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Erlebnisse in China

Shoppingtrips und Autogrammjagden

30.05.2009 | 09:06 Uhr
Shoppingtrips und Autogrammjagden

Iserlohn/Peking. Ein kleines Abenteuer im Leben sollte jeder Mensch haben. Eine Reise nach China reicht meist aber auch, um Gesprächsstoff für ein ganzes Leben zu haben. Philipp Wilhelm erzählt hier Auszüge.

Diese Erfahrung zu sammeln, sollte mir aufgrund meines Studiums nicht verwehrt bleiben. Im dritten Semester, also nach einem Jahr Studium der chinesischen Sprache, fiel die Entscheidung: Wir wollten uns ins kalte Wasser werfen und uns knallhart mit der chinesischen Kultur und Sprache konfrontieren. Die Idee zum Sinologiestudium hatte ich schon zu Schulzeiten, da ich dort an einer Chinesisch-AG teilgenommen hatte, bei der es aber mehr um das Kochen ging.

Vor mir lagen sechs Monate Uni Peking mit 20 Leuten, die ich schon aus einem Jahr Studium kannte. Es galt, eine Sprache zu bewältigen, die sehr oft und zum Teil zu Recht als schwer eingeschätzt wird, einen oder mehrere Kulturschocks zu verkraften, und natürlich ging es auch um das nackte Überleben.

Bei meinen weiblichen Kommilitonen bedeutete das, die Einkaufsmöglichkeiten in Peking ausfindig zu machen. Ich, als Freund und Begleiter, kam natürlich mit. Für Außenstehende ist zu sagen, dass Einkaufen in China nicht gleichzusetzen mit Einkaufen in Deutschland ist. In China herrscht eher das Flohmarktprinzip mit vielen kleinen Ständen in einem großen Gebäude. Das heißt auch, dass sich die Waren an jedem dritten Stand wiederholen, und die Preise durch die Dreistigkeit der Händler bestimmt werden, was dazu führt, dass dasselbe T-Shirt zehn Minuten später um einen Preis gestiegen ist, der prozentual der Gewichtszunahme eines Elefanten im Laufe seines Lebens entspricht.

Die eigentliche Besonderheit bestand aber darin, dass ich beim Einkaufengehen so gut wie keine Pärchen gesehen habe. So testosteronbefreit, wie die Shoppingmeilen in Peking waren, ist sonst nur ein Ausverkauf bei H&M. Meine Lehrerin erklärte: „Männer stören doch nur. Warum soll man die mitnehmen?” Man kann viel über China und seine Einwohner sagen. Aber Einkaufen haben sie ganz unkompliziert gelöst. Frau sucht nach „glitzernd, pink & sinnlos”, und er macht einfach etwas anderes.

Das Überleben meiner männlichen Mitreisenden bestand im Gegenzug daraus, erstaunlich viel an Kultur aufzunehmen, was heute nicht mehr als Standard bei Jugendlichen gilt. So gab es Ausflüge in Tempel, die verbotene Stadt und natürlich auch zur großen Mauer. Das bedeutendste Ereignis erlebte ich allerdings im Sommerpalast in Peking. Wir, als Gruppe von 20 europäischen Jugendlichen, standen vor dem Eingang und warteten darauf, dass jeder seine Eintrittskarte von unserer Professorin bekam. Nun ist es so, dass Chinesen anscheinend selten westliche Menschen zu Gesicht bekommen, obwohl damals gerade Olympiade und Paralympics liefen. Was macht ein Mensch also, wenn er etwas Besonderes sieht? Er möchte sich daran erinnern. Am besten geht das Ganze durch die Kunst der Fotografie.

Um uns herum bildete sich eine Menschenmenge, die sich kurz darauf zu einer Schlange umformte. Nun brauchte es eine Zeit, bis sich die Schlange halbwegs beruhigte, der erste Chinese in der Reihe seine Kamera zückte, seine Englischkenntnisse zusammenkramte und uns ein „Photo?” entgegenwarf. Diese ritualhafte Nachfrage stellte jeder Wartende erneut. Teilweise wurden die Sätze auch komplett ausformuliert. Aus Gründen der Fairness sollte man sagen, dass es für Chinesen eine große Schwierigkeit darstellt, eine westliche Sprache zu erlernen. Die Gruppe derer, die auf eine Fotomöglichkeit mit uns lauerten, überstieg inzwischen die der Wartenden am Ticketschalter. Unsere Besichtigung verzögerte sich dadurch auch um 30 Minuten.

Nach diesem einschneidenden Erlebnis, das sich noch an vielen Orten wiederholen sollte, entschlossen wir uns alle gemeinsam einen Fotografen aufzusuchen. Jeder von uns fertigte sich Autogrammkarten an, und in einer Art Mini-Autogrammstunde wurde der Name auf Deutsch und Chinesisch auf das eigene Foto geschrieben. Ab sofort trugen wir immer 20 bis 30 Exemplare mit uns.

Die Vorbereitungen waren also getroffen, und die nächsten Ausflüge konnten ohne „Fotopausen” ablaufen. Daraus resultierte aber auch, dass viele uns für Stars aus dem Ausland hielten, denn wer hat sonst Autogrammkarten? Wie viele Leute in China jetzt denken, dass ich ein Promi bin, möchte ich gar nicht wissen. Ich habe in einem halben Jahr dort aber mindestens 150 Karten verteilt.

Philipp Wilhelm

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