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Undercover

Günter Wallraff prangert Paketdienst GLS an

31.05.2012 | 06:45 Uhr
Günter Wallraff war wieder undercover unterwegs - beim Paketlieferanten GLS. Foto: dapd

Essen.  Er war Bild-Reporter, türkischer Gastarbeiter und Obdachloser: Jetzt ist Günter Wallraff erneut in eine Rolle geschlüpft, um undercover Missstände anzuprangern. Beim drittgrößten deutschen Paketlieferanten GLS arbeitete er mehrere Wochen unerkannt als Paketbote. RTL räumte der Enthüllungsstory einen eigenen Sendeplatz ein.

Die Musik ist reißerisch, Günter Wallraffs Gesicht blendet in die Gesichter seiner Undercover-Figuren über, aus dem Off erklingt eine Frauenstimme: „Sein Gesicht kennt jeder.“ Offenbar nicht, denn wieder einmal ist es Enthüllungsjournalist Günter Wallraff gelungen, sich unerkannt in ein Unternehmen einzuschleusen und dort mögliche Unstimmigkeiten hautnah zu recherchieren.

Weil er mit seinen Reportagen nun auch gezielt ein jüngeres Publikum ansprechen will, arbeitete der Journalist erstmals mit RTL zusammen. Diesmal hat sich der umtriebige Aufdecker den Paketlieferanten GLS ausgesucht. „Kostenloser Versand“ –  was für den Verbraucher toll klingt, bedeutet für die Paketzusteller bei GLS einen 14-Stunden-Tag, keine Pausen und eine unterirdische Bezahlung. So prangert es Wallraff an, der die einstündige Reportage bis auf wenige Einspieler aus der Ich-Perspektive kommentiert.

Medikamente statt Pausenbrote

Um sich selbst ein Bild von der Arbeit bei GLS zu machen, macht Wallraff im Herbst 2011 das, was er am liebsten tut: Er verkleidet sich und wird vom bekannten Enthüllungsjournalisten zum namenlosen Paketboten. Eine Woche lang begleitet er zunächst Andreas Fischer, der seit vier Jahren für das Paketunternehmen als Fahrer arbeitet. Aufstehen um vier Uhr früh, Pakete sortieren und dann endlose Fahrten mit dem GLS-Transporter – der monoton hektische Arbeitsalltag der Fahrer bringt den wahrlich nicht mehr ganz jungen Günter Wallraff ordentlich ins Schwitzen.

Nach fast sechs Stunden Arbeiten ohne Pause drängt sich die Frage Wallraffs an den jungen Paketboten Fischer fast schon auf: „ Hast du eigentlich keinen Hunger? Wann machst du denn mal Pause?“ Statt belegter Brote finden sich Medikamente im Handschuhfach. Nach vier Jahren bei GLS hat Andreas Fischer sich den Hunger während der Arbeit abgewöhnt. „Ich hab hier was für Magenschmerzen, für Kopfschmerzen, das hilft über den Tag.“

Wallraff ist ernsthaft erschüttert

Keine Pause, kein Essen – dass das nicht lange gut gehen kann, hat Fahrer Sascha Mex am eigenen Leib erfahren. Mit nur vier Stunden Schlaf täglich unter der Woche war der 32-jährige Familienvater bereits mehrfach kurz davor, durch Sekundenschlaf einen Unfall zu bauen. „Ich bin ein paar Mal fast am Steuer eingeschlafen, weil ich nicht genug Schlaf bekomme.“

Günter Wallraff ist nach einer Woche Pakete ausliefern sichtlich erschöpft. Bis zu 40 Kilogramm wiegen einzelne Pakete, Fahrer tragen damit am Tag quasi einen Kleinlaster durch die Gegend.

Doch Wallraff interessieren nicht nur die Fahrer. Er trifft auch ehemalige Subunternehmer, die für GLS die Fahrer beschäftigen. Direkt angestellt bei dem großen Transportunternehmen ist keiner der Fahrer. Aus ihren Reihen rekrutiert GLS die Subunternehmer, die dann ihrerseits die Fahrer bei sich anstellen.

Dass dieser Aufstieg ein durchaus zweifelhafter sein kann, zeigt das Beispiel Jan Jansen: Günter Wallraff zeigt sich ernsthaft erschüttert, als der 26-Jährige bedrückt von den 113.000 Euro Schulden erzählt, die ihm die Zukunft verbaut haben.  Angehäuft haben sie sich durch Investitionen in Fahrzeuge, vermeintliche Bußgelder und gedrückte Paketpreise von GLS. Mit leiser Stimme erzählt Jan Jansen, dass seine Aussicht auf eine Hochzeit und Kinder mit dem Wagnis GLS für ihn gescheitert sind.

GLS ist nicht das einzige schwarze Schaf, weiß Wallraff

Es sind Bilder, die gut ins RTL-Schema passen und Wallraff womöglich das junge Publikum bescheren, das er mit dieser erstmaligen Ausstrahlung seiner Undercover-Recherchen erreichen wollte. Wenn der aus Ghana stammende Augustine Frimpong von den zwölf bis 14 Arbeitsstunden pro Tag und seinem Stundenlohn von nicht einmal vier Euro erzählt und dabei seiner kleinen Tochter die Milchflasche gibt, ist mit diesem Bild eigentlich schon alles gesagt, was Wallraff mit seiner mehrmonatigen Recherche mittteilen möchte: Der Paketbote ist ein moderner Sklave.

