1. Siegener Biennale eröffnet
11.04.2009 | 09:24 Uhr 2009-04-11T09:24:00+0200
Siegen. Die 1. Siegener Biennale – Motto: „Vom Verlieren” – ist am Freitagabend im Apollo-Theater eröffnet worden. Die Premieren-Gäste sahen „Hiob” in der Inszenierung der Münchner Kammerspiele.
Das Fest nehme sich eines drängenden und verdrängten Themas an, meinte Apollo-Intendant Magnus Reitschuster zuvor im eigens für die Biennale aufgebauten Zelt auf dem Scheiner-Platz. Er erinnerte an die schwere Geburt des Siegener Theaters und verkniff sich eine Spitze nicht: „Wir hatten einen Traum. Und dieses ,Wir' darf so uneingeschränkt gesagt sein, weil der Stadtkämmerer heute nicht hier sein kann.” Im „Nutzungskonzept” aus dem Jahr 1999 seien bereits ausdrücklich neben dem Deutschen Theater Berlin die Münchner Kammerspiele erwähnt: „Was soll man dazu sagen, heute, zehn Jahre später, eine Stunde vor Beginn der ,Hiob'-Vorstellung? Nur das: Wir haben einfach gemacht, was versprochen wurde.”
Später griff er den Begriff „Wir” noch einmal auf: „Nicht im Sinne von ,Wir sind Papst', was sich in der Zwischenzeit mancher verbitten würde. Aber ich behaupte an diesem Karfreitag: Wir sind Hiob.” Vorbei seien die Zeiten der „Winwin”-Situationen, „als es keinerlei Probleme gab, lediglich Herausforderungen. Vorbei die Verheißungen der Rendite-Götter, als Kants kategorischer Imperativ an der Börse gehandelt wurde und lautete: „Sei gut drauf und mach money, wie auch immer.”
„Wir sind Hiob” sage er aber auch, weil er Optimist sei, denn der Hiob der Bibel und der des Premierenabends endeten nahezu „hollywoodhaft” wahrhaft glücklich: „Und der Herr segnete Hiob fortan mehr als einst.”
Das Festivalzelt vor dem Apollo solle auch Einladung sein „an jene Bürger, die bisher noch Berührungsängste mit dem Theater haben – wenn es denn solche gibt”, sagte der Vorsitzende des Apollo-Trägervereins, Walter Schwerdfeger. Das Zelt ist täglich ab 18 Uhr geöffnet, ab 19 Uhr heißt es jeweils „Apollo begrüßt”.
Flohren: Verlierer ist, wer das Festival verpasst
Die manchen heute noch immer schmerzende Überschrift über einem Artikel der Süddeutschen Zeitung aus den 90er Jahren wandelte schließlich Siegens stellvertretende Bürgermeister Angelika Flohren in ihrem Grußwort ab: „Was ist schlimmer als Verlieren? Die 1. Siegener Biennale verpasst zu haben.” Musikalisch umrahmt wurde die Eröffnungsfeier von Olja Kaiser (Philharmonie Südwestfalen), die sanfte Harfentöne anschlug.
Foto: Beim zweiten Anlauf klappte es: Mit dem Stab des Teiresias aus der Apollo-Inszenierung der „Antigone”, gefertigt aus „halbreinem Gold und reinstem Siegerländer Haubergsholz”, schlugen Magnus Reitschuster, Walter Schwerdfeger und Julia Lochte, Chefdramaturgin der Münchner Kammerspiele, Wasser aus dem Felsen vor dem Theater. Fotos: Hartmut Reeh
Kommentar
Für Siegens Theaterfreunde ist es wahrhaftig ein großes Fest, für die Theatermacher am Scheiner-Platz ist die 1. Siegener Biennale außerdem mit einem dicken Batzen Genugtuung verbunden. Denn das, was vor einem Jahrzehnt von Magnus Reitschuster und einigen unverbesserlichen Optimisten als „Regionaltheater” angestoßen wurde, hat spätestens mit der Premiere an Karfreitag die Grenzen des Dreiländerecks weit überschritten – nicht nur durch die bundesweiten Schlagzeilen, die die geniale Marketing-Aktion des Intendanten rund um die 1 000 Hypo Real Estate-Aktien für das von zwei Jurys auszuwählende beste Stück der Biennale machte.
Was sich in den nächsten drei Wochen im Apollo-Theater abspielt, hätte vor zehn, ja vor vier oder fünf Jahren kaum jemand für möglich gehalten. Und so müssen all jene, die sich in den vergangenen Monaten – nicht selten zu Recht – über die sich häufenden Rufe nach Nachbesserungen und die damit verbundenen finanziellen Forderungen des Theaters und seines Trägervereins geärgert haben, eines einräumen: Apollo ist auch überregional mittlerweile zum Markenzeichen für die Stadt geworden – und davon hat Siegen ja seit der Sportfreunde-Pleite nicht mehr übermäßig viele.

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