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Neuenkamp: Liebe auf den zweiten Blick

24.10.2010 | 15:00 Uhr
Redakteur Willi Mohrs machte mit Manfred Osenger einen Spaziergang durch den Stadtteil an der Gocher Strasse / Xantener Straße. Foto: Friedhelm Geinowski/WAZFotoPool

Duisburg. Neuenkamp protzt nicht, Neuenkamp drängt sich nicht auf, aber Neuenkamp kann sich sehen lassen. Manfred Osenger, Duisburger Bürgermeister und Vertreter von Neuenkamp im Rat der Stadt, ist bekennender Neuenkämper. Mit „ä“, wohlgemerkt.

Was Oberhausen kann, kann Neuenkamp auch: Es gibt eine „Neue Mitte“. Was Neuenkamp aber besser kann als Oberhausen: Die Mitte, die neue, liegt mitten drin. Ein Einkaufszentrum ist in jüngster Zeit an der Essenberger Straße entstanden, wo lange Jahre ein Hochhaus vor sich hin vergammelte.

Der Neuanfang im Zentrum des Stadtteils, der zwischen Außenhafen, Rhein und Autobahn A 40 fast eine Halbinsel bildet, ist im Grunde bereits der zweite Neustart an gleicher Stelle. Denn auch mit dem zuletzt zum Schandfleck gewordenen Hochhaus begann Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre eine neue Zeit, die Zeit nach dem Bergbau. Wohnungsbau entstand dort, wo die Kumpel der Zeche Franz Ott das „schwarze Gold“ ans Tageslicht befördert hatten, Straßennamen erinnern an weitere Schachtanlagen wie „Java“, „Diergardt“ oder „Mevissen“.

Bau des Hochhauses

Neuenkamp in 60 Sekunden
5054 Einwohner

Neuenkamp gehört zum Stadtbezirk Mitte und hat nach amtlichen Angaben 5054 Einwohner. Davon sind 2470 männlichen und 2584 weiblichen Geschlechts. Der Ausländeranteil wird mit 12,4 Prozent angegeben.

Der Name des Stadtteils geht auf die Rheinverlagerung im 13. Jahrhundert zurück, als das Gebiet des heutigen Stadtteils sich durch Verlandungen mit dem Gebiet des rechtsrheinischen Duisburg verband. Mitte des 16. Jahrhunderts wurde eine Fährverbindung nach Homberg eingerichtet. Im 18. Jahrhundert ließen sich die ersten Bauern nieder.

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts kam Neuenkamp ins Visier des Bergbaus, wobei das Abteufen von Schächten in Rheinnähe technisch sehr anspruchsvoll und dadurch auch teuer war. Die Bevölkerungszahl stieg rapide. 1963 endete die Bergbaugeschichte in Neuenkamp mit der Stilllegung der Zeche „Java“. Und: Bis 1957 gab es in Neuenkamp auch einen Flughafen, der 1912 gegründet wurde vom Duisburger Flugpionier Karl Strack.

„Das war ein Stück Neuanfang“, erinnert sich Manfred Osenger an den Bau des Hochhauses, das mit seinen knapp 50 Wohnungen einst eine begehrte Adresse war. Manfred Osenger ist Duisburger Bürgermeister, vertritt Neuenkamp und den Nachbarstadtteil Kasslerfeld seit mehr zwei Jahrzehnten im Rat der Stadt und ist bekennender Neuenkämper. Mit „ä“ wohlgemerkt. Neuenkamper heißen die Zugezogenen. Der kleine Unterschied, so der Kommunalpolitiker, schade dem Stadtteilleben aber in keinster Weise.

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Meine Führung beginnt mit einem Exkurs in die Geschichte: Vor 263 Jahren sei Neuenkamp erstmals urkundlich erwähnt worden. Etwas weniger alt, rund 30 Jahre, ist die erste Besonderheit, die Osenger mir zeigt: ein Gotteshaus der „Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage“, kurz Mormonen genannt. Sie sei bestens in den Stadtteil integriert, mit dem Bischof gebe es eine „hervorragende Zusammenarbeit“.

