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Serie „Tatort Dortmund“

Fahndung nach filigranen Fasern

15.01.2012 | 19:30 Uhr
Fahndung nach filigranen Fasern
Foto: Knut Vahlensieck

Dortmund.   „Erfahrung“, sagt Kriminalhauptkommissar Ulrich Wienecke, während er sich seinen weißen Schutzanzug im Treppenhaus überstreift, „ist bei unserer Arbeit durch nichts zu ersetzen.“ Wienecke und sein Kollege Kriminalhauptkommissar Michael Hartmann arbeiten bei der Kriminaltechnischen Untersuchungsstelle, kurz „KTU“ genannt.

„Erfahrung“, sagt Kriminalhauptkommissar Ulrich Wienecke, während er sich seinen weißen Schutzanzug im Treppenhaus überstreift, „ist bei unserer Arbeit durch nichts zu ersetzen.“ Wienecke und sein Kollege Kriminalhauptkommissar Michael Hartmann arbeiten bei der Kriminaltechnischen Untersuchungsstelle, kurz „KTU“ genannt. Äußerst akribisch nehmen sie die einzelnen Tatorte unter die Lupe, sichern Spuren und tragen so ganz wesentlich zur Aufklärung von Straftaten bei. Sie sind ausgesprochene Spezialisten, die ein komplexes Aufgabenspektrum bewältigen müssen. Die Bandbreite möglicher Untersuchungen scheint heute aufgrund modernster Technik unendlich zu sein. Professionalität ist gefragt, und das Tag für Tag.

Heute müssen sie einen Tatort aufnehmen, an dem ein Mord geschehen ist. Mit ihrem Utensilien-Koffern und Fotoapparat bewaffnet, betreten sie die Wohnung, komplett eingepackt in ihre Schutzanzüge: Stulpen unter und über den Schuhen, Hände- und Kopfschutz, ja sogar mit Mundschutz. „Denn sonst könnten wir allein durchs Sprechen eigene DNA-Spuren am Tatort übertragen“, erzählt Michael Hartmann, seit 1995 bei der KTU in Dortmund.

Im Sommer ist es unter der weißen Baumwollschicht manchmal kaum auszuhalten, 40 Grad und mehr. Bei Dauerfrost im Winter geraten die Ermittel dagegen ins Bibbern.

Beide stehen an der Eingangstür zu dem Wohnzimmer, in dem der Mord geschehen ist. Beide lassen ihren Blick immer wieder durch den Raum schweifen, scheinen den Raum wie mit einer Kamera zu scannen. Die Szene sieht nach einem Trinkgelage aus. „Eine erste grobe Übersicht ist wichtig“, erzählt Wienecke.

Verschiedene Spurenkomplexe

„Denn wir müssen systematisch vorgehen“, so Ulrich Wienecke und stellt so genannte gelbe Spurentafeln mit einem Größenmaßstab auf, teilt so den Tatort in verschiedene Spurenkomplexe ein. „So kann man hinterher für die Asservatenliste auf den Fotos auch die exakte Größe der Gegenstände ermitteln“. Er greift zur Kamera, fotografiert. Erst hält er Übersichten fest, wenig später geht er ins Detail: Den Tisch mit den Bierflaschen, den Tellern, dem Besteck, die Aschenbecher, die schwarze Pistole, drei Patronenhülsen. Auch die Leiche, die auf dem Bauch liegt und eine blutende Wunde am Hinterkopf aufweist, wird fotografiert. Auch hier Detailaufnahmen, etwa der Wunde.

Spurentafel Nr. 3 steht vor einer Bierdose, Spurentafel Nr. 2 vor der schwarzen Pistole. Michael Hartmann notiert alles, hält die einzelnen Gegenstände samt Spurentafel auf einer Liste fest – bis 100 reichen die Zahlen auf den Spurentafeln. Dann wird einfach die Farbe gewechselt „Alle Gegenstände, die wir problemlos mitnehmen können, werden eingetütet und im Labor untersucht“, so Wienecke. Jede Zigarettenkippe wird in einer einzelnen Tüte verpackt. „Denn sie könnten von unterschiedlichen Personen stammen.“ Im Labor werden dann DNA-Spuren oder Fingerabdrücke von den Flaschen, den Gläsern oder der Waffe genommen.