Wirklich erschütternd wird Wallraffs Reportage, als er einen Manager-Bewerber mit versteckter Kamera in die Führungsebene eines Depots schickt und auf diese Weise die Ansichten der Manager über ihre Fahrer ungeschminkt zu hören bekommt. Bei Aussagen wie „Leider haben wir hier in der Gegend fast Vollbeschäftigung, da bekommen wir für die Fahrer-Jobs nur noch das letzte Pack ab“ ruhig zu bleiben, fällt nicht nur Wallraff  schwer.

Wenn dann eine führende Managerin eines Depots in aller Ernsthaftigkeit versichert, dass „das ein relativer harter Job“ sei, aber „diese Leute sind dazu geboren“, klingt „kostenloser Versand“ plötzlich wie blanker Hohn in den Ohren. 1,74 Milliarden Euro Umsatz macht GLS jährlich – auf den Rücken der Fahrer, so Wallraffs Fazit nach seiner mehrmonatigen Recherche.

Dass das Unternehmen mit Sitz in Amsterdam sicherlich nicht das einzige schwarze Schaf der Branche ist, weiß auch Wallraff. In der anschließenden Stern-TV-Sendung kündigte er an, auch bei Paketlieferkonkurrent Hermes die Arbeitsbedingungen zu überprüfen – natürlich undercover.

Günter Wallraff: Schwarz auf Weiß

 

Anna Gemünd



Kommentare
03.06.2012
01:47
Günter Wallraff prangert Paketdienst GLS an
von mirap | #45

nein die gesellschaft war schon immer so.....nur sind die gegenstimmen leiser geworden weil heute noch mehr wie früher die lobby regiert.....

selbst die gerkschaftsfunktionäre fürchten um ihre pfründe deshalb gibt es alibiveranstaltungen bei denen 7% gefordert werden um sich dann "nach schwierigen verhandlungen und mit bauchschmerzen" auf der einen und einem "wir sind soweit entgegen gekommen wie es möglich war" auf der anderen seite auf die vorher vereinbarten maximal 3% zu "einigen"....
also mit glück einem inflationsausgleich....

wann gab es denn den letzten reallohnzuwachs inflationsbereinigt? 1980?

das dürfte in etwa hinkommen.....

02.06.2012
14:32
Günter Wallraff prangert Paketdienst GLS an
von hutterp | #44

Lustig sind immer solche Anmerkungen wie:
"Ich bin ja kein Freund von dem und dem, aber da hat er recht" (ellerw1)

Das sagen all die mit der allgemeinen latent neoliberalen Einheits"meinung", die es nicht besser wissen und wenn sie dann mal erkennen, wie verderblich dieser neoliberale Schwachsinn ist, dann können sie sich auich nciht richtig durchringen.
Dann kommt das: ja, aber.

Diese Gesellschaft ist schwachsinnig geworden.


01.06.2012
23:28
Günter Wallraff prangert Paketdienst GLS an
von indi1234 | #43

.....solche Männer braucht das Land.!!
Wo sind denn die Männer, die nach Feierabend vor der Theke stehen und Sprüche zum besten geben?
Wenn es hart auf hart kommt ziehen die meisten den Schwanz ein.
Schaut euch diesen Mann an.
Fast 70 und zeigt euch noch, wo`s lang geht.
Mut und Zivilcourage, wer von den jugendlichen Grossmäulern hat das noch?

01.06.2012
13:36
Günter Wallraff prangert Paketdienst GLS an
von mirap | #42

hier die ndr reportage

http://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/45_min/videos/minuten393.html

01.06.2012
09:57
Günter Wallraff prangert Paketdienst GLS an
von TausOB | #41

Nix gegen Herrn Wallraff...
aber das gleiche gab es vor ein paar Monaten schon vom NDR.Nur war da der Paketdienst ein anderer.Warum wurde dieser und der Autor nicht so "abgefeiert"?

Hier noch mal Wallraffs Reportage zum Nachlesen:http://www.zeit.de/2012/23/Wallraff-Paketzusteller/komplettansicht

Wobei...Ist zwar nur eine Kleinigkeit,aber da fängt es ja meistens an:Er schreibt:
"...denn nur nach 14 Stunden können sie den steuerfreien »Verpflegungsmehraufwand« von täglich zwölf Euro abrechnen."
Den steuerfreien Verpflegungsmehraufwand kann man bereits bei mehr als 8 Stunden Auswärtstätigkeit abrechnen.Macht dann zwar nur 6 Euro,aber immerhin...