Rheindeich

Vorbei an schmucken Neubauten am Rheinberger Ring gehen wir in Richtung Rheindeich, rechts und links Pferdeweiden, alle gut erschlossen durch ziemlich neue Wanderwege. „Hier ist es richtig Dorf“, schmunzelt Osenger über seine „Halbinsel der Glückseligkeit“, den etwas abgelegenen Stadtteil mitten in der Großstadt, in den man aus purem Zufall eher selten kommt: „Nach Neuenkamp fährt keiner rein, der hier nicht Freunde oder Verwandte hat.“

Stahlumschlagsanlagen und Tanklager werden vom Rheindeich sichtbar, bei Hochwasser steht der Rhein kurz unter der Oberkante der Dämme am Außenhafen. Blickt man nach Norden, also rheinabwärts, wird das Kunstwerk „Rheinorange “ sichtbar, eine farbige Bramme, die den Zusammenfluss von Ruhr und Rhein markiert. Auf dem Strom liegen leere Leichter, die eiserne Reserve der Stahllogistik. Brummt die Hüttenindustrie, sind’s weniger, lahmt die Konjunktur, füllt sich der Parkplatz zu Wasser.

Duisburgs Stadtteile III

Schafzucht

Hinterm Deich stoßen wir auf einen echten Bauernhof, Schafzucht steht im Mittelpunkt. Sein Alter? Osenger tippt aufs 18. Jahrhundert. Vorbei an einer Kläranlage der Wirtschaftsbetriebe und einem Kriegerdenkmal, an dem die Neuenkämper hängen, gehen wir auf eine Reihe von Hochhäusern zu, die unverbaubaren Rheinblick bieten. Probleme wie bei anderen Großsiedlungen? „Nein“ ist die klare Antwort des Ratsherrn. Grün wie die Wiesen am Rhein strahlt der Rasenplatz von Blau-Weiß Neuenkamp, der auch ein properes Vereinsheim vorweisen kann.

Duisburgs Stadtteile II

An Schulen und Kindergärten, meint Osenger, herrscht in Neuenkamp kein Mangel: „Was Kinder angeht, sind wir hier gut versorgt.“ Geschäfte aller Art gebe es vor allem entlang der Essenberger Straße. Und: „Kneipen haben wir auch genug.“

Wir kommen zu einem alten Gehöft an der Lilienthalstraße mit einer Markierung an der Außenmauer etwa in Hüfthöhe: So hoch stand der Rhein beim Hochwasser 1882. Gut, dass die Deichbauer seither ordentlich gearbeitet haben.

Benannt nach einem CDU-Ratsherrn

Duisburgs Stadtteile I

An der Lilienthalstraße bekomme ich die „Peter-Maaßen-Siedlung“ gezeigt, die vor mehr als sechs Jahrzehnten in Nachbarschaftshilfe entstanden ist. Benannt wurde sie nach einem CDU-Ratsherrn. Von da ist es nicht weit zur Paul-Rücker-Straße, benannt nach einem SPD-Ratsherrn. Die Wohnungsgesellschaft Gebag hat Neuenkamp in großen Teilen geprägt, meist mit mehrgeschossigen, unspektakulären Bauten.

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Und dann stehen wir plötzlich vor einem Gebäude wie aus einer anderen Welt, von Unkraut umwuchert, mit Graffiti beschmiert. „Eine Sauerei hoch drei“, zürnt mein Neuenkamp-Führer. Seit Jahren stehe die alte Hauptschule leer, verkomme immer mehr. Dabei gebe es im Inneren eine „hervorragende Aula“, über deren Nutzung sich die Bürger freuen würden. Die städtischen Denkmalschützer sollten vor einigen Jahren noch in die alte Schule umziehen, das Vorhaben zerschlug sich, zerschlagen sind auch zahllose Fenster des heruntergekommenen Schulkomplexes.

Duisburgs Stadtteile IV
Bilder aus 114 Jahren Stadtgeschichte in...

Zwei Siedlungen zeigt Osenger mir zum Abschluss, eine an der Benediktstraße mit großzügigen Eigenheimen auf Erbpachtgrundstücken der katholischen Kirche und die Diergardt-Siedlung mit Flachdachhäuschen in rotem Backstein. Beide auf ihre jeweilige Art begehrte Wohnquartiere. Fazit nach 60 Minuten: Neuenkamp protzt nicht, Neuenkamp drängt sich nicht auf, aber Neuenkamp kann sich sehen lassen. Wenn man richtig hinsieht, wird’s vielleicht Liebe auf den zweiten Blick.

