Das aktuelle Wetter NRW 10°C
Tag der Begegnung

Inklusive Theatergruppe spielt den Sommernachtstraum

30.05.2012 | 18:49 Uhr
Inklusive Theatergruppe spielt den Sommernachtstraum
Vier Handwerker suchen ihren Kollegen: Geistig behinderte Schauspieler versetzen sich in die Rollen aus Shakespeares Sommernachtstraum.Foto: Kai Kitschenberg/WAZ FotoPool

Wermelskirchen.   Wer glaubt, Menschen mit Behinderungen hätten mit Hochkultur nichts am Hut, irrt gewaltig. In Wermelskirchen bringt eine inklusive Theatergruppe Shakespeares Sommernachtstraum auf die Bühne. Das Stück hat mehr mit dem Leben der Schauspieler zu tun, als Skeptiker glauben mögen.

Die Szene sitzt noch nicht richtig. Eigentlich sollte Helena dem geliebten Demetrius schmachtend hinterher rennen, aber noch trottet sie eher unwillig über die Bühne. „Nun hau schon ab und lauf mir nicht nach,“ ruft Demetrius. Seine Stimme klingt unsicher. Sie fragt mehr, als dass sie befiehlt. „Du bist so toll. Ich kann nicht anders“, soll Helena erwidern, aber mittendrin wird sie unterbrochen.

„Halt, nein, so geht das nicht!“ Regisseur Bardia Rousta schüttelt den Kopf, steigt auf die Bühne und holt sich seine Schauspieler zur Seite. „So nimmt euch das niemand ab.“ Der Regisseur sagt von sich selbst, er sei streng und fasse aus Prinzip niemanden mit Samthandschuhen an. Da mache er auch für diese Gruppe keine Ausnahme. „TheaterMut“ heißt sie und besteht aus zwölf Menschen mit geistiger Behinderung. Einmal pro Woche proben sie in der Kattwinkelschen Fabrik in Wermelskirchen den „Sommernachtstraum“.

80 Prozent Originalsprach

Ausgerechnet Shakespeare. Hochkultur. Geht das überhaupt mit Menschen, die etwas langsamer im Kopf oder autistisch sind, die nicht lesen können oder nichts sagen wollen? Solche Befürchtungen will Rousta widerlegen. Weil er als Theaterpädagoge generell ge­gen Denkverbote ist und weil es ohnehin nicht um die perfekte Inszenierung geht, wie er sagt, sondern darum, dass die Gruppe etwas gemeinsam auf die Beine stellt.

39 Seiten umfasst der gekürzte Text. 80 Prozent der Sprache seien immer noch Original-Shakespeare, betont der Regisseur. „Das Schlimmste, was wir hätten machen können: die Gruppe von Anfang an zu unterfordern.“

Glaubhaftes Spiel

Gerade ist die Szene mit den Handwerkern an der Reihe. Suchend tapsen vier junge Männer üb­er die Bühne. Es wirkt ein bisschen so, als wollten sie sich aneinander festhalten, damit sie als Einzelne im Rampenlicht nicht so auffallen. Regisseur Rousta stachelt den Trupp an: „Man muss euch glauben, dass ihr euren Kollegen finden wollt!“

Seit Oktober laufen die Proben. Zwei Monate haben die Schauspieler noch bis zu den zwei großen Auftritten vor Publikum. Bis dahin müssen Texte und Ablauf sitzen.

Lernen mit Hindernissen

Termine
Zwei Auftritte und ein Internetvideo

TheaterMut bringt den Sommernachtstraum zweimal zur Aufführung. Am Sonntag, 29. Juli, beginnt das Stück in der Kattwinkelschen Fabrik in Wermelskirchen um 18 Uhr. Am Sonntag darauf, 5. August, spielt die Gruppe im Industriemuseum in Leverkusen-Schlebusch. Wer sich vorher ein Bild von der Inszenierung machen möchte, findet im Videoportal „youtube“ einen kurzen Clip – einfach „LVR“ und „TheaterMut“ in die Suchleiste eingeben.

Daniel Walther hat seine ganz eigene Methode entwickelt, um die Passagen zu lernen. Der 28-Jährige muss sich viel Text einprägen, weil er gleich in mehrere Rollen schlüpft. Das Problem: Er kann zwar relativ gut auswendig lernen, aber: Er ist blind. „Ich habe eine Aufnahmegerät“, erzählt er. „Da kann ich mir den Text immer wieder anhören.“ Bisher allerdings, das muss er zugeben, hat er davon nur wenig Gebrauch gemacht – aus Angst, die Aufnahmen zu löschen. Wenn Walther aufgeregt ist, lacht er viel und wedelt mit den Armen in der Luft. Jetzt wedelt er und lacht.

