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Hobby: Journalist

23.05.2008 | 10:23 Uhr

Essen. Immer mehr Amateur-Reporter sind heute in den Medien präsent und lassen die Arbeit professioneller Journalisten umso wichtiger erscheinen.

Vier Bilder pro Sekunde, zwei Minuten später per E-Mail verschickt. Fotos von Unfällen, Bränden, Prominenten erreichen heutzutage Redaktionen, noch bevor der Pressefotograf am Ort des Geschehens einmal auf den Auslöser gedrückt hat. Aus dem einstigen Rezipienten ist inzwischen ein neuer Mitarbeiter geworden: der Leser als Reporter. In den Lokalredaktionen der „Thüringer Allgemeine“ wird der ganz bewusst eingebunden. Als Trend-Agenten sind hier junge Leser unterwegs - ausgerüstet mit Kamera und auf der Suche nach den schönsten Fotomotiven aus Party- und kulturellem Leben.

Niemals war der Leser so gefragt und niemals gab es so viele Möglichkeiten für ihn, sich zu äußern wie heute. Beschränkte sich die Partizipation der Bürger einst auf den Leserbrief, kann  heute praktisch jeder alles im Internet ungekürzt und sofort publizieren. Auch die Medien nutzen immer häufiger das Potenzial ihrer Leser, Zuhörer und Zuschauer. Sie liefern die ersten Bilder und Videos einer Katastrophe. Sie diskutieren in Blogs die politische Entwicklungen, genauso wie den neuesten Tratsch aus der Prominentenwelt und offenbaren nicht selten auch Details aus ihrem eigenen Leben. Diese Art, vollkommen öffentlich Tagebuch zu führen, ist inzwischen sogar in den Internet-Auftritten der Tageszeitungen angekommen. Menschen, die auf der ganzen Welt verstreut  leben, einander nicht kennen und in den meisten Fällen auch niemals kennenlernen, entwickeln gemeinsam riesige Datenbanken, die als Online-Lexika mit ihrer Möglichkeit, schnell und flexibel auf neue Entwicklungen zu reagieren, längst an den behäbigen, gedruckten Varianten vorbeigezogen sind.

Ein einzelner Journalist kann niemals so schnell und so direkt am Geschehen sein wie das Heer der Leserreporter. Besonders die Fotografen sieht Christian Neuberger, Medienwissenschaftler aus Münster, durch diese Entwicklungen und  aufgrund der heutigen technischen Möglichkeiten von Digitalkameras und Fotohandys gefährdet.

Welche Auswirkungen der Bürgerjournalismus auf die Redaktionen haben wird, ist bislang noch völlig unklar. Werden billige Amateure den ausgebildeten Reporter ersetzen können? Wird die Redaktion der Zukunft permanent mit Nachrichten und Bildern von Leserreportern versorgt und überprüft nur noch die Fakten am Telefon? Was passiert mit der kritischen Recherche, wo bleibt die Vielfalt der Darstellungsformen, die ausgebildete Journalisten beherrschen? Derzeit glaubt an die Wachablösung der professionellen Journalisten niemand. Im Gegenteil, nach Meinung zahlreicher Experten können Bürgerreporter die Redaktionen bereichern – mit neuen Blickwinkeln, ihrer Nähe zu Interviewpartnern und ihrem Identifikationswert für andere Leser.

Die Arbeit des professionellen Journalisten wird das aber nicht ersetzen können, denn auch oder besonders Beiträge von Leserreportern müssen nachrecherchiert, die Fakten präzise überprüft werden.  Zu subjektiv und speziell sind ihre Interessen, zu eintönig oftmals das eingesandte Fotomaterial, um Beiträge ungefiltert zu veröffentlichen. Das Monopol über Nachrichten und die Informationsvermittlung - das haben Journalisten zwar nicht mehr allein inne. Aber sie sind es immer noch, die eine Nachricht werten. Sie kennen die Maßstäbe, die Nachrichtenwertfaktoren, die angelegt werden müssen, um in einem Wust an Informationen die wirklich relevanten herauszufiltern. Sie geben die Orientierung in einer immer unübersichtlicher werdenden Zeit.

Leserreporter, wie etwa der Trendagent, können dabei helfen, die Vielfalt der publizierten Beiträge zu erhöhen. Im besten Falle sind sie ein probates Mittel, gerade junge Leser, die den Tageszeitungen vermehrt die kalte Schulter zeigen, wieder an ihr Heimatmedium zu binden. Ein Ersatz für professionelle, kreative Journalisten sind sie nicht – möglicherweise noch nicht.

Weiterführende Links:Trend-Agenten der Thüringer Allgemeine

Anita Grasse und Andrea Hellmann

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