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50 Jahre Polizeiseelsorge - wo „harte Kerle“ Hilfe suchen

01.07.2012 | 18:08 Uhr
50 Jahre Polizeiseelsorge - wo „harte Kerle“ Hilfe suchen
Astrid Taudien beim Gespräch mit einem ratsuchenden Polizeibeamten. Foto: Horst Müller

Dortmund.  Die Polizeiseelsorge in NRW feiert am Montag offiziell ihr 50-jähriges Bestehen. 24 hauptamtliche christliche Geistliche gibt es. Astrid Taudien ist eine von ihnen.

Das Revier der Landespolizeipfarrerin Astrid Taudien ist der Regierungsbezirk Arnsberg. Von Hamm bis Siegen, Bochum bis Brilon ist sie da, wenn Polizisten Beistand brauchen, seelischen und manchmal eben auch geistlichen.

Astrid Taudien feiert in diesem Jahr nicht nur ihren eigenen 50. Geburtstag, sondern auch das 50-jährige Bestehen der Polizeiseelsorge in NRW. Heute vor einem halben Jahrhundert trafen Landesregierung und Vertreter der evangelischen und katholischen Kirchen in NRW eine Vereinbarung: Offiziell sollten Geistliche von nun an beauftragt sein, den Staatsbeamten in Problemsituationen zur Seite zu stehen, ihren Blick schärfen, wenn im harten Polizeialltag Abstumpfung oder Überforderung drohen.

Polizisten in emotionalen Notlagen kompetent beraten

„Den Blick über die normalen Ränder von Kirche werfen“, wollte Astrid Taudien, als sie sich 1998 als Polizeiseelsorgerin, zunächst zuständig für Dortmund, bewarb. Seither ist ihr Einsatzgebiet eher das Polizeipräsidium als das Kirchenschiff. „Im Polizeialltag gibt es viele Grenzsituationen, in denen es nicht möglich ist, emotionale Distanz aufrecht zu erhalten. Dann brauchen Polizisten manchmal Beratung.“

INFO
Offene Seelsorger-Ohren für 50 000 Polizisten in NRW

In NRW sind 24 hauptamtliche christliche Geistliche in der Polizeiseelsorge aktiv.

Gemeinsam mit 50 weiteren evangelischen und katholischen Pfarrern, die sich neben ihrer regulären Gemeindearbeit oder im Ruhestand in der Polizeiseelsorge engagieren, sind sie Ansprechpartner für rund 50 000 Polizisten in Nordrhein-Westfalen.

Evangelische Landeskirchen und (Erz-)Bistümer arbeiten in der Polizeiseelsorge eng zusammen. Entsprechend wird das Jubiläum auch mit einem ökumenischen Gottesdienst gefeiert.

Zum Jubiläumsjahr hat die Polizeiseelsorge NRW die Kampagne „Reden hilft“ ins Leben gerufen. Damit wirbt sie darum, dass Polizisten nach belastenden Ereignissen, über ihr Trauma sprechen und sich nicht zurückziehen.

Etwa, wenn ein junger Vater zu einem Verkehrsunfall kommt, bei dem ein Kind gestorben ist. Etwa, wenn Kollegen im Dienst verunglücken. Etwa, wenn ein Polizist, es mit seinem Einsatz nicht verhindern kann, dass sich jemand das Leben nimmt. Um die Polizisten in solchen emotionalen Notlagen kompetent beraten zu können, haben die Seelsorger entsprechende Zusatzqualifikationen in Gesprächsführung oder Traumabetreuung.

Und sie bringen ihren Glauben mit, der in Krisen eine wertvolle Stütze sein könne, sagt Taudien: „Wenn Menschen alles aus sich selbst schaffen müssen, kann man an sich verzweifeln“, sagt Taudien. „Wer an Gott glaubt, der hat etwas außerhalb seiner selbst, das ihn stützen kann“ – diese Stütze will Taudien aufzeigen, wenngleich es für die Polizeiseelsorge keinerlei Rolle spiele, ob jemand zur Kirche geht. „Wenn ein Polizist zu mir kommt, sehe ich ihn als Hilfesuchenden“ – und es sei schön zu beobachten, dass mittlerweile auch „harte Kerle Hilfesuchende sein können“, sagt Taudien.

Mehr Menschlichkeit im Polizeialltag

Dass Seelsorge ankommt, weiß auch ihr Kollege Dietrich Bredt-Dehnen, leitender Landespfarrer für Polizeiseelsorge der Evangelischen Kirche im Rheinland. Wie Taudien hat er über all seine Jahre im Dienst für die Polizei einen Kulturwechsel erlebt: „Heute stehen Polizisten endlich nicht mehr als Weicheier dar, wenn sie Beratung annehmen.“

Neben Beratung in emotionalen Notlagen gehört es zum Selbstverständnis der Polizeiseelsorger, den „ethischen Kompass in Gang zu halten“, wie Dietrich Bredt-Dehnen es nennt.

Menschlichkeit soll im Alltag nicht unter die Räder kommen

Man wolle nicht missionarisch oder mit erhobenem Zeigefinger unterwegs sein, aber Hilfe bieten, damit Menschlichkeit im Polizeialltag nicht unter die Räder kommt. Über Beratungen hinaus bietet Taudien daher auch Fortbildungen an, lehrt etwa wie Polizisten sensibel Todesnachrichten überbringen oder wie sie sich bei Amokläufen seelisch wappnen.

Dass ihre Hilfe immer wieder angenommen wird, freut Astrid Taudien: „Wenn dir ein gestandener Kerl, der eigentlich mit Gott wenig am Hut hat, als Dankeschön einen kleinen Engel schenkt, ahnt man, dass man ihn erreicht hat.“

Florentine Dame

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2012-07-01 18:08
Westfalen