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"Die meisten Rocker sind friedlich"

24.02.2012 | 15:13 Uhr
"Die meisten Rocker sind friedlich"
Hinter Rockerclubs steckt der Jahrtausende alte Mythos echter Bruderschaften.Foto: Archiv/dapd

Essen. Die Polizei in NRW wappnet sich für einen neuen Rockerkrieg. Einzelne Scharmützel werden seit Wochen registriert. Vor allem Bandidos und Hells Angels geraten aneinander. Michael Ahlsdorf, Chefredakteur des Rockermagazins "Bikers News" und Autor des Buches "Alles über Rocker. Die Gesetze, Die Geschichte, die Maschinen" über Motorradclubs, den Reiz an der Bruderschaft und die Signale der Szene.

Wie groß schätzen Sie die Rocker-Szene bundesweit ein?

Michael Ahlsdorf: Es gibt keine offiziellen Statistiken. Wenn wir alle Clubs aller Größen zusammenrechnen würden, kämen wir locker auf weit über 1000 Clubs in ganz Deutschland. Ein einzelner Club mit einem einzelnen Chapter, also einer Ortsgruppe, hat in der Regel 10 bis 20 Mitglieder, viele Clubs führen aber mehrere Chapter. Dazu kommen Supporter, darunter Unterstützer aus den verschiedensten Subkulturen, und dann gibt es natürlich noch die so genannten Freebiker, also Biker, die in der Rockerszene unterwegs sind, aber nicht zu Clubs gehören. „Bikers News“ ist das bundesweit erscheinende Rocker-Magazin, es verkauft monatlich rund 50.000 Hefte. Vielleicht dient diese Zahl einer ungefähren Orientierung.

Welches sind, etwa in punkto Größe, die führenden Motorradclubs in Deutschland?

Michael Ahlsdorf: In der Szene respektiert man nicht nur die zahlenmäßige Größe, sondern auch Alter und Beständigkeit, weshalb man sehr sensibel auf die Frage reagiert, wer der „Größte“ ist. Aber die Polizei hat uns diese Antwort abgenommen. Sie zählt vier Clubs als so genannte „Outlaw Motorcycle Gangs“ (OMCG), und das sind: Hells Angels MC; Bandidos MC, Outlaws MC und Gremium MC. Alle diese Clubs führen jeweils mehrere Dutzend Chapter.

"Narzismus der kleinen Differenz"

Wie würden Sie die Szene in Nordrhein-Westfalen einschätzen? Ist mit einem weiteren Ausbreiten von Rockergruppen zu rechnen?

Michael Ahlsdorf: Mit weiterem Ausbreiten ist immer zu rechnen. Aber die Kollegen Ihrer Zunft müssen nicht mit jeder neuen Clubhauseröffnung die Angst vor einem Rockerkrieg schüren.

Wie ist das Verhältnis von Hells Angels, Bandidos, Gremium und Outlaws untereinander?

Michael Ahlsdorf, Chefredakteur des Rocker-Magazins "Bikers News" und Autor des Buches "Alles über Rocker". (Foto: privat)

Michael Ahlsdorf: Unsere Zeitschrift ist neutral und wird nicht nur von allen Clubs, sondern auch von allen Behörden sehr aufmerksam gelesen. Als Chefredakteur eines Szene-Magazins werde ich Ihnen das deshalb nicht verraten. Aber die Ereignisse sprechen für sich selbst, und die Kollegen der bürgerlichen Presse sind ja deutlicher.

Inwieweit unterscheiden sich diese Rocker-Gruppen untereinander?

Michael Ahlsdorf: Das ist einem Außenstehenden sehr schwer zu erklären, mir könnte auch niemand den Unterschied der Fußballvereine in drei Sätzen erklären – oder den Hintergrund der Streits zwischen Baden und Schwaben oder Bayern und Franken. Siegmund Freud hat für dieses Phänomen mal den Begriff des „Narzissmus der kleinen Differenz“ geprägt. Zumindest einen Unterschied kann ich Ihnen auf die Kürze nennen: Drei der vier MCs hatten sich ursprünglich unter anderen Namen in Deutschland gegründet und sich erst in den letzten Jahrzehnten US-amerikanischen MCs angeschlossen. Der Gremium MC wurde ebenfalls in Deutschland gegründet, besteht unter diesem Namen bis heute und begründet auch bis heute sein Selbstverständnis in dieser deutschen Vergangenheit.

