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Bewegungsfreiheit

09.02.2012 | 18:29 Uhr

Mit ihrer Forderung, alte Menschen in Heimen seltener zu fixieren, spricht Gesundheitsministerin Steffens völlig zu Recht ein äußerst sensibles Thema an, das sonst gerne verschwiegen wird. Jeden Tag und jede Nacht werden in Deutschland tausendfach Menschen an ihr Bett oder ihren Rollstuhl gefesselt.

Auch, wenn man bei diesem Gedanken zunächst laut aufschreien möchte: oftmals dienen die Fixierungen dem Schutz der Menschen. So können beispielsweise Parkinson-Patienten ihre Bewegungen oft nur schwer kontrollieren und stürzen häufig. Demente Menschen reagieren oft aggressiv und schaden sich selbst.

Ist die Fixierung eine berechtigte Schutzmaßnahme, ist dagegen in der Regel nichts einzuwenden. Unruhige Patienten müssen allerdings während der Fixierung möglichst engmaschig beobachtet werden, um Verletzungen auszuschließen. Hier genau liegt aber das Problem. Oftmals wird die Fesselung eingesetzt, weil das überforderte Personal der Lage nicht Herr wird. Es darf nicht sein, dass alte Menschen darunter leiden müssen, dass ein Alten- oder Pflegeheim zu wenig Personal hat. In solchen Fällen ist eine Fixierung nichts anderes als Freiheitsberaubung. Jedes Handeln, das alten Menschen psychische oder physische Verletzungen zufügt oder ihre Rechte einschränkt, ist letztlich eine Gewalttat.

Heime können nicht nach Lust und Laune alte Menschen fesseln. Dafür ist in der Regel eine richterliche Anordnung nötig. In fast 100 000 Fällen haben deutsche Gerichte allein im Jahr 2010 freiheitsentziehende Maßnahmen angeordnet. Viele davon sind laut Experten nicht notwendig.

Die Landesregierung tut gut daran, andere Wege einzufordern. Man kann unsichere Menschen beispielsweise auch mit Protektoren oder Helmen vor Stürzen schützen. Letztendlich hilft hier aber nur mehr Personal.

Alte Menschen sollten sich soviel bewegen können, wie möglich. Auf lange Sicht profitieren davon alle. Denn liegt ein alter Mensch erst einmal im Bett, fängt das Leiden oft erst an.

Marc-André Podgornik

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Kommentare
09.02.2012
23:11
Bewegungsfreiheit
von eni21 | #1

Alles schöne Worte. Wenn 2 - 3 Schwestern auf nur 20 demente / unruhige Patienten aufpassen sollen, scheitert das einfach. Und oft sind es 30 Patienten. Man kann nicht überall zugleich sein und mehr Personal gibt es nicht ohne weiteres. Ohne Anordnung darf nicht gefesselt werden, fallen die Patienten aber aus dem Bett oder stürzen ist man dran. Gleichzeitig alle beaufsichtigen geht auch nicht.

Ich arbeite nicht im Pflegeheim, kann aber aus eigener beruflicher Erfahrung sagen, dass die Beaufsichtigung nur eines unruhigen Patienten oft die Anwesenheit einer Pflegekraft erfordert. Kommt Aggressivität dazu, ist man besser zu zweit.

Es fehlt einfach an Personal. Als ich meine Ausbildung machte, gabs noch Sitzwachen, die am Bett eines Patienten saßen und ihn beaufsichtigten. Ist heut gar nicht mehr drin.

Mich persönlich nervt es dann, wenn ich einen "richtigen" Patienten (frisch operiert, akuter Herzinfarkt) vernachlässigen muss, weil ein unruhiger / verwirrter Patient (z. B. mit Schenkelhalsfraktur) alle in Schach hält. Natürlich sind erst mal alle Patienten gleich, aber irgend einer fällt in solchen Situationen hinten runter. Soll ich den verwirrten aus dem Bett fallen lassen oder anschnallen, soll ich ihn säubern, wenn er sich mit Kot beschmiert hat oder soll ich dem Herzinfarktpatienten seine lebensnotwendige Therapie zukommen lassen? Wer ist wichtiger? Wer hat Vorrang? - Oft eine unlösbare Frage...

eni21, heute gefrustet

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