Rückstau auf der Rampe

Eng wird es erst wieder im oberen Teil des Aufgangs zum eigentlichen Party-Gelände – nach einigen Minuten ist gegen 14.30 Uhr der Schotter-Platz erreicht. Allerdings wird schon wenig später klar, dass sich dieser Aufgang zu einem Nadelöhr entwickelt. Weil sich die Besucher nicht richtig auf dem Partygelände verteilen, sondern direkt auf die Floats zusteuern, bildet sich ein immer größerer Rückstau. Gegen 15 Uhr befreien sich Dutzende aus dem Gedränge am Aufgang, indem sie Geländer umreißen und niedertrampeln.

Schon jetzt ist vielen Ravern klar, dass sie auf dem Rückweg nicht noch einmal durch den Tunnel wollen. Die ersten erkundigen sich besorgt bei Sicherheitskräften: Doch diese bestätigen, dass der Tunnel die einzige Möglichkeit sei, das Gelände wieder zu verlassen. Mittlerweile ist von einem erhöhten Punkt zu sehen, dass Polizisten einen menschlichen Gürtel am Ausgang des Tunnels gebildet haben und so den Zustrom auf das Gelände stoppen. Einzelne versuchen auf diesem Weg das Gelände wieder zu verlassen, doch die Masse hat sich zu einer Wand aus Beton entwickelt – da gibt es kein Durchkommen.

Wie mögen wir hier wohl wieder rauskommen?

Während die meisten Besucher zu den harten Bässen ausgelassen tanzen, hat sich bei einigen längst ein mulmiges Gefühl in der Magengegend festgesetzt. Wie mögen wir hier wohl wieder rauskommen? Noch bietet das Gelände abseits der Bühnen genügend Platz, aber bereits im Vorfeld hatten die Veranstalter von Lopavent gegenüber DerWesten bestätigt, dass das Gelände maximal 400.000 bis 500.000 Menschen fassen würde. Gerüchte kursierten in Internetforen, dass es sogar nur rund 250.000 sein könnten. Doch die Organisatoren rechneten mit mindestens einer Million Besucher. Das sei kein Problem, da sie sich über den Tag verteilen würden, hatte Sicherheitsdezernent Rabe im Vorfeld gesagt. Doch ein Durchlauf ist nicht möglich, wenn der einzige Zugang über die Karl-Lehr-Straße völlig verstopft ist.

Einige Raver überlegen bereits, was eine vielleicht illegale, aber möglichst sichere Fluchtmöglichkeit wäre. Die ersten Besucher laufen neben dem Gelände in der Nähe der Bahnlinie. Kurz nach 18 Uhr öffnen sich die Notausgänge in der Nähe der Bühne „Love Stage“ zur A59 hin. Diese Möglichkeit nutzen einige hundert Besucher und verlassen das Gelände. Von den Ereignissen im Tunnel erfahren die meisten erst, nachdem sie die Innenstadt verlassen haben und sie wieder ein Handynetz haben. Viele besorgte Angehörige hatten SMS geschrieben.

Was von dem Loveparade-Besuch bleibt, ist eine tiefe Betroffenheit und das Gefühl, noch einmal Glück gehabt zu haben – „auch wir hätten in der Tunnel-Falle stecken können.“