Die Rocker-Szene bekommt Zuwachs aus vielen Subkulturen

Heißt Rocker sein auch kriminell sein?

Michael Ahlsdorf: Natürlich nicht. Für die Mitglieder kleinerer Clubs gilt das sowieso nicht, aber auch nicht zwingend für die der großen Clubs. Als Subkultur bewegen die Rocker sich natürlich an den Randbereichen der Gesellschaft, was Überschneidungen und einzelne kriminelle Handlungen möglich macht. Aber wir haben die meisten Rocker, mit denen wir am Wochenende als Rocker zu tun haben, unter der Woche auch schon mit mörtelverschmierten Hosen oder im Blaumann aus Firmenwagen steigen sehen.

Wie würden Sie den typischen Rocker charakterisieren?

Michael Ahlsdorf: Motorradfahrer ist er noch immer, aber er ist ganz sicher nicht mehr „jugendlich“, wie der Duden es noch immer beschreibt. Aber auch da ändert sich gerade was, weil die Szene Zuwachs aus vielen anderen Subkulturen verzeichnet.Das martialische Auftreten und Tätowierungen erschrecken sicher auf den ersten Blick, aber die Szene ist bunt, auch in ihrer Sozialisation. Natürlich sind Akademiker selten, Handwerker häufiger vertreten. Einige haben eine Motorradwerkstatt, ein Tätowierstudio, oder – das wollen Sie vielleicht hören – sie sind Türsteher.Persönlich kenne ich aber sogar viele, die in Pflegeberufen tätig sind. Ob Sie’s glauben, oder nicht: Ein Rocker hat ein ausgeprägtes Sozialgefühl. So erklären sich die vielen Charity-Veranstaltungen in der Rockerszene. Das wiederum liegt an den gebrochenen Familienverhältnissen, in denen viele Rocker groß geworden sind.

Welche Intention steckt hinter einem Rockerclub?

Michael Ahlsdorf: An gleichermaßen erster Stelle stehen zwei Dinge: Die Gemeinschaft und das Motorrad. Dazu kommt der Protest gegen die bürgerliche Gesellschaft. Alles zusammen begründet den martialischen Auftritt, der viele Bürger erschreckt. Sie können das nicht verstehen und suchen Erklärungen. So entsteht der Glaube, hinter einem MC müssten Drogen- und Rotlichtkriminalität stecken. In Einzelfällen trifft das sicher auch zu, wir bewegen uns ja in einer Subkultur. Im Großen und Ganzen steckt dahinter aber nur der Jahrtausende alte Mythos echter Bruderschaften. Das ist die Intention.

"Der Mythos der Bruderschaften zieht noch immer"

Werben Rockerclubs um Mitglieder?

Michael Ahlsdorf: In der Regel haben sie das nicht nötig. Bestenfalls werden die Auswahlkriterien gelegentlich entschärft, denn die sind sehr hart. Es dauert Jahre bis zu einer vollwertigen Mitgliedschaft. Trotzdem finden sich genug Leute. Der Mythos von Bruderschaften zieht noch immer.

Wie wichtig ist Rocker-Clubs eine gewisse Außendarstellung?

Michael Ahlsdorf: Wenn Sie nach einer „gewissen“ Außendarstellung fragen, dann fragen Sie richtig. Zu viel Rummel bedeutet zu viel Presse mit möglicherweise verzerrender Berichterstattung und möglicherweise zu viel Polizei. Trotzdem ist natürlich jede Präsenz unter dem Abzeichen des eigenen Clubs und erst recht jede größere Versammlung immer auch ein Signal. Bei mehreren hundert Mitgliedern, die die größeren Clubs zählen, ist ein Treffen von mehreren hundert Mitgliedern aber auch keine Sensation. Die Öffentlichkeit und die Presse sind durch die Ereignisse der letzten Jahre sensibilisiert. Alles das hat es vorher auch gegeben. Sie haben keine Vorstellung, wie viele Schlägereien in den 70er und 80er Jahren in der Rockerszene an jedem Wochenende stattfanden, nur machte das damals noch keine Schlagzeilen. Und erschrecken Sie bitte nicht, wenn ich von „vielen“ Schlägereien rede. Die stehen nämlich noch immer in keinem Verhältnis zu den Schlägereien auf einem Schützenfest oder den Krawallen nach einem Fußballspiel. Bis heute fühle ich mich auf einer Rocker-Veranstaltung sicherer als auf einem Schützenfest.

Dagobert Ernst


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