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Werkstatt im Hinterhof

Solidarität gegen soziale Kälte

29.12.2009 | 15:55 Uhr
Solidarität gegen soziale Kälte

Iserlohn. Die Pinnwand mit den Todesanzeigen im Büro von Achim Rabenschlag quillt längst über. Wie in jedem Jahr hat der Leiter der Werkstatt im Hinterhof auch am Dienstag den inzwischen traditionellen Brunch der Frauen-Union genutzt, um einen Blick zurück auf das ablaufende Jahr zu werfen.

Und dazu gehören auch die Gedanken an diejenigen, die es nicht geschafft haben, die der Drogensucht erlegen sind oder aus Verzweiflung den Freitod wählten. Zwei Opfer aus dem Kreis der etwa 120-köpfigen Stammkundschaft waren 2009 zu beklagen.

So mischten sich am Dienstag die Gefühle - einerseits die Freude über den Einsatz der fünf Vorstands-Damen der Frauen-Union mit Anne Marie Kreckel an der Spitze, die den Ärmsten der Stadt mit einem reichhaltigen und durchaus kostspieligen Büfett einen schönen Tag bescherten, andererseits das immer wieder hochkommende Unverständnis darüber, dass eine solche Einrichtung überhaupt nötig ist. Oder wie Rabenschlag es sagt: „Dass unsere Hilfe und unser Beratungsangebot bei den Leuten ankommt, freut uns natürlich. Schöner wäre es aber, wenn wir das alles nicht tun müssten.” Mit einem bitteren Lachen zitiert er die Sozialverbände, die jüngst ein Ansteigen der Armut für 2010 prognostiziert haben. Denn dass die Zeiten immer noch rauer werden, spürt er zusammen mit seinem Team tagtäglich. Und dabei geht es in der Werkstatt im Hinterhof längst nicht mehr nur um Drogensucht und die rund 80 Patienten, die in der Arztpraxis der Einrichtung ihr Methadon bekommen. „Die Leute sind pleite, isoliert und haben inzwischen richtig Hunger”, sagt er und rechnet vor, dass die 351 monatlichen Euro für Hartz-IV-Empfänger bei den meisten nur auf dem Papier stehen. Vielen werde ein Teil abgezogen und sie hätten zudem Schulden zu begleichen. Mitte des Monats sei das Geld weg, dann gehe es ums nackte Überleben.

Das zeigten auch die Erfahrungen der Werkstatt-Ärztin Dr. Martina Harbrink-Schlegel, die bescheinigt, dass sich der Gesundheitszustand der Besuchern alles andere als verbessert habe. „Krankheit ist hier auch ein Zeichen von Armut”, so Rabenschlag.

Mit den steigenden Anforderungen, der wachsenden Klientel und damit auch der wachsenden Arbeit in der Beratung, der Küche, die täglich morgens und mittags auftischt, sowie in der Kleiderkammer nehme auch die Bedeutung zu von Solidarität und Zusammenhalt gegen die soziale Kälte. Rabenschlag dankte den Kooperationspartnern, die sein zweiköpfiges Sozialarbeiter-Team unterstützen: die Wohnungslosenhilfe der Diakonie, der Förderverein, die Frauen-Union, die sehr viel öfter hilft als nur an diesem Tag, die Polizei, die in der Person des Bezirksbeamten Meinolf Geisler fast täglich vor Ort ist und ebenfalls Sozialarbeit betreibt, und den vielen Helfern aus dem Kreise der Besucher, die als Ein-Euro-Kräfte oder ehrenamtlich dafür sorgen, dass alles überhaupt funktioniert. „Wir waren von Anfang an eine Einrichtung von den Leuten für die Leute. Das hier ist ihre Werkstatt”, unterstreicht Achim Rabenschlag.

Gleichzeitig hofft er angesichts des Projektes „Soziale Stadt - Südliche Innenstadt” auch auf räumliche Linderung, denn in der Werkstatt wird es immer enger. Ein Umzug an den Haupteingang der Fabrik an der Oberen Mühle sei von der Stadt nicht gewollt. Die Werkstatt soll vielmehr weiterhin über den neuen Radweg angesteuert werden können. Die Erweiterung soll auf der Hinterhof-Ebene erfolgen.

Ralf Tiemann

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