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Das Stadion als politisches Statement

04.06.2012 | 16:28 Uhr
Foto: /dapd/Clemens Bilan

Jubelnde Fans, La-Ola-Wellen, Massenchoreografien mit Tausenden Teilnehmern: Die Künstlerin Hannah Prinzler hat für die Ausstellung "Choreographie der Massen" in Berlin Filmaufnahmen montiert, die den Menschen als Massenwesen im Stadion zeigen.

Berlin (dapd). Jubelnde Fans, La-Ola-Wellen, Massenchoreografien mit Tausenden Teilnehmern: Die Künstlerin Hannah Prinzler hat für die Ausstellung "Choreographie der Massen" in Berlin Filmaufnahmen montiert, die den Menschen als Massenwesen im Stadion zeigen. Ihre Video-Installation ist ein Abbild des dröhnenden, rauschhaften Innenlebens von Arenen, montiert aus Filmsequenzen von Leni Riefenstahl, Aufnahmen der DEFA und aktuellen Fernsehbildern. Beklemmende Szenen wechseln in dem Video auf heitere. Sie ähneln sich bisweilen auf verstörende Weise.

In drei kleinen Sälen zeigt die Akademie der Künste (AdK) in Berlin vom 6. Juni bis zum 12. August eine Ausstellung, die sich dem Stadion und dem Phänomen der Masse widmet. Der thematische Bogen der Schau ist weit gespannt: Es geht den Machern unter anderem um psychologische Effekte von Großveranstaltungen, den Missbrauch des Sports durch Politik und Kommerz und die Leibeserziehung im 19. Jahrhundert. Ziel der Schau sei es, für das Thema Massenverhalten zu sensibilisieren, sagt Michael Kuhn vom Hamburger Architekturbüro Gerkan, Marg und Partner. Das Büro hatte die Schau zusammen mit der AdK entwickelt.

Das Thema Politik und Sport wird gleich im Foyer vor den Ausstellungsräumen verhandelt. Die Ausstellungsmacher haben dort zwei Modelle deutscher Stadien aufgestellt, die nach ihrer Auffassung als politische Statements zu verstehen sind. Links steht ein Modell des Berliner Olympiastadions. Der Monomentalbau von 1936 sollte den Machtanspruch des Nazi-Regimes demonstrieren und diente ihm als Propaganda-Plattform. Rechts ein Modell des Münchener Olympiastadions: eine luftige Konstruktion mit transparentem Zeltdach, die sich an eine Parkanlage mit geschwungenen Wegen schmiegt. Auch dieser Bau von 1972, so die These von Kurator Volkwin Marg, ist politisch zu verstehen. Man habe damit versucht, sich "von der Erblast der NS-Zeit zu befreien", sagt der 75-jährige Architekt.

Im ersten Saal sind matt-schwarze Kästen aufgestellt, in denen wie in großen Katalogen Buchseiten eingelassen sind. Ein Kasten zeichnet die Geschichte von sportlichen, militärischen und paramilitärischen Großereignissen in Arenen seit der Antike nach. In anderen werden die Wechselbeziehungen von Sport und Kommerz und die Manipulation von Fans durch die Architektur selbst thematisiert. Die Dächer der modernen Arenen wirkten wie "Schalldecken", sagt dazu Michael Kuhn. Sie verstärkten die Geräusche der Masse, was der Stimmungssteigerung diene und Menschen empfänglicher für Werbebotschaften mache.

Auch die Stadien der Fußball-EM in Polen und der Ukraine bekommen Raum in der Schau: Große Fototafeln und Modelle der beiden Arenen vermitteln einen Eindruck aktueller Stadienarchitektur. An den Wänden rings sind Bilder, Skizzen und Infotafeln über Stadienbauten von Architekten, allesamt Mitglieder der AdK, angebracht. Kein erschöpfender historischer Abriss, aber doch ein Einblick in die Vielfältigkeit von Stadienbauten jüngerer Vergangenheit.

Emotionaler Höhepunkt der insgesamt recht textlastigen Ausstellung ist wohl die Installation von Hannah Prinzler im letzten der drei kleinen Säle. Sie habe sich mit der Ästhetik von Massenveranstaltungen auseinandersetzen wollen und dabei unerwartete Entdeckungen gemacht, sagt die 31-Jährige: "Überrascht hat mich, wie unkritisch das DDR-Fernsehen die Riefenstahl-Ästhetik übernommen hat."

dapd

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