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Wenn der Tod des Partners verdrängt wird - Erklärungen zum Fall in Bad Berleburg

14.11.2012 | 10:00 Uhr
Wenn der Tod des Partners verdrängt wird - Erklärungen zum Fall in Bad Berleburg

Iserlohn/Bad Berleburg.   Psychologe Thomas Graumann aus Iserlohn sucht nach Erklärungen für das Verhalten einer Berleburgerin. Die 63-jährige Frau lebte wochenlang mit ihrem verstorbenen Mann weiter in ihrem Haus zusammen. So, als sei nichts passiert.

Mehrere Wochen lebt eine 63-Jährige in Bad Berleburg mit ihrem toten Ehemann im Haus. Tag für Tag. So, als ob nichts passiert wäre. Der 67-Jährige starb an einem Hirninfarkt. Ein Fremdverschulden schließt die Siegener Staatsanwaltschaft nach der Obduktion des Toten aus. Viele Fragen bleiben. Im Gespräch mit dem Iserlohner Diplom-Psychologen und Psychotherapeuten Thomas Graumann (56) sucht im Interview  nach Antworten.

Was passiert wie in diesem Fall mit einem Menschen, wenn der Tod den Partner aus dem Leben reißt?

Thomas Graumann: Ohne mit der Geschichte aus Bad Berleburg vertraut zu sein: Bei der 63-Jährigen hat offenbar ein Verdrängungsprozess eingesetzt. Die Frau wollte den Tod ihres Ehemannes nicht wahrhaben und hat ihn ausgeblendet. Gefangen in ihrer seelischen Not, konnte sie sich nicht vom Partner lösen.

Wie reagieren Menschen im ersten Moment auf den Tod des Liebsten?

Graumann: Sie sind wie taub, fühlen sich völlig leer und isolieren sich, um für sich zu trauern. Nicht selten eine Art Schockzustand. Auch wollen sie, dass die Zeit stehen bleibt, wollen die Zeit anhalten.

Sterben deshalb viele betagte Ehepaare kurz hintereinander?

Graumann: Es ist ein Grund mit. Das Phänomen erleben wir immer wieder. Wenn der eine geht, sieht der andere keinen Sinn mehr darin, weiter zu leben. Er verliert Lebenslust und Lebenskraft und stirbt ebenfalls.

Die Arche
Über den Tod muss man sprechen

Menschen sterben. Das ist eine unverrückbare Tatsache, mit der beinahe jeder in seinem Leben irgendwann umgehen muss.

Was hilft dem Betroffenen, wenn ihn seine Ängste, seine Fragen nach einer Erklärung für den plötzlichen Verlust verstören?

Graumann: Trauern braucht Zeit. Das so genannte Trauerjahr hat durchaus seine Berechtigung. Der Hinterbliebene ist in den Wochen und Monaten nach dem Todesfall auf Menschen angewiesen, die ihm zuhören. Reden, reden und nochmals reden ist die größte Hilfe. Bei Indianerstämmen setzte sich die Witwe früher ins Zelt, alle Stammesmitglieder kamen vorbei, und sie erinnerte in Geschichten an ihren toten Mann. Auf diese Weise hat sie sich sozusagen im Geiste von ihm verabschiedet.

Wenn das nicht passiert?

Graumann: Dem Angehörigen muss Gelegenheit zur Trauer gegeben werden. Der Betroffene selbst darf sich nicht in Aktivitäten flüchten, darf nicht einfach darüber hinweggehen. Es ist eine Flucht auf Zeit. Totschweigen ist kein hilfreiches Rezept gegen Trauer. Wenn sie verkapselt wird, meldet sie sich Jahre später als Depression wieder. Bei Kindern, die Vater oder Mutter verloren haben, stellen wir dies immer wieder fest.

Warum es lebenswichtig ist, den Tod anzunehmen

Das Annehmen des Todes bewahrt den Hinterbliebenen vor dem Versinken in der eigenen Trauer?

Graumann: Ja. Dabei durchlebt er mehrere Phasen. Er ist ängstlich, wütend und verzweifelt. Nach vielen Gesprächen und mehr Abstand muss er sich irgendwann den Mitmenschen öffnen und den Verlust akzeptieren.

Trauer funktioniert nach keinem Zeitplan. Jeder erlebt das Abschiednehmen anders. Wie lässt sich die seelische Last besser verkraften?

Graumann: Rituale sind eine große Hilfe. Dazu gehören Gebete ebenso wie der regelmäßige Gang zum Grab auf den Friedhof. Auch die Totenwache und das Zusammensitzen bei Kaffee und Kuchen mit Angehörigen und Freunden nach der Beerdigung zählen aus meiner Sicht dazu. Wichtig ist es, immer wieder das Leben des Verstorbenen zu erzählen.

Es kostet viel Kraft, die eigene Sterblichkeit und den Tod anderer zu akzeptieren. Ist das mit ein Grund, warum der Tod in der Gesellschaft nach wie vor ein Tabu ist?

Graumann: Ja, natürlich. Der Tod wird ziemlich tabuisiert. In unserer Gesellschaft gilt es, jung und schön zu sein. Es wird viel zu wenig darüber gesprochen. Warum? Weil die Menschen nach wie vor große Angst vor dem Tod haben.

Joachim Karpa

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2012-11-14 10:00
Berleburg,Graumann,Psychologe,Tod,zusammenleben
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