So werden alle lose herumliegenden Spurenträger entfernt, der Tisch zur Seite gestellt, um ein freies Arbeitsfeld in Richtung Leiche zu haben. Die Kleidung wird spurenschonend ausgezogen, ebenfalls eingetütet. Es wird festgehalten welche Verletzungen die Leiche aufweist. Und dann wird der ganze Köper mit einem speziellen Spurensicherungsband abgeklebt. Zentimeter für Zentimeter, um so Faserspuren oder auch DNA zu sichern, die vom Täter stammen könnten. Folie um Folie. „Da kommen dann bei einer Person schon mal 180 Folien zusammen“, weiß Hartmann aus Erfahrung. „Und das Ganze kann auch schon mal 90 Minuten oder länger dauern.“ Am Sofa oder am Sessel werden die Spuren zwar ebenso gründlich genommen, aber arealweise. Die einzelnen etwa 20 bis 25 cm langen Folien werden dann zusammengeklebt, so dass kein anderes Material die gesicherten Spuren verunreinigen kann. Und dann werden alle später im Labor ausgewertet. „Wir haben auch schon einmal ein komplettes Auto in Absprache mit den Ermittlern abgeklebt“, berichtet Ulrich Wienecke. „Da sind dann 350 Folien benutzt worden. Und es hat etwa eine Woche gedauert.“

Auswertung im Kriminallabor

Michael Hartmann geht aus dem Zimmer, zum Koffer mit den Utensilien. Denn es steht die Sicherung von Fingerspuren auf dem Programm. Mit Rußpulver, das mit einem ganz feinen Pinsel mit Marabu-Federn aufgetragen wird, wollen die Spurenexperten Fingerspuren sichtbar machen. Mit einer Folie werden diese Spuren dann am Tisch oder dem Türrahmen gesichert, auf Papier aufgeklebt und anschließend im Labor ausgewertet. „Die Hauptarbeit bei den Fingerspuren erfolgt aber auch hier im Labor, wenn die gesicherten Spuren abgeglichen werden mit den bei uns vorliegenden Datenbanken“, berichtet Ulrich Wienecke.

Ständige Fortbildungen sind unerlässlich, da die Technik rasend schnell voranschreitet. Techniken, die vor ein paar Jahren völlig unbekannt waren, gehören heute zum Standardprogramm, etwa die Sicherung und Auswertung von DNA-Spuren. Und natürlich ist auch der Austausch mit Kollegen anderer Dienststellen bei regelmäßigen Treffen enorm wichtig. Auch hier werden die Ergebnisse neuester Forschung vorgestellt und diskutiert. „Auch deshalb rollen wir alte Fälle immer wieder neu auf, da sich die Technik weiter entwickelt hat, vor allen Dingen in den vergangenen zehn Jahren“, erzählt Hartmann.

Hier, der Tatort in der Wohnung bei erträglichen Temperaturen, das sei ok. Doch oft liegt ein Tatort draußen auf der Straße, auf einem Feld. Dann regnet oder schneit es. Aber darauf könne man keine Rücksicht nehmen. Dann müsse man wegen der Witterung schon das 4 x 5 m große Tatortzelt aufbauen, „das wir auf unserem Fahrzeug ständig an Bord haben“, so Wienecke. Da kann es aber auch schon mal sein, dass das THW oder Feuerwehr den Tatort weiträumig ausleuchten, wenn man mit den eigenen Mitteln nicht auskommt. „Langweilig“, da sind sich die beiden Experten der Kriminalpolizei einig, „wird unser Job nie“.

Andreas Winkelsträter



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