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Kulturforum

Der Bartmaler

13.07.2009 | 11:19 Uhr

Seit 16 Jahren hat sich Künstler Marco Figgen nicht rasiert und nutzt die Behaarung als Pinsel.

Würde die Freiheit in Form eines Menschen greifbar sein, so hieße er Marco Figgen. Nie im Leben würde der Künstler auf die Idee kommen, eine Versicherung abzuschließen, sich ein kleines Häuschen zu bauen, ein Sparbuch zu eröffnen oder – und das ist das Entscheidende – sich zu rasieren. Seit 16 Jahren hat sein Bart keine Klinge mehr gesehen. Aus gutem Grund. Schließlich ist die struppige und verfilzte Haarwulst sein Markenzeichen, das ihn laut „Washington Post“ zum einzigen Bartmaler der Welt macht.

Raum zur freien Entfaltung

Info
Kulturforum Rampenlicht

täglich ab 12 Uhr geöffnet

Bornstraße 19 in Essen Mitte (nahe des Rathauses)

täglich ab 12 Uhr geöffnet

Kontakt: Marco Figge

Telefon: 0201 / 31 65 55 14

E-Mail: marco_bartart@hotmail.com

Doch der Bart ist mehr als das Werkzeug des Künstlers. Gleichzeitig ist er Synonym für ein Projekt, das Marco Figgen Anfang Juli in einer alten Lagerhalle in der Bornstraße ins Leben gerufen hat. Im „Kulturforum Rampenlicht“ möchte er Freigeistern, Kleinkünstlern, Sinnsuchenden und Musikern Raum zur freien Entfaltung geben - wie seiner Gesichtsbehaarung eben.

Der 54-Jährige, der auf der Margarethenhöhe aufwuchs, weiß wovon er spricht: Mit 14 Jahren trampt er das erste Mal durch Deutschland. Wenig später steigt er für fast ein Vierteljahrhundert in das Musikgeschäft ein. Wirbt für Bands wie Judas Priest oder die Scorpions. Klebt wild Plakate im gesamten Ruhrgebiet und versteht es als Kunst. Veranstaltet Konzerte, die nicht immer den gewünschten Erfolg, ihm aber sehr wohl einen gewissen Bekanntheitsgrad einbringen. Bringt mit dem „Marcus Musik Magazin“ den Vorgänger der „Coolibri“ heraus. Kurzum: Marco Figgen hat eigentlich schon immer das getan, wonach ihm der Sinn stand – ohne dabei jedoch den Sinn zu entdecken.

Weltpresse will den "Bartist from Germany"

Marco Figgen möchte mit dem Kulturforum Ranpenlicht eine Plattform für jede Art von Kunst bieten: Konzerte, Ausstellungen, Lesungen und Workshops könnte er sich unter anderem vorstellen. Foto Remo Bodo Tietz

Deswegen setzt er sich vor gut zwölf Jahren nach Thailand ab. „Um zu mir selbst zu finden“, wie er heute sagt. Mit ein wenig Bargeld in der Tasche sei er damals in Bangkok angekommen. Auf seinem Selbstfindungstrip lebte er in Höhlen und Baumhäusern. Als ihm auf Ko Samui schließlich sein letztes Bargeld geklaut wird, ist auch dem Lebenskünstler Marco Figgen klar, dass er irgendwie seine Existenz sichern muss. Damals beginnt er damit, seinen Bart als Werkzeug zu nutzen. Er verkauft die ungewöhnlichen Bilder am Strand und in Kneipen. Der Erfolg gibt ihm Recht: Der verrückte „Bartist“ aus Deutschland wird schnell über die Thekengrenzen Thailands hinaus bekannt. BBC, Washington Post, Associated Press – sie alle wollen ihn sehen, den Aussteiger und Lebenskünstler, der seinen Barthaaren und seiner Kreativität freien Lauf lässt.

Gegenpol zur Kulturhauptstadt

So lebt es sich eine Weile ganz gut. Bis ihn der Tod seines Bruders vor gut einem halbem Jahr zurück in die Heimat ruft. „Ich habe das als Zeichen angesehen. Deswegen bleibe ich“, sagt Figgen. Schnell entsteht die Idee für das Kulturforum. „So etwas fehlt uns einfach im Ruhrgebiet. Ich möchte einen Raum für jede Form von Kunst schaffen und zwar ohne Kommerz“, erklärt Figgen seine Intention. Workshops, Lesungen, Musik, Ausstellungen – Grenzen setzt er – und diese Haltung kennt man ja bereits – nicht. Gleichzeitig möchte er mit dem Kulturforum Rampenlicht einen Gegenpol zur Kulturhauptstadt schaffen.

Mit dem Mammutprojekt 2010 geht Figgen hart ins Gericht: „Wir sind von der Kulturhauptstadt so weit entfernt wie der Samen eines Masturbierenden von der Eizelle“, sinniert er und verweist auf viele Millionen-Projekte, deren Nachhaltigkeit er in Frage stellt. „Das Kulturforum ist mit ganz geringen Mitteln aufgebaut worden. In Zukunft finanzieren wir uns durch den Verkauf von Getränken und eventuell auch einigen Bildern und Kunstobjekten“, so Figgen. Gleichwohl betont er, dass er kein Gegner der Kulturhauptstadt sei. „Ich habe keine Feindbilder“, sagt der friedliche 54-Jährige und beginnt geruhsam, eine Zigarette zu drehen. „Kultur muss von unten kommen“, setzt er an, pustet dicke Rauchwolken in die Luft und fährt fort: „ Im Ruhrgebiet gibt es so viele alte Industriehallen wie diese, die mit frischen Ideen gefüllt werden können. Man muss nur auf sich selbst vertrauen.“

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Jennifer Schumacher

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