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Ausbildungsumlage

Pflege wird teurer

29.06.2012 | 17:48 Uhr
Pflege wird teurer

Bochum. Wer im Altenheim oder zu Hause gepflegt wird, soll ab 1. Juli mehr Geld aus der eigenen Tasche bezahlen. Grund: eine Ausbildungsumlage, die sämtliche Einrichtungen und Pflegedienste in NRW leisten müssen . „Die Folgen werden vor allem in der Ambulanten Pflege negativ spürbar sein“, befürchtet Dr. Thomas Hulisz, Chef der Ambulanten Dienste der Augusta-Kliniken.

Immer mehr Menschen sind und werden pflegebedürftig. Qualifizierte Arbeitskräfte fehlen allerorten ; die Personalknappheit droht zum Notstand auszuwachsen. Anlass für die Landesregierung, die Ausbildung zur Altenpflegefachkraft per Gesetz gemeinschaftlich zu finanzieren. Alle Heime und Pflegedienste zahlen je nach Größe in einen Topf ein. Daraus werden die Gehälter der Azubis bezahlt. Wettbewerbsnachteile für die ausbildenden Betriebe würden damit abgeschafft, meint die Landesregierung. Für die vielen Anbieter ohne Lehrstellen soll die Zwangsumlage ein Anreiz sein, eigene Azubis einzustellen.

Die Leidtragenden sind die Patienten

„Das Gesetz hat einen guten Ansatz. Doch: Es ist nicht zu Ende gedacht“, bemängelt Dr. Hulisz. Zwar könnten die Anbieter die Mehrkosten für die Umlage an ihre Kunden weiterreichen. „In den Altenheimen mit einem Aufschlag von täglich 2,18 Euro und in der Kurzzeitpflege mit 1,08 Euro dürfte das kein Problem sein – auch, weil vielfach das Sozialamt die Kosten übernimmt“, glaubt Hulisz. Die Ambulanten Pflegedienste und ihre Patienten indes seien die Leidtragenden.

Dr. Hulisz macht für die Ambulanten Augusta-Dienste (200 Beschäftigte, 800 Patienten in Bochum) eine Rechnung auf:

  • Jährlich 212 000 Euro beträgt die Ausbildungs-Umlage, die ab Juli zu berappen ist.
  • 25 000 Euro kosten die zwei Altenpflege-Azubis, die das Unternehmen aktuell ausbildet und fortan nicht mehr aus der eigenen Kasse bezahlen muss.
  • Macht unterm Strich 187 000 Euro Mehrkosten, die nach einem Punktesystem von den Patienten refinanziert werden sollen.

„Genau das jedoch wird nicht funktionieren“, warnt Dr. Hulisz. Seit drei Wochen verschickt der Pflegedienst Schreiben an seine Patienten. Darin wird aufgelistet, wie viel Geld ab 1. Juli inklusive der Ausbildungsumlage fällig wird. „Die Tendenz ist eindeutig. Die große Mehrheit der Pflegebedürftigen kann sich gar keine Zuzahlungen leisten. Wer bereits aus eigener Tasche zahlt, kann nicht noch mehr zahlen.“

"Wir müssen beim Personal sparen"

Pflegedienstleiterin Christiane Breddemann nennt ein Beispiel: „Eine ältere, bettlägerige Dame wird von uns zweimal täglich angefahren, gewaschen und gelagert. Sie hat Pflegestufe 2. Zusätzlich zu den Leistungen der Pflegeversicherung zahlt sie monatlich 168 Euro: schon jetzt mit Mühe und Not. Mitsamt des Aufschlags müsste sie künftig 305 Euro zahlen. Für sie unmöglich. Um bei der bisherigen Zuzahlung zu bleiben, muss sie die Leistungen einschränken. Heißt: Sie kann künftig nur alle zwei Tage von uns gewaschen werden.“

Auch die Pflegedienste ziehen am Ende den Kürzeren, sagt Dr. Hulisz: „Die Mehrkosten können nicht an die Patienten weitergereicht werden. Folge: Wir müssen beim Personal sparen, indem wir mehr Aushilfs- als Fachkräfte beschäftigen.“ Hieße für die nächsten Jahre: Viele der Fachkräfte, die dank der neuen Umlage ausgebildet werden, finden keine Anstellung, weil die Pflegedienste die höheren Löhne nicht aufbringen können.

„Absurd“, sagt Dr. Hulisz. In einem Brief an NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens (Grüne) zeigt er die Konsequenzen des Gesetzes auf. Seine Alternativen: die Umlagen für die Ambulante Pflege kurzfristig zu senken und die gemeinschaftliche Finanzierung der Ausbildung mittelfristig über die Pflegeversicherung vorzunehmen.

Jürgen Stahl



Kommentare
29.06.2012
20:25
Wieder mal eine Höchstleistung unserer hoch motivierten Amateurpolitiker!
von schwerte | #3

Gut gemeint, aber schlecht sind die folgenden dieser von den hoch motivierten Politikamateuren gemachten Gesetze. Dies kann man auch am EEG (Energieeinspeisungsgesetz) sehen, bei dem jede Fotovoltaikanlage und jedes Windrad ein höheren Energiepreis bedeutet und nebenbei werden bei der Biogaserzeugung Lebensmittel verschwendet! Danke!

29.06.2012
20:22
Pflege wird teurer
von gelinde | #2

So ein Unsinn, die Ausbildungsumlage wird eingeführt, weil zwar alle Betriebe händeringend examinierte Altenpfleger suchen, aber selber nicht ausreichend ausbilden wollen.
Das Abwerben beginnt schon oft im ersten Ausbildungsjahr.
Die Betriebe wollen nur nicht ihr eigenes Pflegepersonal fortbilden, das kostet Zeit und Geld. Wer ausbilden will, benötigt sogenannte Praxisanleiter, dass sind besonders geschulte Mitarbeiter, die in der LAge sind auszubilden.
Dann sind die Auszubildenden 2.500 Stunden im Betreib, aber 2.100 Stunden in der Schule, d.h. gut die Hälfte der 3 jährigen Ausbildung sieht man die Altenpflegeschüler nicht. Erst können die nichts, dann sind sie nur selten im Betrieb, die Schule nimmt sehr viel Einfluss auf die Ausbildung und im Vergleich zu Altenpflegehelfern sind die Azubis sehr teuer.
Fertige staatlich examinierte Pfleger müssen vorhanden sein, aber sie selber auszubilden ist teuer und beschwerlich, da lässt man das doch lieber die Diakonie oder Caritas machen ....

29.06.2012
19:29
Pflege wird teurer
von Picard | #1

"Qualifizierte Arbeitskräfte fehlen allerorten"

Von wegen es gibt genug Ausgebildete die einen Job suchen nur niemand will diesen Knochenjob für 400 Euro im Monat machen und dann ständig diese befristeten Verträge wo man sich nie sicher sein kann wie lange man dort nun bleibt, und nach nem Jahr steht man wieder auf der Strasse. Die sollen mal dran denken wie schwer der Job Körperlich und vor allem Psychisch ist

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