Wolfgang Seidenberg
07.04.2010 | 18:04 Uhr 2010-04-07T18:04:00+0200Gesucht wurde vor rund 15 Jahren ja laut Drehbuch eigentlich ein „kleiner, dicker, freundlicher Handwerker”, genommen haben sie am Ende allerdings einen, der auf der Schauspielschule schlichtweg als „der große Mann” geführt worden war.
Vielleicht, weil er der einzige Bewerber war, der die kölsche Sprache drauf hatte. Ihm selbst ist das heute allerdings ziemlich egal.
Die Rede ist von Wolfgang Seidenberg, der für die ARD-„Marienhof”-Fans seit dieser Zeit den selbstständigen Installateur-Meister Frank Töppers gibt. Später in unserem Gespräch werden wir übrigens noch versuchen zu verstehen, warum solche all-wochentäglichen Seifen-Opern so einen Erfolg haben.
Nun aber erst einmal zum Leben des Zufalls-Klempners Seidenberg, der gerade erst im Iserlohner Parktheater als Pater im hochaktuellen Tiefgang-Stück „Zweifel” einen Erfolg feiern konnte und den Nicht-Fans von Vorabend-Serien vielleicht eher als SS-Aufseher in „Schindlers Liste” bekannt ist.
Ein Handwerker-Beruf stand im richtigen Leben wohl nie ernsthaft zu Debatte. Geboren wird Wolfgang Seidenberg im März 1962 in Siegburg. Er ergänzt sofort „in Siegburg bei Köln”. Das sagt er, weil er sich im Grunde seines Herzens der Domstadt sehr zugetan fühlt. Für Düsseldorf hat er naturgemäß nur ein müdes Lächeln übrig. „So hat eben jeder sein eigenes Welt- und Feindbild!”
Die Mutter stammt übrigens aus Essen, der Vater aus Honnef. Und am Vater liegt wohl auch der Geburtsort Siegburg, weil der Mann Stabsmusiker bei der Bundeswehr ist. Fürs Vaterland bedient er dort die Posaune und die Geige.
Und die Seidenbergs lieben das Theater, haben ein Abo in Bonn, nehmen den Sohn sehr früh mit in die Vorstellungen. Er erinnert sich mit sieben Jahren bereits „Hoffmanns Erzählungen” gesehen zu haben. Und schwer beeindruckt gewesen zu sein. Auch Molières „Menschenfeind” oder „Richard II.” standen auf dem kulturellen Speiseplan des Jugendlichen. „Wir habe mit Freunden auch solche Stücke mit verteilten Rollen gelesen”, sagt Wolfgang Seidenberg und lässt das so selbstverständlich durch den Raum gleiten, als könne man als Jugendlicher ja eigentlich gar nicht auf die Idee kommen, etwas anderes zu tun. Allerdings habe er auch in Zeiten, wenn nicht gerade gelesen wurde, Basketball gespielt und auch jungengemäß Wald und Flur unsicher gemacht.
Hier passt auch mal eben die kleine Geschichte mit der ersten Freundin hin. Ein richtiger Draufgänger in Bezug auf Mädels war Wolfgang Seidenberg wohl in der Anfangsphase eher nicht. Und doch hatte er irgendwann die erste Freundin in Arbeit. So richtig gefunkt hat es zwischen den beiden sich Annähernden allerdings erst, als sie vierhändig „Schuberts Militärmarsch” am Klavier gespielt hatten. Passt irgendwie ins Bild.
Es folgt die Berufsfindung. Trotz künstlerischer Grundströmungen im Hause Seidenberg möchten die Eltern, dass „der Junge erst einmal was Richtiges lernt”. „Diplomatischer Dienst war damals eine auf den ersten Blick verlockende Perspektive”, sagt Wolfgang Seidenberg, der wohl zeitweilig auch mit einem Studium der Juristerei geliebäugelt hatte. Aber nach einem tieferen Einblick in die Berufswelt der Diplomaten kam er dann schnell zu dem Ergebnis: „Das waren nicht meine Leute, das war nicht meine Welt!”
Auch evangelischer Pfarrer sei damals eine echte Alternative gewesen. Er sei in der Kirche durchaus engagiert gewesen, habe Kindergottesdienste mitgemacht und sei später auch gegen die „Pershing-Stationierung” auf die Straße gegangen. Eigentlich, so kann man raushören, ist es ja bei Gottesdienst-Besuchern ähnlich wie bei Theaterbesuchern: Pastor wie Schauspieler sollten in der Lage sein, bei den Besuchern zu erreichen, dass sie die Kirche oder das Theater in einem anderen Zustand verlassen als dem, in dem sie hereingekommen sind.
