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„Ich fühle mich wohl in der Hölle“

24.06.2012 | 13:14 Uhr
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„Ich fühle mich wohl in der Hölle“
John Lydon (vorn), inoffizieller Weltmeister im Böse-in-die-Kamera-Gucken, gemeinsam mit seinen Bandmitgliedern Bruce Smith (Drums), Scott Firth (Bass) und Lu Edmonds (Gitarre, v.l.). Foto: Paul Heartfield

Essen.   Als Sänger der berüchtigten Sex Pistols warJohnny Rottenin den Siebzigern eine Ikone des Punk. Nun kommt er unter seinem bürgerlichen Namen John Lydon zurück. Mit seiner Band Public Image Ltd. und dem ersten Studioalbum nach 20 Jahren.

1979, nach dem Drogentod des Bassisten Sid Vicious, gründete John Lydon das Musikprojekt Public Image Ltd. („This Is Not A Love Song“, 1983). Jetzt erscheint „This Is PiL“. Außerdem tritt Lydon, der schon öfter schauspielerte, als Gaststar in der norwegisch-französischen Punk-Komödie „Sons of Norway“ auf (Kinostart: 5. Juli). Wir sprachen mit dem 56-Jährigen, der heute in Kalifornien lebt, über Pistols, PiL und Provokationen.

Mr. Lydon, wenn Sie heute alte Videos der Pistols sehen, diese Wut und Agressivität: Erschrecken Sie manchmal über sich selbst?

Lydon: Nein, niemals. Das ist so, als wenn Eltern dir deine Kinderfotos zeigen.

Jeder weiß, was mit Sid Vicious passiert ist. Hätte Sie, mit etwas weniger Glück, dasselbe Schicksal treffen können?

Lydon: Ich möchte nicht über Sid sprechen. Er ist ein Freund, der gestorben ist. Also: Über ihn werden Sie von mir nichts hören.

Wie viel Johnny Rotten steckt heute noch in John Lydon?

Lydon: Es ist ein- und dieselbe Person. Sehen Sie: Die Pistols und PiL wollten auf ihre Art beide herauszufinden, worum es im Leben geht. Die Pistols haben sich gegen die Regierung, Betrug und Intrigen gewandt. PiL ist mehr eine innere Analyse über das, was falsch läuft.

Glauben Sie an Vorsehung? (englisch: providence, die Red.)

Lydon: Ich glaube daran, dass Providence eine Stadt in Rhode Island ist.

Johnny Lydon und seine Band PiL. Foto: Paul Heartfield

Ich dachte eher an „providence“ im Sinne von Schicksal. Es heißt, Sie hätten 1987 um ein Haar in der Unglücksmaschine von Lockerbie gesessen. Nur weil Ihre Frau zu lange zum Packen brauchte, haben Sie das Flugzeug verpasst.

Lydon: Ja, meine deutsche Frau! (lacht) Meine deutsche Frau Nora, die sich als völlig unorganisiert herausgestellt hat – und auf diese Weise unser Leben gerettet hat.

Haben Sie damals einfach Glück gehabt? Oder gibt es doch so etwas wie Vorsehung?

Lydon: Die meisten Dinge im Leben hängen vom Zufall ab. Ich bin dem Tod ein paar Mal von der Schippe gesprungen. Zum Beispiel, als ich mit sieben eine Hirnhautentzündung bekam. Ich lag drei oder vier Monate im Koma...

Sie haben ihr Gedächtnis verloren.

Lydon: Stimmt. Es hat mich vier Jahre gekostet, die Erinnerung zurückzubekommen. Ich war total von dem abhängig, was mir die Leute als Wahrheit verkauft haben. Deswegen bin ich unheimlich wütend, wenn mich Menschen anlügen. Ich selbst lüge niemals.

Es gibt einen Pistols-Song namens „Liar“, Lügner. Hat das mit dieser Erfahrung zu tun?

Lydon: Nein. Das hat mit unserem damaligen Manager zu tun.

Sie sprechen von Malcolm McLaren.

Lydon: Nein. Sie sprechen von ihm.

Er ist vor zwei Jahren gestorben.

Lydon: Ja. Aber mein eigener Vater ist kurz vor ihm gestorben. Da habe ich meine gesamte Trauer aufgebraucht. Mal offen und ehrlich: McLaren hat sich nicht die Bohne für mich interessiert. Und ich mich noch weniger für ihn.

Hatten Sie noch Kontakt zu ihm?

Lydon: Nein. Wofür? (Längere Pause) Nein, warten Sie, Sie sollten das verstehen. Der Mann war total eifersüchtig auf mich. Er wollte so sein wie ich, aber er konnte nicht. Also bitte: Warum wird dieser Name überhaupt erwähnt?

Die Sex Pistols 1977 in London. Drummer Paul Cook, Sid Vicious (Bass), Sänger Johnny Rotten und Gitarrist Steve Jones. Foto: afp

Na ja, viele Journalisten sagen, dass...

Lydon: Ich schere mich nicht um Journalisten! Journalisten sind korrupt.

Ich nicht, mit Verlaub....

Lydon: Gut für Sie. Aber lassen Sie uns damit aufhören. Das ist nicht lustig.

