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Konzert

Auf Zeitreise mit Jean Michel Jarre

05.11.2011 | 11:13 Uhr
Auf Zeitreise mit Jean Michel Jarre

Dortmund.  Jean Michel Jarre, der französische Magier der elektronischen Musik, entführte seine Fans in der spärlich besuchten Westfalenhalle in eine Welt aus warmen Klängen, süßen Melodien und allerlei opulenten Sound-Spielereien.

Es ist immer schade, wenn die schönste Mehrzweckhalle Deutschlands nicht ausverkauft ist. Umso trauriger war der Anblick, den die Westfalenhalle beim Auftritt von Jean Michel Jarre bot: Der Innenraum und die an den Seiten aufgestellten Tribünen waren voll, die Ränge im weiten Rund der Halle blieben jedoch fast völlig leer.

Das hat Jarre, dieser Sound-Magier, nicht verdient. Denn das Konzert des Franzosen dürfte klanglich eine der besten Darbietungen in der Geschichte der alt-ehrwürdigen Halle gewesen sein. Selbst tiefste Bässe, die Jarre während seiner eher experimentellen Stücke mit den Reglern seiner unzähligen analogen Synthesizer erzeugt, finden ihren Weg in die Magengrube mit klarer Präzision. Nie zerrt auch nur ein Ton, jeder Sound sitzt.

Der Meister wirbelt wie ein Irrwisch

Jarre bildet mit seiner Extrovertiertheit und seiner kraftvollen Musik einen Gegenpol zum – Kraftwerk geschuldeten – Klischee des emotionslosen Elektro-Musikers. Sein Auftritt beginnt im Publikum, auf seinem Weg zur Bühne klatscht er die Fans ab, nimmt Teddybären entgegen, winkt, lacht – keine Spur von elektronischer Coolness. Er betritt die Bühne, auf der eine Phalanx aus allerlei elektronischem Equipment steht und legt mit seinen drei Begleitmusikern los. „Oxygène Part 2“ zieht das Publikum sofort in seinen Bann.

In der Folge wirbelt der Meister wie ein Irrwisch hinter seinem Instrument, hängt sich einen Moog Liberation – ein Kultobjekt – um und wirkt eher wie ein Rocker. Das etwas unterkühlte Publikum hat er da längst auf seiner Seite, doch noch trauen sich die Fans nicht so richtig aus sich heraus.

Das ist vielleicht auch Jarres Verschulden, der schnellen, eingängigen Stücken oft ausgetüftelte, experimentelle Werke folgen lässt, die den Fan doch eher im Kopf als im Bauch oder Herzen berühren. Natürlich ist es gigantisch, was der 63-jährige da zaubert, unterstützt von einer riesigen Videoprojektion. Aber es ist mitunter mehr faszinierend als mitreißend.

Frisch mit der Zeitmaschine aus dem Jahr 2081

Sein Spiel auf der legendären Laser-Harfe ist beeindruckend. Dieses fantastische Instrument nutzt Jarre schon seit 1981, doch es wirkt eher, als sei es gerade frisch mit der Zeitmaschine aus dem Jahr 2081 gekommen – da wird Musik zum Hingucker. Noch erstaunlicher: Die Therenin, ein Instrument, das Jarre gänzlich berührungslos spielt, wurde bereits 1928 erfunden, und nicht 2028.

Doch was ist all der technische Schnickschnack gegen eine simple Melodie? Als Jean Michel Jarre in die Tasten greift und „Rendez-vous“ anstimmt, lässt sich das Publikum nicht lange bitten und strömt an den Bühnenrand. Jetzt recken sich Hände in die Luft und klatschen, Fans beweisen, dass selbst Instrumental-Songs zum Mitsingen taugen und trällen inbrünstig „la, lala - lala, lala“ mit. Bis zu diesem Zeitpunkt ist schon eine Stunde vergangen.

Jarre in bester Rockstar-Manier mit umgehängtem Synthesizer

Die zweite Stunde wird denn auch schmissiger. Es folgen bekannte Stücke wie „Oxygène 4“, das wohl jeder kennt. Jetzt feuern die vier Musiker auf der Bühne ein Klang-Spektakel ab, das Publikum geht darauf ein und feiert mit. Da ist es nur ein kleiner Wehrmutstropfen, dass Klassiker wie das Steeldrum-Stück „Calypso 1“ oder „Magnetic Fields 2“ fehlen. Die hätten die Stimmung noch mehr angeheizt. So bleibt in der zweiten Hälfte des Konzerts „Calypso 3“ der bombastische Höhepunkt, als Jarre in bester Rockstar-Manier mit umgehängtem Synthesizer spielt und die Fans in seinen Bann zieht.

Aber wie soll ein Künstler, der seit Anfang der 70er Jahre aktiv ist, auch jeden Klassiker in seinem Programm unterbringen? Und es ist ja auch angenehm, einmal jenseits der ausgetretenen Pfade zu wandeln. Mit Jean Michel Jarre macht diese Wanderung jedenfalls Spaß.

Stefan Reinke

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Kommentare
05.11.2011
17:52
Besucherzahlen
von druffeler | #4

Kein Wunder, wenn das Konzert lt. Website der Westfalenhalle fast komplett ausverkauft ist! Ich habe am Donnerstag noch einmal auf der Seite geschaut. Da waren noch ganze 2 Karten für 43 Euro zu bekommen. Da müssen viele Besucher ihre Karten nicht eingelöst haben. Ein Teil der Kartenbesitzer hatte wohl das gleiche Glück wie ich! Nachdem wir unseren Platz in der obersten Reihe der Halle eingenommen hatten, wurden unsere Karte von einer netten Dame in Karten im seitlichen Innenraum getauscht, da dort wohl mehr Stühle aufgebaut wurden als vorgesehen. Vor der Halle wurden vor dem Konzert auf jeden Fall noch Karten gesucht! Lt. Website sollte um 18:30 Uhr Einlass sein. Fehlanzeige! Eher Viertel nach Sieben. Die Abendkasse sollte um 19:00 Uhr geöffnet werden. Ob das zutreffend war - keine Ahnung. Es ist jedenfalls schade, dass so viele leere Stühle dieses tolle Konzert erleben mussten.

05.11.2011
13:51
Besucherzahlen
von ppaula | #3

Erstaunlich ist eigentlich, dass selbst bei 40 EUR Ticketpreis die Halle leerbleibt. So einen Preis hat man auch vor 20 Jahren gezahlt. Für Köln gab es bei Eventim sogar "Special-Tickets" ab 8 EUR.

Insofern hat es mehr mit Angebot und Nachfrage und nicht mit Krise zu tun.

05.11.2011
13:47
Wer wie was
von ppaula | #2

"Die Therenin" heißt das Theremin und wurde 1918/1919 entwickelt und nicht 1928.

05.11.2011
13:30
Treffender Bericht - Was wird aus dem Konzertstandort Dortmund?
von xxyz | #1

In der Dortmund und Umgebung gibt es wohl nur noch ein kleines Publikum, das Konzerte besucht. Hierfür ist das Konzerthaus mit dem kleinen Fassungsvermögen ausreichend.
Werden die großen Veranstaltung, wenn sie nicht massiv gesponsort werden, bald verschwinden? Großen Teilen der Bevölkerung fehlt einfach das Geld. Deshalb werden viele Künstler die Region vermutlich bald meiden.
Aktuell gibt es noch die Comedy-Sonderkonjunktur mit absteigenden Tendenzen. Auch das spricht für die Krisentheorie. Denn in schlechten Zeiten hat man immer nur ins Lachen investiert.

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