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Stadthistorie

Ein Jahrhundert Essener Geschichte

15.06.2011 | 08:00 Uhr
Im Haus der Essener Geschichte in der ehemaligen Luisenschule Ist die Dauerausstellung „Essen - Geschichte einer Großstadt im 20 Jahrhundert“ zu sehen. Foto: Ulrich von Born

Essen. Lange hat die interessierte Öffentlichkeit darauf gewartet. Nun wird die Dauerausstellung zur Stadtgeschichte eröffnet. Ein Besuch lohnt sich.

In den vergangenen einhundert Jahren hat Essen viele Bilder bedient. Essen war Stahlschmiede und Kanonenstadt, Kruppstadt und Einkaufsstadt , Dienstleistungs- und Kulturstadt. Im Haus der Essener Geschichte erinnern Postkartengrüße und wandfüllende Plakate an diese Bilder, die manch’ hartnäckiges Klischee formten und in den Köpfen verfestigten. Augenzwinkernd wirft das Haus damit die Frage auf: Welches Bild machen wir uns heute von Essen? Die Dauerausstellung „Essen - Geschichte einer Großstadt im 20. Jahrhundert“ bietet dem Besucher auf diese Fragen viele Denkanstöße. Es ist ein Rückblick, eine in weiten Teilen politische und allein deshalb sehr lohnenswerte Betrachtung von 100 Jahren Stadtgeschichte.

Lange hat die interessierte Öffentlichkeit auf diese Ausstellung warten müssen. Oberbürgermeister Reinhard Paß wird sie heute vor ausgesuchten Gästen eröffnen. Ab morgen darf jedermann hinein, fortan immer mittwochs - eine der dünnen Personaldecke geschuldete Minimallösung, wie Kulturdezernent Andreas Bomheuer völlig zu Recht betont. Diese Ausstellung hätte mehr Zeit, mehr Raum verdient. Und so viel sei vorweg genommen: 60 oder 90 Minuten für eine Führung, wie sie das „Haus der Geschichte“ Gruppen und Schulklassen anbietet, sind knapp bemessen. Wer mehr Zeit mitbringen kann, sollte sie sich nehmen.

Bombenkrieg und Zwangsarbeit

Die Zeitreise durch 100 Jahre Stadtgeschichte beginnt im Jahr 1896, als Essen erstmals mehr als 100.000 Einwohner zählt und die Schwelle zur Großstadt überschreitet. Sie führt den Besucher durch Kaiserreich und Weimarer Republik, durch Nationalsozialismus und Nachkriegszeit bis ins Jahr der Kulturhauptstadt. Es ist eine Reise vor allem in Bildern, für die die Ausstellungsmacher, Stadtarchivar Klaus Wisotzky und Monika Josten, ungezählte Fotografien und Dokumente gesichtet haben und dabei stets vor der Frage standen: Was lassen wir weg?

Essener Stadtgeschichte

Dass sie dabei ausgerechnet dem Bombenkrieg und dem dunklen Kapitel Zwangsarbeit nur wenige, wenn auch eindrucksvolle Motive widmen, ist kein Versäumnis, sondern ein aus der Not geborener Kompromiss. Soll die Ausstellung doch eines Tages im Keller des Hauses eine Fortsetzung finden. Zur Erinnerung: Während des Krieges waren in der ehemaligen Luisenschule Zwangsarbeiter untergebracht, der Keller diente Anwohnern als Luftschutzraum. Auch deshalb wurde das Gebäude zum „Haus der Geschichte“.

Nichtsdestotrotz zählen Krieg und Nationalsozialismus zu den eindrucksvollsten Teilen der Präsentation. Wisotzky und Josten setzen hier ganz bewusst einen Schwerpunkt, gehen aber dabei über die ehemalige, in den 80er Jahren konzipierte Ausstellung zu Widerstand und Verfolgung in der Alten Synagoge hinaus. Bilder von Massenaufmärschen vor dem Handelshof oder auf der Huyssenallee stellen sie Schicksale Einzelner gegenüber, die Widerstand leisteten oder fliehen konnten wie die Jüdin und Luisenschülerin Marianne Ellenbogen - und lassen so keinen Zweifel daran, dass der Nationalsozialismus auch in dieser Stadt von der Mehrheit getragen wurde.

Fußballmeisterschaft und Kulturhauptstadt

Dauerausstellung
Die Öffnungszeiten

Die Dauerausstellung im „Haus der Essener Geschichte“ öffnet in dieser Woche ausnahmsweise am Donnerstag, Samstag und Sonntag von 10 bis 17 Uhr sowie am Freitag von 10 bis 22 Uhr. Sonst ist die Ausstellung immer mittwochs von 10 bis 17 Uhr zu sehen. Der Eintritt ist frei. Führungen (60 min. 30 €, 90 min. 45 €) nach Vereinbarung. Anmeldung per E-mail: hdeg@essen.de
Kontakt: 88 41 300

Buch zeigt Bilder von Essen wie es war

Tätern wie Mitläufern gibt die Ausstellung ein Gesicht. Etwa durch Fotos, die Franz Felden, Musiklehrer, Kritiker und später Leiter des Theaterrings, als Soldat von jüdischen Kindern schoss, die in Eisenbahnwaggons deportiert werden. Zur Wehrmachtsausstellung und der Frage der Mitschuld ist es nur ein kurzer Gedanke, und der Betrachter ahnt vielleicht, wie sich Walter Rohr gefühlt haben muss, als er ein Hitler-Porträt zertrat; der ehemalige Schüler des Gymnasiums Borbeck musste emigrieren, weil er Jude war und kehrte als US-Soldat zurück. Auch sein Foto ist in der Ausstellung zu sehen - über einer zerbrochenen Hitlerbüste, die ein Essener Bürger jahrzehntelang im Keller aufbewahrte und dem „Haus der Geschichte“ schließlich zur Abholung anbot, was Stadtarchiv Wisotzky zu der Aufforderung an einen Mitarbeiter verleitete: „Bringen Sie mir den Kopf des Führers.“

Diese Anekdote soll nicht über den nachdenklichen Eindruck hinwegtäuschen, den dieser Ausstellungsteil hinterlässt. Und vielleicht liegt es daran, dass einem die Folgenden wie im Schnelldurchlauf erscheinen: Wiederaufbau, der Aufstieg von „Aldi“, die Deutsche Fußballmeisterschaft von Rot-Weiss Essen (mit original Meisterschaftsball!), die Essener Song-Tage, das Kulturhauptstadtjahr... Zum Ausklang sollte viel hinein, zuweilen etwas zu viel.

Marcus Schymiczek

Kommentare
29.06.2011
09:51
Ein Jahrhundert Essener Geschichte
von harper20 | #4

Mit der EVAG ab Hauptbahnhof mit den Linien U18, U 17 bis Haltestelle Bismarckplatz

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Ein Jahrhundert Essener Geschichte
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http://www.derwesten.de/ikz/staedte/essen/ein-jahrhundert-essener-geschichte-id4765364.html
2011-06-15 08:00
Essen