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Justiz

Überlebt, weil sie sich tot stellte

21.05.2012 | 20:30 Uhr
Überlebt, weil sie sich tot stellte
Der Angeklagte und sein Verteidiger Markus Kniffka. Foto: Thorsten Lindekamp / WAZ FotoPool

Neukirchen-Vluyn/ Kleve. Ergreifende Szenen und Überraschungen am Landgericht Kleve. Am zweiten Verhandlungstag im Prozess gegen den wegen versuchten Mordes angeklagten 54-jährigen Neukirchen-Vluyner, sorgte gleich der erste Zeuge für einiges Aufsehen: Es war ein Moerser Feuerwehrmann (53), der den verletzten Angeklagten nach dessen Hammerattacke auf das junge Mädchen und seinem Suizidversuch behandeln durfte.

Dieser hatte bis dahin jede Hilfe verweigert, und sogar gedroht, sich das Messer noch tiefer in die Brust zu rammen, wenn sich ihm jemand nähern würde. Doch der Feuerwehrmann vermochte es, das Vertrauen des Täters zu gewinnen. „Er erzählte, dass er in seinem Beruf nie Anerkennung bekommen habe, dass ihn die Selbstmorde in der JVA schwer belasteten und auch seine kleine Rente. Ich hatte ihn gefragt, was ich seinen Angehörigen erzählen solle, da begann er mir zu diktieren, und ich schrieb alles auf einen Zettel, der im Zimmer lag.“

Feuerwehrmann hatte den „Abschiedsbrief“ geschrieben

Die Prozessbeteiligten erstarrten förmlich, bis der Feuerwehrmann den so genannten „Abschiedsbrief“, indem das Opfer als „Teufel“ beschrieben wurde, als sein Schriftstück erkannte. „Und so lösen sich manche Dinge. Wir haben gerätselt und dachten, es könne nur vom Angeklagten sein“, so der Vorsitzende Richter Ulrich Knickrehm. Plötzlich begann der Helfer zu weinen: „Es war ein wirklich schwieriger Einsatz.“ Sichtlich bewegt lobte die Kammer die Arbeit des Mannes.

Dann erhob sich der Angeklagte: „Sie haben mir das Leben gerettet, dafür danke ich – sie haben tolle Arbeit geleistet.“ Der Feuerwehrmann bedankte sich beim Angeklagten für dessen Worte, schüttelte diesem beim Verlassen des Zeugenstands die Hand und wünschte ihm alles Gute. Gerichtsszenen mit Seltenheitswert!

Die Aussage des geschädigten Kindes wurde per Videobefragung vorgeführt, leider häufig unterbrochen von technischen Pannen. Wie ihre Mutter beschrieb auch das Mädchen den Beschuldigten als nicht gewalttätig und sehr umgänglich. Erst im letzten Monat vor der Tat im Dezember 2011 soll er ständig betrunken gewesen sein. Die Schilderung des Tathergangs aus dem Mund des jungen Mädchens war erschütternd. Entkommen sei sie den wütenden Hammerschlägen nur, weil sie sich tot gestellt habe, berichtete sie.

Dass es dem Angeklagten mit einer Wiedergutmachung sehr ernst ist, bestätigte sein Anwalt Markus Kniffka. Eine erste Zahlung von 500 bis 1000 Euro ist bereits erfolgt. „Was ich machen kann, will ich machen“, so der Angeklagte.

Am Donnerstag soll das Urteil gefällt werden. Ob dem Angeklagten der vorgeworfene Vorsatz nachgewiesen werden kann, bleibt abzuwarten.

Andrea Lorenzen-Maertin



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