Einverstanden. Reden wir über Ihre Bands. Man hat fast 20 Jahre nichts von PiL gehört. Warum haben Sie nun...

Lydon: (unterbricht) Die Plattenfirma hat PiL auf die lange Bank geschoben. Wir haben einen Vertrag unterschrieben, aber sie haben uns niemals in irgendeiner Form geholfen. Deshalb war ich ständig knapp bei Kasse. Ich musste sogar einen TV-Werbespot für einen Butterproduzenten machen, um das Geld zusammenzukratzen.

Und Sie...

Lydon (unterbricht): Und das zahlt sich aus. Die Leute, die zu unseren Gigs kommen, verstehen das. Deshalb kommen Leute aus allen Altersschichten zu uns. Haufenweise junge Mädchen (lacht). Das ist großartig!

Okay, ich...

Lydon (redet unbeirrt weiter): Public Image ist vielleicht die einflussreichste Band, die es jemals gab. Wir haben neue Rhythmen entwickelt. Neue Formen, wie man Instrumente nutzt. Bands wie die Smashing Pumpkins oder Massive Attack gäbe es ohne uns nicht. Selbst U2! Der Gitarrensound von U2 kommt von PiL! Glauben Sie mir: Wenn Sie uns live sehen, kriegen Sie das beste PiL-Format aller Zeiten. Das ist unglaublich. Unglaublich...

(Der Interviewer gibt es vorerst auf, weitere Fragen zu stellen.)

Lydon: Eigentlich ist PiL eine Folkband. Die meisten Leute verbinden Folk mit Hippiemädchen und akustischen Gitarren. Das ist nicht richtig. Folk ist Musik aus dem Herzen. Aus der Seele. Folk ist inspirierend und zeitlos. Folk hat mit Kultur zu tun. Ich habe irische Wurzeln, verstehen Sie?

Auf dem neuen Album geht es häufig um England. In „One Drop“ beschreiben Sie Ihre frühe Jugend im Londoner Bezirk Finsbury Park. Auf „Lollipop Opera“ bieten Sie nach eigenem Bekunden „einen Haufen Lärm und Musik, der Großbritannien in all seiner wunderbaren Widersprüchlichkeit zusammenfasst“. Dabei leben Sie nun seit gut 30 Jahren in den Staaten...

Lydon: Ich bin damals nicht freiwillig gegangen, sondern wegen Übergriffen und Polizeischikanen. Aber die Leute in proletarisch geprägten Regionen wie Yorkshire oder Glasgow haben mich immer gut behandelt. Das sind meine Leute. In den angeblichen Höllenlöchern. Ich fühle mich wohl in der Hölle.

Auf „This Is PiL“ bieten Sie mal wieder das volle Programm: Greinen, Grunzen, Nölen, Shouten. Betrachten Sie sich eigentlich als Sänger? Sie haben mal gesagt, Ihre Stimme klingt wie ein Sack voller Kätzchen, den man die Treppe runterschmeißt.

Lydon: Ich habe eine innere Stimme – und das bin ich. Mein wahres Ich. Wenn Sie mein falsches Ich hören wollen, dann gehen Sie zu meinen Nachahmern.

Mit normalem Gesang hat das aber wenig zu tun...

Lydon (hört nicht wirklich zu und verfällt ins Pastorale): Jedes menschliche Wesen ist einzigartig. Und hat eine einzigartige Stimme. Warum sollte man das ersticken?

Fühlen Sie sich als Provokateur?

Lydon: Überhaupt nicht! Das hieße ja, andere zu belästigen. Ich glaube an Freiheit und würde niemals andere verletzen. Ich bin Pazifist. Mein Held ist Mahatma Gandhi.

Trotzdem sehen viele Leute Sie immer noch als Krawallbruder an. Es gab Berichte über Zwischenfälle, bei denen Sie Frauen beleidigt und ins Gesicht geschlagen haben sollen...

Lydon: Totaler Unfug. Vor einigen Jahren wurde ich bezichtigt, Rassist zu sein. Dabei sind meine beiden Enkel schwarze Jamaikaner. Muss ich dazu wirklich was sagen? Die Kinder waren am Boden zerstört. Ich kann nicht jeden Blödsinn kommentieren. Ich sage nur: Verbreitet keine Lügen über mich! Das dürft ihr nicht!

Da war auch eine Geschichte mit der Sängerin Duffy...

Lydon: Mein Gott, ein dummes kleines Mädchen! Es gab da ein Interview, ich glaube mit der Daily Mail. Plötzlich springt sie einfach von hinten auf meinen Rücken. Ich hab’ sie nur vor Schreck rumgerissen und gegen die Wand geschubst. Und nun werde ich plötzlich beschuldigt, Frauen zusammenzuschlagen! So was bringt mein Leben durcheinander: meine Enkel, meine Frau. Ich halte mich und meine Familie bewusst aus der Öffentlichkeit heraus. Das spiegelt sich im Bandnamen wider: Public Image Limited, eingeschränkte öffentliche Präsenz. Aber gegen verdammte Scheißlügner kannst du nichts machen.

  • PiL: This Is PiL (PiL Official/Cargo Records

Frank Grieger

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2012-06-24 13:14
Wochenende