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Asketische Turner mussten Hühnern Platz machen

19.02.2010 | 18:00 Uhr
Asketische Turner mussten Hühnern Platz machen

Siegen-Geisweid. Groß war die Vielfalt des gastronomischen Angebots sowohl im alten „Kloawend” als auch „ob dr Geisweid”...

...wie vor allem die einheimischen „Fürsten” gerne unterschieden wissen wollen.

Das Gebiet um die Birlenbacher Hütte im Süden und das Stahlwerk jenseits der Bahngleise gaben die Strukturen vor. Dazwischen, in der dörflichen „City”, so renommierte Lokalitäten wie das alte Café Römer, die Gaststätte Kreutz am Marktplatz oder der etwas abseits gelegene Gasthof „Zum Wiesental”. Reisende und Vertreter wollten gut übernachten und nach Geschäftsabschlüssen gepflegt speisen, während die schichtarbeitenden Walzwerker die Bierstube zum Durstlöschen bevorzugten.

„Stahl und Eisen” aus rotem und weißem Korn

Entspannung suchten sie nach harter Tagesarbeit alle, und so war vom legendären „Stahlhof”, wo einst Ex-Bundestrainer Sepp Herberger von Bürgermeister Hans Berner und Hans Elbracht zum Ehrenmitglied des VfL 08 Klafeld-Geisweid ernannt wurde, über das „Café Hemdhoch” bis „Zum blutigen Knochen” für jeden etwas im Angebot.

„Stahl und Eisen” war ein Mixgetränk aus rotem und weißem Korn, der das glühende Eisen und den erkalteten Stahl symbolisieren sollte – damit zollten die Wirte dem Stahlstandort ihre Reverenz.

Viele der legendären Gaststätten bestehen heute nicht mehr. Wenige werden als Familienbetriebe weitergeführt, wie etwa der Gasthof „Zum Wiesental” der Familie Reeh. Hier führte einst Anna Kirsch, die Mutter der inzwischen über 80-jährigen Emmi Reeh, mit ihrem Mann neben der Gaststätte auch ein Lebensmittelgeschäft.

Schöne Aussicht” auf die Schlackenhalde

Als die asketischen Turner der TG „Friesen” dort in entbehrungsreichen Zeiten zwischen den Weltkriegen bei ihren Versammlungen zu wenig verzehrten, entschloss sich Anna Kirsch zu einer resoluten Maßnahme. Mit dem Ausspruch „Turner rus, Höhner op den Saal” begründete sie die landwirtschaftliche Neuausrichtung des Saalbetriebs.

Wegen seiner Tanzabende war der Gasthof Kreutz am Marktplatz bekannt und beliebt. Während im „Hotel Bahnhof” bei Wirtin Else Mockenhaupt eher die Prominenz abstieg, die offensichtlich von der großen Hausaufschrift „Deutscher Kaiser” angezogen wurde, kehrte in die gegenüberliegende Wirtschaft Faßbender eher das gemeine Volk ein. Auch die Bahnhofswirtschaft 1. und 2. Klasse, von der Trapp-Familie mit Vater Clemens an der Spitze geführt, war ein beliebter Treffpunkt. Die Blechwalzwerker holten sich dagegen bei Hubert Epke am legendären „Tor 3” der Stahlwerke gerne Flaschenbiernachschub. Eher zur Birlenbacher Hütte, der SAG und der Fa. Hundt und Weber orientierte sich der Gasthof Böcking. Warum er sich „Zur schönen Aussicht” nannte? Nun, man sah gegenüber die Geisweider Sandhalde, auch „Fujijama” oder „Monte Schlacko” genannt.

In der Hüttenstraße betrieb Hermann Afflerbach den „Gasthof zur Krone”, der später vom Wirteehepaar Lenz fortgeführt wurde, derweil Doris Afflerbach der „Krone” mit der Eröffnung der ersten Klafelder Bar „Monbijou” im Seitenflügel noch ein „Krönchen” anfügte. Nur einen Steinwurf weit entfernt an der Ecke zur Birlenbacher Straße befand sich der Gasthof Walpersdorf. Hier hatten Stammtischfreunde ihr gastronomisches Zuhause, und der bekannte Skatklub erfreute sich eines starken Zulaufes aus dem benachbarten Schneppenkauten. An manchen Gaststätten wie dem „Alt Kloawend” an der jetzigen Sohlbacher Straße wurden im Laufe der Jahre Verjüngungskuren oder Wiederbelebungsversuche mit wechselndem Erfolg vorgenommen. Was bleibt, ist die Erinnerung an eine Gaststättenkultur, auf die Kloawender wie Fürschde gleichermaßen stolz sind.

Asketische Turner mussten Hühnern Platz...

Horst Bach

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