Willi Mohrs



Kommentare
22.08.2012
16:15
Neuenkamp: Liebe auf den zweiten Blick
von killewauwau | #15

Bin auf dem Butterweg 1932 geboren und im Heuweg bis 1942 aufgewachsen.Wurden im Heuweg ausgebombt und ins Schwabenland verschickt.Würde mich interessieren ob es noch Leute in Neuenkamp gibt die noch den Krieg erlebt haben.Ich weiss zB.dass unser Bunker bei der Schule einen Volltreffer erhielt und alle Leute tot waren.Ich kann mich noch erinnern,als die Salvatorkirche brannte und die Glocken in die Tiefe sausten.Was man jetzt so hört soll Neuenkamp ja ein recht angenehmer Wohnort sein.Gibts vielleicht jemand mit dem man sich über Neuenkamp austauschen könnte.Killewauwau war in Neuenkamp mein Spitzname.Würde mich über Kontakt freuen.

25.06.2011
23:56
Neuenkamp: Liebe auf den zweiten Blick
von Tyler1 | #14

Lebe seit 3 Jahren hier und fühle mich sehr wohl,bis auf die Tatsache ,das Kaisers gegangen ist.Der Penny Markt hat halt nicht das Sortiment und ich bin gezwungen nach Kasslerfeld zu fahren.Für mich kein Ding mit Auto,aber alle alteingesessenen jammern wir wollen Kaisers zurück.Ich auch

06.06.2011
16:05
Neuenkamp: Liebe auf den zweiten Blick
von Ingoinkognito | #13

Bin in den 80er Jahren dort groß geworden. Fürchterlich, trostlos, asozial und gewalttätig. Mehr gibt es von meiner Seite nicht zu sagen!

26.10.2010
10:05
Neuenkamp: Liebe auf den zweiten Blick
von Roarke | #12

Hallo zusammen,

auch ich habe ein Großteil meiner Kindheit in Neuenkamp verbracht.
Ich finde dieses Dörfchen wie man es liebevoll nennen mag hat sowohl positive als auch negative Aspekte.
In gewisser weise muss man es einfach Lieben schon allein wegen der alteingessesenen Gemeinschaft...
Dort kennt wirklich jeder jeden.
Auch Kinder sind zumindest am Tage dort sehr gut aufgehoben, in der Siedlung und auch am Rheindeich hat die Nachbarschaft immer ein Auge auf die Kids und das hat man nicht überall.
Auch das Grün und der direkte Zugang zum Rhein ist zumindest als nicht Einheimischer ein Besuch wert.

es grüßt Roarke

26.10.2010
08:20
Neuenkamp: Liebe auf den zweiten Blick
von don.matteo | #11

Moin,

Neuenkamp ist ein Dorf innerhalb einer Großstadt. Und wie in einem Dorf so üblich gehört man erst zur Dorfgemeinschaft wenn man mindestens gefühlte 20 Jahre dort wohnt, die Altvorderen und die gebürtigen Eingeborenen regelmäßig grüßt oder sogar beim Namen nennen kann. Desweiteren ist es förderlich den Omas und Opas (Rentnerinnen und Rentnern) im Bus beim allmorgentlichen Besprechen ihren Krankheiten interessiert zuzuhören und mit wohlwollenden Kommentaren zu versehen. Der Bürgerverein, das Stadtteilbüro und die Nutzer der Ladengeschäfte an der Essenberger Straße, Karneval, die Oster- und Maifeiern, das sommerliche Stadtteilfest voll Besoffener (sind immer dieselben Säufer) und die Martinsumzüge der Kindergärten im November vermitteln ganz gut diesen urigen, wohl eher miefigen und piefigen Eindruck, den nur Außenstehende und Besucher von den Alteingesessenen gewinnen können. Der sogenannte Neuenkämper sieht das natürlich anders. Er schätzt die die Gemeinschaft der Konservativen, die Borniertheit, das Kleingeistige. - Großstadt, wo bist du? Flair der Foster Planungen an Innenhafen und KÖ, Strukturwandel der Region - in Neuenkamp gehen die Uhren anders, langsamer und traditionsbewußt. Eigentlich fehlte hier noch ein Schützenverein, dann wäre das Dorfleben perfekt.

