Bürger blockieren Ökostrom

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Berlin..  Ökostrom finden zwar viele gut, wenn es aber um den Ausbau geht, ist Schluss mit lustig. Beispiel Netzausbau: 3500 Kilometer neue Leitungen braucht es, um den Strom in die Haushalte zu bringen. Doch dagegen gibt es massiven Widerstand.

Sie nennen sich „Ge­genwind“, „Achtung Hoch­spannung“ oder „Lebenswertes Langenhorn“ – Bürgerinitiativen ge­gen den Ausbau der Infrastruktur für erneuerbare Energien. Die Volksinitiative Windrad will Ansammlungen von Windrädern in Brandenburg verhindern, Protestler im bayrischen Lech kämpfen ge­gen ein Wasserkraftwerk, in Thüringen liegt eine Hochspannungsleitung auf Eis, da Bürger und Politiker keinen Windstrom-Transport durch den Thüringer Wald wollen. Mal ist es die Furcht vor sinkenden Grundstückspreisen, mal die vor Elektrosmog, die Widerstand hervorruft.

Bürgerbeteiligung per Gesetz eingeschränkt

Deutschland droht ein Dauerkonflikt. Denn für den Um­stieg auf Ökostrom müssen die Netze ausgebaut und ergänzt werden. Speicherkraftwerke sind nötig, um die Versorgung bei Windflaute oder bedecktem Himmel zu sichern. Daran zweifeln auch die Grünen nicht. „Der Ausbau ist notwendig“, so die Umweltexperten der Bundestagsfraktion. Und die Bundesnetzagentur drängt auf eine rasche Erweiterung der Leitungen.

In einigen Wochen stellt die Deutsche Energieagentur (De­na) die Netzplanung für die nächsten Jahre vor. Die wichtigste Zahl ist bereits bekannt: 3500 Kilometer neue Stromtrassen hält die vom Bund und der Energiewirtschaft getragene Agentur für nötig. Binnen zehn Jahren sollen die Lücken geschlossen werden. Die Kosten dafür beziffert die Dena mit sechs Milliarden Euro.

Fakt ist, dass ohne die Investitionen Strom nicht zu Verbrauchern gebracht werden kann. Vor allem an und vor den Küsten entstehen Kraftwerke. Gebraucht wird Strom aber im Westen und Süden des Landes. Also müssen über große Distanzen Überlandleitungen installiert werden. Bisher ist der Ausbau schleppend. Nicht mal 100 Kilometer neue Trassen wurden gebaut.

Teure Erdkabel-Lösungen

Das liegt aber nicht nur am Widerstand vor Ort. Der Bund hat die Bürgerbeteiligung per Gesetz so weit eingeschränkt, dass sich Verzögerungen infolge langer Verfahren in Grenzen halten. Der Klageweg be­schränkt sich auf die höchste Instanz, das Bundesverwaltungsgericht. Trotzdem dauert es laut dem Hochspannungsnetzbetreiber Amprion, der in Deutschland etwa ein Drittel der Langstreckenverbindungen verantwortet, fünf bis zehn Jahre, bis der erste Pfeiler errichtet wird.

Bis 2015 will die RWE-Tochter zwischen Meppen und Wesel eine 130 Kilometer lange Hochspannungsleitung bauen. Wegen der frühen Einbindung von Kommunen, Bürgerinitiativen und Grundbesitzern hält sich der Widerstand gegen das Projekt in Grenzen. Teils werden bestehende Trassen ge­nutzt, teils wird der Strom über unterirdische Kabel geleitet. Vergrabene Leitungen würden auch andernorts beruhigend wirken. Doch das hat einen Preis. 1,2 Millionen Eu­ro kostet ein Kilometer oberirdisch installierte Leitung. „Die Verkabelung kostet das Vier- bis Zehnfache“, so Amprion.

Der Protest in Stuttgart ge­gen den neuen Bahnhof schreckt viele auf. Beim Netzausbau sollen Fehler wie die unzureichende Einbindung der Bürger vermieden werden. Die Grünen werfen Netzbetreibern hier mangelnden Willen vor.

Noch steht die Entwicklung der Ökostrom-Infrastruktur am Anfang. Für den Umstieg ist viel Geld nötig. Auf rund 40 Milliarden Euro taxieren Ex­perten die Kosten in den nächsten Jahrzehnten. Auf Verbraucher kommen Belastungen zu. Sie werden Investitionen letztlich über den Strompreis mitbezahlen.

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