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Einstieg in die Gipfelwand

14.07.2012 | 15:06 Uhr
Einstieg in die Gipfelwand
Intendant des Schauspielhauses Anselm Weber Foto: Karl Gatzmanga / WAZ FotoPool

Bochum. Wie war das Jahr? Wohin führt der Weg? Zum Spielzeitende sprach WAZ-Kulturredakteur Jürgen Boebers-Süßmann mit dem Intendanten des Schauspielhauses, Anselm Weber (48), über Lust und Last des Vorwärtskommens und über künstlerisches Höhenbergsteigen.

Sie waren mit dem Anspruch angetreten, das Schauspielhaus in der Stadt zu verankern. Wie steht es damit?

Weber: Ich denke, gut. Ich habe den Eindruck, dass wir uns nach meiner zweiten Saison in die Herzen der Menschen in Bochum verpflanzt haben. Unsere immer wieder gestellte Frage, welche Funktion hat Stadttheater heute, hat inzwischen zu einer Art neuem Kulturbegriff geführt.

Stichworte: Jugendprojekte und Internationalisierung, niederschwellige Angebote, Kooperationen mit dem Museum, der freien Szene usw. Wird dieses Konzept wirklich von allen verstanden?

Man darf die Neugierde der Leute nicht unterschätzen. Um neue Wege zu gehen, braucht es Zeit, aber ich glaube zutiefst, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Was ich mache, ist genau das Gegenteil von spekulativem Theater. In welcher Kürze wir uns in die Stadt ‘reinvernetzt haben, ist bemerkenswert.

Partizipatorische, also einbeziehende Elemente sind das Eine, was ist mit dem Theater für den Bildungsbürger? Rückt das in den Hintergrund?

Bildungsbürgerliches Theater ist genauso wichtig wie die andere Arbeit. Was hat denn „Bildungsbürgertum“ im Kern zu bedeuten? Doch wohl nur, dass es auch um die Verteidigung des Bürgertums an sich geht, um die res publica, die öffentliche Sache. Ich mache Theater für alle Bürger, und das Bürgertum ist eben die Gesamtheit aller Bürger in Bochum, und nicht nur von ein paar Eliten.

Auch finanziell galt es, sich zu entwickeln. „Intendant der Krise“ hat man Sie schon genannt.

Zunächst: kein eingespartes Kulturinstitut, keines!, kann den Haushalt einer Stadt sicher machen. Wir haben 1,7 Mio eingespart in den letzten Jahren, das sind fast 10 Prozent unserer Zuschüsse. Für mich ist wichtig, dass wir gezeigt haben: Wir können mit Geld umgehen.

Um so die Akzeptanz in der Politik zu gewährleisten?

Vor allem, um zu zeigen: Wir machen trotz aller Widernisse nicht „zu“, schotten uns nicht ab, im Gegenteil: wir haben die Tore weit aufgemacht. Meine 2. Spielzeit hatte 74,2 % Auslastung, es wurden 537 Vorstellungen vor 173 000 Zuschauern gespielt. Mir persönlich widerstrebt das Streben nach Rekorden, aber auf diese Zahlen können wir alle hier im Haus stolz sein. Sie zeigen: Diese Anzahl an Vorstellungen ist das, was das Schauspielhaus leisten kann.

Wie sehen Sie persönlich Ihre weitere Entwicklung?

Ich habe immer gesagt, dass ich über eine mögliche Vertragsverlängerung frühestens nach meiner 3. Spielzeit nachdenken werde. Wir haben nach zwei Spielzeiten jetzt eine gewisse Plateauhöhe erreicht, das Basislager ist eingerichtet. Davor ist die Wand. Die Frage, die sich nun stellt, ist: Wann steigen wir in die Gipfelwand ein?

Der künstlerische Gipfelsturm ist also ausgerufen! Was waren Ihre favorisierten Inszenierungen im abgelaufenen Jahr?

Außer meinen eigenen? (lacht) Über die spreche ich nicht…, aber darüber: „Drei Schwestern“ von Paul Koek war für mich die am meisten unterschätzte Einrichtung. Die hätte mehr Zuspruch verdient gehabt. „Was Ihr Wollt“ von Roger Vontobel war großartig, die 1. Szene, als Jana Schulz von den Wasserstrahlen traktiert wird, hat sich auf der Netzhaut eingebrannt. Und: David Böschs „Draußen vor der Tür“. Diese Aufführung gehört für mich zu jenen Inszenierungen, von denen ich sage: Deshalb mache ich überhaupt Theater!



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