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Darmkrebs wird häufig viel zu spät erkannt

05.02.2010 | 11:35 Uhr
Darmkrebs wird häufig viel zu spät erkannt

Essen.Da Darmkrebs im frühen Stadium oft keine Schmerzen verursacht, ist die Erkrankung besonders gefährlich. Umso später sie erkannt wird, desto schlechter sind die Heilungschancen. Deshalb sind Vorsorgeuntersuchungen besonders wichtig.

„Ich bin nie krank gewesen und“, sagt Gerhard Temmler. „Selbst als ich dann Blut im Stuhl bemerkte, bin ich nicht sofort zum Arzt gegangen.“ Der heute 60-Jährige vermutete harmlose Ursachen. Dann kam die Diagnose: Darmkrebs. „Der Tumor ist zu diesem Zeitpunkt schon so groß gewesen, dass ich nicht gleich operiert werden konnte.“ Es folgten Chemotherapie und Bestrahlung. Drei Monate später wurde dann operiert und der Tumor, sowie ein Teil des Darms entfernt. Seitdem hat er einen künstlichen Darmausgang, ein so genanntes Stoma.

Tabuthema Darmkrebs in den Mittelpunkt rücken

Sigrid Kaminiorz unterstützt die Selbsthilfegruppe in Bergmannsheil Buer.

In Deutschland leben heute etwa 100 000 Menschen mit einem künstlichen Darmausgang. Trotzdem sind Darmkrebs und Stoma immer noch ein Tabuthema. Deshalb engagiert sich Temmler heute in der Selbsthilfegruppe ILCO, was sich aus den medizinischen Begriffen für Dünndarm (Ileum) und Dickdarm (Colon) ableitet. Bei ihrer Aufklärungsarbeit geht die Selbsthilfegruppe auch neue Wege, so informieren sie auch in ungewöhnlichen Umgebungen wie Einkaufszentren. „Damit rücken wir das Thema in den Lebensmittelpunkt, wo es auch hingehört. Wir wollen Menschen wach rütteln und ihnen klar machen, wie wichtig Vorsorge ist“, so Temmler. Monatlich finden offene Gruppentreffen, bei denen sich Angehörige und Betroffene austauschen können, jeden ersten Montag im Monat ab 17 Uhr in Bergmannsheil Buer statt.

Vorsorgeuntersuchungen sind besonders wichtig

Wie Temmler geht es vielen Darmkrebspatienten. Denn das ist das Tückische an der Krankheit: Der Betroffene hat im Frühstadium wenige Symptome. „Deshalb sind Vorsorgeuntersuchungen auch so wichtig“, sagt Dr. Sigrid Kaminiorz, Chefärztin der Klinik für Innere Medizin und Gastroenkologie der Klinik Bergmannsheil Buer. „Jedes Jahr erkranken etwa 57 000 Menschen in Deutschland an Darmkrebs, 30 000 sterben daran.“ Dabei entwickle sich der Tumor aus zunächst harmlosen Wucherungen, so genannten Polypen. „Werden diese rechtzeitig entdeckt, ist die Chance auf Heilung sehr groß“, so die Expertin. Trotzdem nehmen wenig Menschen die Vorsorgeuntersuchungen wahr. Nur etwa 15 Prozent der Männer und doppelt so viele Frauen lassen sich regelmäßig auf Darmkrebs untersuchen.

Normaler Weise beginnt die jährliche Vorsorge ab dem 50. Lebensjahr. „Dazu gehört der so genannte Hämoccultest, der auf verstecktes Blut in Stuhl testet, sowie die rektale Untersuchung, das heißt die Austastung des Enddarms“, sagt Kaminiorz. Ab dem 55. Lebensjahr wird alle zehn Jahre auch eine Darmspiegelung empfohlen - auch wenn es bei den anderen Untersuchungen keine Auffälligkeiten gab. „Angst muss man vor der Darmspiegelung nicht haben“, sagt Kaminiorz. „Am unangenehmsten sind die Vorbereitungen, denn um eine Spiegelung durchführen zu können, muss der Darm leer sein.“ Aber auch hier entwickelt sich die Behandlung. Während noch vor Jahren vier Liter eines flüssigen Abführmittels nötig waren, sind es heute nur noch zwei.

„Bei der Untersuchung kann man auch eine Vollnarkose bekommen, was in den meisten Fällen sehr sinnvoll ist“, sagt Kaminiorz.

Darmkrebs hat oft genetische Ursachen

Ein erhöhtes Risiko an Darmkrebs zu erkranken haben Menschen

• bei denen in der Familie Darmkrebs aufgetreten ist

• die entzündliche Darmerkrankungen hatten wie Colitis ulcerosa oder Morbus Crohn

• die sehr viele Darmpolypen haben, was man als „familiäre adenomatöse Polyposis“ bezeichnet

„Darmkrebs ist oft genetisch bedingt“, so die Expertin. Deshalb sollten Menschen, bei denen die Erkrankung in der Familie schon mal vorgekommen ist, Vorsorgeuntersuchungen besonders ernst nehmen. Ist ein Verwandter schon vor dem 60. Lebensjahr an Darmkrebs erkrankt, sollte man Untersuchungen schon ab dem 40. Lebensjahr machen. Deshalb werden in Darmzentren auch spezielle genetische Beratungen angeboten.

Darmspezialisten und Betroffene können Ängste nehmen

Die Diagnose Krebs verunsichert Betroffene und macht oft Angst. „Für mich brach eine Welt zusammen“, beschreibt Temmler den Moment des Befundes. Trotzdem versuchte er optimistisch zu bleiben. „Aber jeder nimmt das anders auf, deshalb können Selbsthilfegruppen schon in der frühen Phase helfen.“ Außerdem können sich Betroffene mit Fragen und Problemen immer an ihren Arzt wenden sowie an Psycho-Onkologen, die sich auf Krebs und dessen psychischen Folgen spezialisiert haben.

Leben mit dem Stoma

„Oft haben Patienten mehr Angst vor dem Stoma als vor der Operation“, sagt Kaminiorz. „Denn der künstliche Ausgang wirkt sich stark auf den Alltag aus.“ Welche Kleidung kann man tragen? Welcher künstliche Ausgang passt zu welchem Patienten? Kann man auch weiterhin Sport machen? Am besten können diese Fragen Betroffene selbst beantworten. „Deshalb sind Sebsthilfegruppen wichtig“, sagt Temmler. „Hier kann man sich über Erfahrungen der verschiedenen Stoma-Arten austauschen.“

Und auch Stoma-Therapeuten können helfen. Sie zeigen dem Betroffenen wie er mit dem Gerät umgehen und worauf er achten muss. Oft arbeiten sie auch mit Ärzten zusammen. Um das Stoma optimal für den Patienten anzulegen, zeichnen sie verschiedene Positionen des Gerätes vor und prüfen beispielsweise, ob Bauchfalten oder der Hosenbund stören. „Auch für mich als Ärztin ist die Arbeit der Stoma-Therapeuten wichtig“, so die Expertin. „Sie kennen den Patienten in seiner häuslichen Umgebung und können deshalb besonders gut bei Problemen helfen.“

Carolin Voss

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