01.06.2012
05:56
Günter Wallraff prangert Paketdienst GLS an
von rtf | #40

tja...aber die meisten Bürger erwarten ja einen kostenlosen Versand, darf ja alles nix kosten...den Schuh hat sich auch ein Verbraucher anzuziehen....ich sag nur Geiz ist geil! Übrigens stellte sich Post (DHL) vor einigen Monaten mal demonstrativ hin und gab zu wissen, dass sie natürlich immer als Minimum den geforderten Mindestlohn von 9,80 € zahlen würde....was nicht erwähnt wurde, waren die Subunternehmer der Post, die dann doch wieder bei 6 € und weniger ankamen....alles sehr zynisch

01.06.2012
02:27
Günter Wallraff prangert Paketdienst GLS an
von ellerw1 | #39

GLS hat sich schon gemeldet! Hat natürlich dementiert. GLS würde Wert auf partnerschaftliche Zusammenarbeit legen. GLS, ich bin auch kein so richtiger Freund von Herrn Wallraff, aber es stimmt was er berichtet. Ich habe es auch erlebt. Und ich habe nur zwei Wochen ausgehalten.



1 Antwort
es stimmt zwar,
von Hansiwurstl | #39-1

nur ist es überhaupt nicht neu!

Schon im letzten Jahr gab es eine entsprechende Doku in den öffentlich-Rechtlichen. Bei "die Reportage" oder so.

01.06.2012
00:47
Günter Wallraff prangert Paketdienst GLS an
von mirap | #38

interessant ist auch das dir die arbeitagentur eine sperrfrist verpassen kann wenn du dich mit "zu hohen lohnforderungen" gegen "branchenübliche" löhne wehrst selbst wenn diese löhne offensichtlich sittenwidrig sind.....

"eigenverschulden" und "ihnen wurde ja ein arbeitsplatz angeboten bei dem sie mehr geld bekommen hätten wie das alg"

auf den einwand "aber wenn ich den job annehme sinkt mein nächstes arbeitslosengeld wegen des geringen lohnes noch weiter ab" gab es nur ein "ich kann nur nach rechtslage entscheiden"

SO weit sind wir schon.....das selbst löhne die dein arbeitslosengeld verschlechtern angenommen werden MÜSSEN sofern sie 1 euro mehr wie alg bringen....

hauptsache ein arbeitsloser aus der statistik raus.....das der dann aufstocker wird ist der statistik egal....

31.05.2012
23:14
Günter Wallraff prangert Paketdienst GLS an
von darkblu2006 | #37

Ich kenne aus eigener Erfahrung DHL und Trans o Flex und kann nur sagen das es da nicht besser aussieht was die Bezahlung und die Arbeitsbedingungen angeht.Vor allem die Subs können einem leid tun ,da sie mittlerweile weniger für die Zustellung bekommen als vor 10 Jahren und das bei den gestiegenen Preisen vor allem beim Sprit .Auch bei mir als Fahrer ist die Bezahlung immer schlechter geworden anstatt besser.Auch geht es immer mehr zu Lasten der Sicherheit ,wie in dem Artikel schon beschrieben ist der Sekundenschlaf nicht unüblich, zusätzlich kommt aber noch das bei der Wartung der Fahrzeuge gespart wird (Winterreifen !,Bremsen).In meiner Zeit bei DHL sind 4 Subunternehmer pleite gegangen, für dich ich gefahren bin und das bei großem persönlichen teils auch familiären Einsatz.Üble Zustände die keinen interessieren ...

3 Antworten
ach Gott...
von Hansiwurstl | #37-1

wenn man sich für jeden üblen Zustand auf irgendwelchen Arbeitsplätzen interessieren müsste...

Günter Wallraff prangert Paketdienst GLS an
von mirap | #37-2

und was wenn dich die arbeitsagentur genau zu solchen vertretern schickt?
so bekommt man arbeitslose aus der statistik raus....

ablehnen heisst sperrzeit.....

nicht berwerben heisst sperrzeit...

zu hohe lohnforderung heisst sperrzeit.....

alles "eigenverschulden"......

alles gewollt

Günter Wallraff prangert Paketdienst GLS an
von Hansiwurstl | #37-3

bisher konnte mir das Asi-Amt noch keinen dieser Übel-Jobs andrehen und alles ohne Sanktionen. Gewußt wie...

Man KANN diesen Jobs entgehen. Es ist nur vielmehr so, daß die meisten dieser "Opfer" sich einen darauf runterholen, besonders fleißig zu sein. Die Bergleute, die jetzt mit Staublunge als Schwerstpflegefälle dahinsichen, gaben auch einst vor, stolz auf ihren Sche*ßjob zu sein. In Wirklichkeit haben sie sich ein Leben lang gequält.

Was wir eigentlich bräuchten, wäre eine gesellschaftliche Bewußtseinsänderung, dahingehend daß der Wert der Person nicht über einen Arbeitsplatz definiert wird.

Bis dahin muß jeder Erwerbslose für sich selbst sorgen und sich von diesem Erwartungsdruck nicht beeindrucken lassen.

31.05.2012
22:01
Günter Wallraff prangert Paketdienst GLS an
von Hansiwurstl | #36

wie tief ist der weinerliche Wallraff bloß gesunken, daß er seine "Enthüllung" jetzt schon im Asi-Sender verbreiten muss?

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