Das aktuelle Wetter NRW 9°C
Religion

Grüne wollen den Islam rechtlich mit christlichen Kirchen gleichstellen

05.07.2012 | 19:10 Uhr
Funktionen
Grüne wollen den Islam rechtlich mit christlichen Kirchen gleichstellen
Islam in Deutschland: Gläubige Moslems beim Gebet in der Merkez-Moschee in Duisburg.

Berlin.   Vier Millionen Muslime leben in Deutschland. Die Grünen fordern, muslimische Gemeinschaften rechtlich wie die christlichen Kirchen und die jüdische Gemeinde zu behandeln. Renate Künast und Volker Beck stellen am Donnerstag ihre „Roadmap“ vor. Doch es gibt viele Hindernisse.

Natürlich darf der Satz nicht fehlen. Es geht bei diesem Auftritt ja auch um Glaubensbekenntnisse. Also: „Der Islam ist ein Teil von Deutschland.“ Hier und heute, an einem schwülen Berliner Vormittag, ist es Volker Beck, der die geflügelten Worte ausspricht.

Der Fraktionsgeschäftsführer der Grünen sitzt im Saal der Bundespressekonferenz neben seiner Chefin Renate Künast und präsentiert eine Fleißarbeit. In einem „mehrjährigen Prozess“, wie er berichtet, habe die Fraktion um Klarheit gerungen. Mit Religionswissenschaftlern und Verbänden diskutiert, „auf Augenhöhe“ – und dabei beharrlich die Frage umkreist, auf die seit sechs Jahren drei Innenminister mit einer ganzen Islamkonferenz keine Antwort gefunden haben: Ob, und wenn ja, wie die vier Millionen Muslime in Deutschland als Glaubensgemeinschaft in gleicher Weise staatliche Anerkennung finden können wie die christlichen Kirchen und die jüdische Gemeinde.

„Wir wollen Druck machen“

Vier islamische Verbände gibt es hierzulande, seit 2007 locker vereinigt im „Koordinationsrat der Muslime“. Einer davon, der größte, ist eine Filiale des türkischen Religionsministeriums. Ob er überhaupt für eine Mehrheit der muslimischen Bevölkerung spricht, ist umstritten. Manche ihrer Mitglieder oder Teilorganisationen finden sich in Berichten des Verfassungsschutzes kritisch gewürdigt.

Als Religionsgemeinschaft im Sinne des Grundgesetzes, Träger des Religionsunterrichts, Ansprechpartner des Staates, privilegierte Körperschaft des Öffentlichen Rechts, kommt keiner dieser Verbände in Frage. Nicht zuletzt deshalb, weil sie sich nicht nach theologischen Maßstäben als Konfessionen voneinander unterscheiden, sondern jeweils sehr weltliche Lobby-Interessen vertreten. Höchste Zeit, dass sich etwas ändert, finden die Grünen. „Wir wollen mit unserem Denkanstoß Druck machen“, sagt Künast.

Soviel zur Absicht der grünen „Roadmap“, also der Wegekarte zur „Gleichstellung und rechtlichen Integration des Islam“. Dass sie als erste Fraktion im Bundestag mit einem solchen Papier aufwarten können, lassen Künast und Beck nicht unerwähnt. Mit der Frage, ob der Islam zu Deutschland gehört, tun sich andere schwerer.

Kürzlich noch hat der Bundespräsident Stirnrunzeln und Aufsehen erregt, als er die Frage in der gleichen Formulierung beantwortete, wie es seit jeher der Innenminister, ein CSU-Mann, zu tun pflegt, und seinem Vorgänger damit widersprach: „Die Muslime, die hier leben, gehören zu Deutschland“, sagte Joachim Gauck. Was zugleich bedeutete, dass er den Islam wohl eher nicht für eine der historischen Wurzeln der deutschen Kultur hält. Moslemische Verbandsvertreter reagierten gekränkt.

Streitfall Beschneidung

Gibt es derzeit eine andere Frage, an der sich dermaßen die Geister scheiden? Für den jüngsten Aufreger sorgte ein Kölner Landgericht mit dem Urteil, die Beschneidung von Jungen sei als Körperverletzung strafbar. Das Verdikt traf auch die jüdischen Gemeinden. Gleichwohl zeigen sich 56 Prozent der Bevölkerung einverstanden. Sogar ein liberaler Muslim wie der Deutsch-Afghane Jamshed Dezham, der Polizisten und Bundeswehrsoldaten in der Kultur seines Herkunftslandes unterrichtet, hält es für „fraglich, ob es in Ordnung ist, Minderjährige zu beschneiden“.

Viel Angst mischt sich in die Debatte. Ob Salafisten auf der Straße den Koran verteilen, ein Moscheebauprojekt zum heiklen Streitfall gerät oder eine Umfrage zeigt, dass ein Viertel der Deutschen Muslimen die Zuwanderung am liebsten verbieten würde – letztlich geht es um Vertrauen. Von der einen Seite richtet sich Argwohn auf die islamischen Verbände, wie ernst es ihnen wirklich ist mit dem Bekenntnis zu den Werten des Grundgesetzes. Die Gegenseite fühlt sich missverstanden und nicht akzeptiert.

Winfried Dolderer

Kommentare
19.10.2012
12:26
Grüne wollen den Islam rechtlich mit christlichen Kirchen gleichstellen
von birne111 | #1

ich wuste es immer die gruenen sind Schwachsinnig

Aus dem Ressort
Verwirrung um muslimische Lieder im Weihnachtsgottesdienst
Integration
Ein angeblicher Vorschlag des Grünen Omid Nouripour stößt auf Widerspruch. Der Politiker fühlt sich missverständlich widergegeben.
Papst Franziskus rechnet in Weihnachtsrede mit Kurie ab
Kirche
Die Vatikan-Bürokratie und ihre verkrusteten Strukturen prangert der Papst schon lange an - doch so deutlich war seine Kritik selten.
Sony sucht Wege für Veröffentlichung von "The Interview"
Cyber-Angriff
Sony will die zunächst wegen Terror-Drohungen abgesagte Nordkorea-Satire "The Interview" doch noch auf irgendeine Art und Weise veröffentlichen.
Essebsi gewinnt Präsidentenwahl in Tunesien
Wahlen
Der 88-jährige Essebsi ist erster frei gewählter Präsident Tunesiens. Er entschied die Stichwahl gegen den Übergangspräsidenten Marzouki für sich.
Pakistan will nach Schul-Massaker 500 Terroristen hängen
Terrorismus
Die Regierung in Islamabad will die Gewalt im Land mit Massenhinrichtungen von Extremisten bekämpfen. Sie sollen noch binnen Wochen am Strang enden.
Fotos und Videos
Sakurai und Co.
Bildgalerie
Fotostrecke
Familie Al Sari floh in den Libanon
Bildgalerie
Spendenaktion