„Ach, Daniel!“, entfährt es Bettina Schmitz und sie muss schmunzeln – wie so oft, wenn sie versucht, die Probleme der Schauspieler in den Griff zu bekommen. Schmitz arbeitet am Heilpädagogischen Zentrum des Landschaftsverbands Rheinland (LVR) in Burscheid-Lingen. Ihr Haus betreut das Theaterprojekt. Der LVR bezahlt den Regisseur und die Fahrten der Schauspieler, die donnerstags nach der Werkstatt zum Proben nach Wermelskirchen kommen, bevor sie in ihre Wohnheime zurückkehren.

Schulter zum Ausweinen

Als Regie-Assistentin muss Schmitz oft Text soufflieren und manchmal eine Schulter zum Weinen anbieten, wenn die Schauspielerei einmal mehr zu frustrierend geworden ist. Das kommt vor, wenn die Darsteller privaten Stress mit auf die Bühne nehmen. Das Wichtigste sei, dass die Gruppe die Lust am Spielen nicht verliere, sagt die LVR-Mitarbeiterin. Bisher ist kein einziger abgesprungen.

Um seinen Schauspielern komplizierte Stellen im Stück abzunehmen, hat Rou­sta das Ensemble erweitert. Mit auf der Bühne steht Rapper Da­ni, der Passagen der Komödie mit Hip-Hop-Beats unterlegt. Außerdem gibt es eine Jazzdance-Gruppe, die einzelne Szenen unterstützt.

Von Umwegen in der Liebe

Gerade machen die Schauspieler Pause, sitzen am Bühnenrand und genehmigen sich Getränke aus Plastikbechern. Ein Streit bricht aus zwischen zweien, die mal ein Paar waren und jetzt keins mehr sind. Die Trennung tut beiden noch weh, das ist zu spüren. Die Schuld dafür schieben sie sich ge­genseitig zu. „Wer hat denn damals ...?“

Um Liebe, Sehnsucht und Intrigen geht es auch im Sommernachtstraum. Die Komödie erzählt von Umwegen, die Menschen gehen müssen, bis sie zueinander finden. Wer glaubt, das sei etwas, was eine inklusive Theatergruppe nicht nachempfinden könnte, irrt gewaltig.

Meike Baars



Kommentare
Aus dem Ressort
Hatten die Römer auch Frauen?
Aktionen
Welches Kind träumt nicht davon, einfach mal den Pinsel zu nehmen und Papas neues Auto nach eigenen Vorstellungen zu verschönern?
Hier kommt was in Bewegung
Hip Hop
Noch ehe ich den ersten Schritt getanzt habe, stehen mir die Schweißperlen auf der Stirn. Angst? Mitnichten. Wärme? Schon eher. Kein Wunder: Das Look-Disco-Zelt gleicht einem Hexenkessel.
Guildo hat Xanten lieb
Tag der Begegnung
„Schönes Wetter, schöne Menschen, schöne Bühne, schöne Haare, schöne Musik.“
Ein Treffpunkt für alle
Tag der Begegnung
Wenn die NRZ beim Tag der Begegnung ihre Zelte aufschlägt, dann ist eines ganz gewiss: dass viele nette Gäste hier ein- und ausgehen. Das Zelt der Redaktion ist ein beliebter Treffpunkt. Hier gibt es frischen Kaffee, frische Zeitungen und – ganz wichtig – jede Menge Kunst.
Geistig behinderte Fußballer trainieren für höhere Ligen
Tag der Begegnung
In Frechen entsteht das erste Leistungszentrum für Fußballer mit geistiger Behinderung. Intensives Training soll den Spielern helfen, fit für höhere Vereinsligen zu werden.
Fotos und Videos
So sportlich ging es im APX zur Sache
Bildgalerie
TAG DER BEGEGNUNG
Ein bunter Bilderbogen
Bildgalerie
Tag der Begegnung
Guildo Horn dreht auf
Bildgalerie
Tag der Begegnung
Wohngemeinschaft
Bildgalerie
Tag der Begegnung
Weitere Nachrichten aus dem Ressort