3 Mio. Euro Schaden durch Betrügereien
03.04.2008 | 11:57 Uhr 2008-04-03T11:57:00+0200Kreisgebiet/Siegen. Staatsanwalt Ulrich Hettwer musste gestern gut bei Stimme sein, als er die Anklageschriften gegen einen gebürtigen Olper Geschäftsmann verlas. Über 40 Minuten trug Hettwer einen ganzen Strauß von Anklagepunkten vor. ...
... Der 39-jährige Geschäftsmann und ehemalige Olper Schützenkönig soll über Jahre hinweg systematisch betrogen haben.Mit auf der Anklagebank sitzt auch ein 44-jähriger Bekannter des Ex-Königs, der laut Anklage bei einem Teil der Betrügereien mit im Boot saß und das Konto zur Verfügung stellte, auf das die erschwindelten Gelder flossen.
Der gestern begonnene Prozess vor der Wirtschaftsstrafkammer des Landgerichts Siegen wird sich länger hinziegen. Bisher sind 15 Verhandlungstage vorgesehen; mit einem Urteil wird Mitte Juli gerechnet. Zum Auftakt war der Gerichtssaal mit sehr vielen Zuhörern besetzt.
Insgesamt richtete der Hauptangeklagte laut Anklage von Ende 2000 bis Oktober 2007 einen Schaden von über drei Millionen Euro an. Hauptbetroffene waren sein ehemaliger Arbeitgeber Polartherm in Netphen, die Sparkasse Hochsauerland in Brilon und die KfW-Mittelstandsbank. Doch auch mehrere Handwerker, Händler und Privatleute fielen auf den smarten Geschäftsmann, dem nebem gewerbsmäßigen Betrug auch Titelmissbrauch vorgeworfen wird, herein.
Von den immensen Summen, die der 39-Jährige sich laut Anklage ergaunerte, ist offensichtlich kaum noch etwas da. Fast alles ging offenbar für den aufwändigen Lebensstil des passionierten Jägers, der mit seiner Familie in Schönau wohnte, drauf. Mit dem schönen Leben ist es seit fünfeinhalb Monaten indes vorbei. Seitdem sitzt der 39-Jährige, der im Gerichtssaal recht blass und hager wirkte, in Untersuchungshaft.
Bei seinem früheren Arbeitgeber Polartherm soll der Mann zwischen 2001 und 2004 überwiegend nach einer Masche abkassiert haben: Für erfundene Bauvorhaben, unter anderem in Bonn und München, schrieb er Materialrechungen eines Vorlieferanten. Hinter dieser Scheinfirma "Schwarzl GmbH" steckte der 39-Jährige selbst. Polarglas zahlte die Rechnungen. Das Geld floss auf Konten in Bayern oder Österreich, die seinem Bekannten gehörten. Auf diese Weise schädigte der gebürtige Olper seinen Arbeitgeber um ca. 660 000 Euro. In weiteren Fällen leitete er teures Material für ca. 79 000 Euro auf andere Baustellen um.
Der gebürtige Olper ließ sich laut Anklage nicht lange von weiteren windigen Geschäften abhalten, nachdem seine krummen Touren bei Polartherm Anfang 2005 aufgeflogen waren. Auch zwölf Tage Untersuchungshaft brachten ihn offensichtlich nicht auf den Weg der Tugend.
Er begann 2005 mit den Vorbereitungen zur Gründung einer eigenen Firma. Diese „Fipro GmbH” hatte angeblich ein neuartiges Verfahren zur Produktion von Brandschutzglas samt zugehöriger Rahmenkonstruktion entwickelt. Mit dieser Geschäftsidee konnte er professionelle Geldgeber beeindrucken. Die KfW-Mittelstandsbank in Düsseldorf gewährte zunächst 150 000 Euro Anschubfinanzierung und später ein Darlehen von 361 400 Euro. Dieses KfW-Darlehen war laut Staatsanwalt Hettwer der „Türöffner” zum großen Geld: Die Sparkasse Hochsauerland in Brilon zahlte an den Geschäftsmann stolze 1,1 Millionen Euro aus. Zusätzlich erhielt der 39-Jährige bei der Sparkasse einen Girokreditrahmen von 150 000 Euro, den er in mehr als doppelter Höhe in Anspruch nahm. Brandschutzglas wurde nie produziert, aber laut Anklageschriften munter weiter betrogen. Die Ausgaben für die Erstellung und Pflege des Internetauftritts in Höhe von 25 000 Euro zahlte er ebensowenig wie die 22 200 Euro für eine schmiedeeiserne Toranlage für ein Anwesen, das er sich in Gevelinghausen bei Olsberg gekauft hatte. Apropos Anwesen: Vom Kaufpreis von 350 000 Euro zahlte der Geschäftsmann nur 122 000 Euro, davon 100 000 Euro über das Konto jenes Olper Rechtsanwaltes, der vor einigen Wochen noch als Angeklagter vor der Wirtschafts-strafkammer saß. Und das Kartenhaus an Betrügereien wuchs noch weiter, wie Staatsanwalt Hettwer auflistete. Im Sommer 2007 trat der Schönauer als Sponsor des VSV Wenden auf und stattete die erste und zweite Mannschaft komplett neu aus. Die Rechnung des Sporthauses Häner in Wenden in Höhe von 13 800 Euro beglich der „Sponsor” aber nicht. Von einer Schreinerei in Lennestadt kassierte der Geschäftsmann 49 000 Euro für Photovoltaik-Module, die jedoch nie geliefert wurden. Bei einem Briloner Autohaus leaste der 39-Jährige, der bei Rückfragen nach seiner finanziellen Situation auf „private Fleischtöpfe” verwies, einen BMW 318 und einen BMW 730. Die Anzahlungen von etwa 47 000 Euro blieb er ebenso schuldig wie die monatlichen Raten. Nach der Verlesung der umfangreichen Anklageschrift wurde gestern zunächst der mitangeklagte Bekannte des Ex-Schützenkönigs befragt. Der 44-Jährige sagte aus, er habe sein Konto zwar für die Geldtransaktionen zur Verfügung gestellt, aber bis fast zuletzt nicht gewusst, dass mit den Geschäften des Olpers etwas nicht in Ordnung gewesen sei.

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