Zwei Seelen in einer Brust
08.06.2007 | 07:05 Uhr 2007-06-08T07:05:34+0200Gerade aus seiner Zerrissenheit bezog Marvin Gaye seine kreative Kraft. Ein fantastisch illustriertes Hörbuch erinnert mit vier CDs an den größten Sänger der Motown-Ära
Für Peter Gabriel ist "Grapevine" noch heute eines der besten Lieder, das je auf Platte erschien. . . Wenn die Rede auf Marvin Gaye kommt, sind sich Musikerkollegen, Kritiker und Fans einig: Einen größeren Soul- und Rhythm'n'Blues-Sänger als Marvin Gaye (1939 - 1984) hat die legendäre Motown-Ära nie hervorgebracht.
Einigkeit besteht auch darüber, dass die treibende Kraft hinter Gayes immensem Talent im persönlichen Schmerz, in der Zerrissenheit lag. Auf Marvin Pentz Gay Jr., der seinem Namen ein "e" anhängte, um keinen falschen Eindruck aufkommen zu lassen (gay = schwul), hatte die erzkonservative Kirche "House of God" (der Vater war dort "Minister", Priester) einen Einfluss gehabt, von dem er sich nie lösen konnte. Ende der 70er etwa, als das fundamentalistische Feuer seiner Kindheit neu entflammte und er das Armageddon, den Tag des jüngsten Gerichts, über die Menschen hereinbrechen sah. In dem Lied "Life is for Learning" machte er die Dualität von Gut und Böse, von Engel und Teufel zum Thema; der Blues-grundierte Song "Love me now or love me later" war der Dialog zwischen dem Gott des Guten und dem Gott des Bösen.
Der Sänger und Songschreiber, der anfangs als Schlagzeuger bei Smokey Robinson und den "Miracles" gearbeitet hatte, stand mit sich selbst ein Leben lang im Krieg. Er liebte den Sound von "Motown" (Detroit), liebte den Ruhm und den Luxus, den ihm Mitte der 60er seine Erfolge etwa im Duo mit dem "Vollweib" Tammi Terrell ermöglicht hatten.
Er liebte die Rolle des sensiblen, gutaussehenden Loverboys in diesem Duo, das in Liedern wie "If this world were mine" oder "If I could build a whole world around you" ein ideales Universum schuf, in dem die reine Liebe ohne Schmerzen möglich war.
Gleichzeitig aber fühlte er sich eingeengt, hasste er sein Image und die darauf aufbauenden Erwartungen der Plattenindustrie. Doch auszubrechen, war er zu schwach. Da half auch Kokain wenig. Als 1967 Tammi Terrell neben ihm auf der Bühne zusammenbrach und starb, blieb zunächst nichts anderes als die große Leere. Erst nach dem Mega-Erfolg von "Grapevine" fühlte er sich stark genug, er selbst zu sein. Er tauschte das Saubermann-Image gegen Jogging-Schuhe und Sweatshirt, ließ sich einen Bart wachsen, piercte sein Ohr. .
. "Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, wirklich etwas zu sagen zu haben."
Was er noch zu sagen hatte bis zu seinem tragischen Tod (der Vater erschoss ihn nach einem Streit), was er sang - solo, mit den Vandellas, mit Diana Ross -, was seine letzte Wandlung hin zum Dance-floor-Master ("Sexual Healing") bewirkte, das ist (auf Englisch) nachzulesen, nachzuschauen und vor allem nachzuhören in einem "Ohrbuch" der Sonderklasse.
Marvin Gaye - The Master. Verlag earBOOK. 116 Seiten, 100 Fotos. 4 CDs. 39,90 E.

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