Bei aller Idealisierung und Verklärung eines Stadtteils wie Neuenkamp gibt es wie überall Kriminalität, Vandalismus und auch soziale Brennpunkte. Wer das bewußt ausblendet findet, das Neuenkamp sehr grün und auch ländlich ist, mit seinen Rheindeichen, Pferdekoppeln, Schafen, Naturschutzgebieten und idyllischen Sonnenuntergängen am Rhein.

Man muß wohl Neuenkämper sein um das Flair und die Aura dieses Stadtteils zu genießen und sich damit zu identifizieren.

Bis neulich....

1 Antwort
Neuenkamp: Liebe auf den zweiten Blick
von killewauwau | #11-1

Hallo Neuenkamp! Bin geboren im Butterweg. 1932.Aufgewachsen im Heuweg bis zum ausgebombt werden 1942.Kann mich also als Neuenkämper bezeichnen.Meine Vorfahren Mütterlicherseits gehören einer alten Kämperdynasti an.Lob dem Internet,dass es ermöglicht aus der Ferne Einblick in meine frühere Heimat zu nehmen.Lese mit Interesse die Berichte aus Neuenkamp, da kommen dann Erinnerungen an die frühe Jugend hoch.Damals gabs noch den Flugplatz und die Ringstrasse.Da waren die Stukas der Legion Condor stationiert.Und in der Schule,die damals Manfred Freiherr von Richthofen Schule hiess,waren die Flieger einquartiert.Wir Schüler wurden dann in die alte Schule umquartiert.Als wir im Heuweg ausgebombt wurden,zogen wir ins Schwabenland.Bin also jetzt ein Schwabe.Nichtsdestotrotz erinnere ich mich gerne an Neuenkamp und kann sogar noch Kämper platt wie zb.:Klotschenbuur de Mielk is suur.Würde mich interessieren ob man das Kämper Platt noch spricht.Mit herzl.Gruss killewauwau.Das war mein Spitzname .

25.10.2010
21:21
Neuenkamp: Liebe auf den zweiten Blick
von andreamöhrchen | #10

Ich bin zwar nur Neuenkamper und auch durch hier lebende Freunde hierhin gezogen, aber fühle mich siet mittlerweile 10 Jahren hier sehr wohl. Sparkasse, Apotheke, 2 Blumenläden, Lotto/Zeitschriften, 2 Friseure, Fahrschule, 2 Bäckereien, Obst-/Gemüse, alles vorhanden. Und daß statt eines schlecht sortierten überteuerten Supermarktes jetzt ein Discounter Einzug gehalten hat: Es gibt schlimmeres!!!

25.10.2010
15:32
Neuenkamp: Liebe auf den zweiten Blick
von DUbeton | #9

Der Bericht ist ganz & garnicht gelungen...eine Ohrfeige für alle langjährigen Geschäftsleute der Essenberger Straße...schönen Dank Herr Osenger, dass sie den Vergleich zur Oberhausener-City ziehen, da ist doch nur noch tote Hose...DANKE für das Todesurteil über das alte Neuenkamp...hier wo man über Jahrzehnte in den Stadtteil investiert hat...oder wo ist die Bank, Apotheke, Friseur, Fahrschule, Blumen, Lotto/Zeitschriften, NEW-CAMP-CITY???...fragen sie doch dort mal nach den Umsätzen...ganz zu schweigen vom Paritätischen...kein Wort davon? irgendwie ein bißchen den Großinvestoren nach dem Mund geredet

25.10.2010
12:32
Neuenkamp: Liebe auf den zweiten Blick
von Steppke | #8

Bericht ist eigentlich gelungen getroffen. Nach Neuenkamp kommen wirklich keine Fremden. Und wer dort wohnt, möchte auch nicht weg! Habe in den 60-ern dort meine Kindheit verbracht und beim Spielen auf besagten Zechengelände noch Pferdeschädel gefunden. Habe gar nicht gewußt, daß dort jetzt ein neues Einkaufszentrum entstanden ist. Werde mir das in den nächsten Tagen mal anschauen.

25.10.2010
11:00
Neuenkamp: Liebe auf den zweiten Blick
von Schwafheimer | #7

NK hat einen Vorteil. Die Rheinwiesen und das Grün.

Wenn da im Sommer ab Einbruch der Dunkelheit nicht die ganzen Gangster rumlungern würden (Parkplatz Rheindeich Am Bort bei den großen Tanks) oder vor Lilienthal.

25.10.2010
08:47
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Name von Moderation entfernt | #6

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