Am Ende wird es dann doch der Schauspieler-Beruf. So richtig mit Vorsprechen und Aufnahmeprüfung am Burg-Theater in Wien bzw. am Max-Reinhardt-Seminar. Ob er wirklich so gut gewesen sei damals, vermag er eigentlich nicht zu sagen. „Ich hatte eben Glück, dass sie einen großen Mann brauchten.” Er erklärt, dass sich die Seminargruppen aus unterschiedlichen Typen zusammensetzen müssen, um facettenreiche Darstellungen erarbeiten zu können, und er sei da eben der Typ „Großer Mann” gewesen.
Aber somit kommt es wohl auch zu einem ersten frühen Kontakt mit Wien. Offensichtlich Liebe auf den ersten Besuch. Der Zuhörer merkt schnell: Will man Wolfgang Seidenberg wirklich ins Schwärmen bringen, muss man gar nicht Köln sagen, dann muss man Wien sagen. Diese verspielt-verträumte Atmosphäre, die irgendwie immer hinter der Zeit zurück zu sein schien oder scheint, hat es dem Mimen angetan.
Ganz am Ende des Gesprächs wird er sagen, dass er in Idealfall mal als alter Mann in einem Wiener Kaffeehaus vor einem Viertel guten Weines milde lächelnd den Kopf auf die Tischplatte senken und von hüben nach drüben gehen möchte. Wohlgemerkt noch nicht jetzt, auch der schönste Tod hat Zeit, wenn man lebend noch viel zu tun hat.
Noch mal wieder ein kleiner Rücksprung. In allen Lebensabschnitten wird man bei Wolfgang Seidenberg das Gefühl nicht los, dass immer irgendwie etwas anders ist als bei anderen. Wir reden über seine Zeit bei der Bundeswehr. Auf die Frage, was er, der im Jahr 1962 geborene, dort gemacht haben, sagt er knapp: „Tschechisch gelernt.” In dieser gediegenen Information verbirgt sich erstens der Aspekt, dass er sich vermutlich für die Heimat nun wirklich nicht kaputtgemacht hat und zweitens die Tatsache, dass Seidenberg dazu auserkoren war, im Kriegs- bzw. Verteidigungsfall (wie das ja damals erklärend hieß) die möglichen tschechischen Kriegsgefangenen in ihrer Landessprache zu verhören. Umständehalber habe er allerdings auf diese Art und Weise auch abseits des militärischen Fachwissens viel über Land und Leute erfahren. Und an seinen semi-dienstlichen und von offizieller tschechischer Seite misstrauisch beäugten Studien-Besuch in Prag und Umgebung habe er nur beste Erinnerungen.
Wir sind inzwischen wieder bei der Schauspielerei - und Wolfgang Seidenberg in München - angekommen. Auf die Frage, ob sich die Karriere denn gleichmäßig positiv entwickelt habe, sagt er kernig trocken und ohne auch nur ein Miene zu verziehen: „Es ist so explosionsartig gelaufen, dass ich gerade vorher den Münchner Taxischein gemacht hatte, als das Angebot von ,Marienhof' kam. Finanziell war das damals wohl irgendwie erst einmal die Rettung.”
Das Geld reicht ja auch, um eine Familie zu gründen bzw. sich an deren Finanzierung zu beteiligen. Seidenberg heiratet 1987 die Schauspielerin Michaela Geuer, zehn Jahre später kommen die Zwillings-Jungs zur Welt. Doch die Ehe zerbricht in dieser Zeit. Ob sie auch „daran” zerbrochen ist, lässt Seidenberg etwas im Dunkeln, weicht den privaten Fragen jetzt etwas öfter aus. Könnte man vielleicht mit dem Tierkreiszeichen begründen: „Ich bin eben ein wahnsinnig typischer Fisch. Schwer greifbar. Manchmal allerdings etwas verträumt, aber eigentlich immer mit einer positiven Grundeinstellung.” Und dann ist da noch die Sache mit der fischigen Harmoniesucht. Eine Eigenschaft, die ihn übrigens mit seiner Film-Figur Töppers verbindet.
Und die beiden Jungs bei der Mutter? Tut das auch nach 13 Jahren noch weh? „Ich bin schon traurig darüber, dass ich mit den beiden nicht wirklich einen Alltag habe. Andererseits weiß ich aber auch gar nicht, ob ich mich überhaupt mehr kümmern könnte.” Seidenberg sagt aber auch, dass er gerne Vater sei. Dass er jetzt ja seine inzwischen sechsjährige Tochter aus der Verbindung mit einer Regisseurin aufwachsen sehe. „Das ist schon ein wertvolles Gefühl.”
Kommen wir noch einmal auf die Marienhof-Rolle, die übrigens rund die Hälfte aller möglichen Jahresarbeitstage des Schauspielers erfordert. Allem Anschein nach spielt Seidenberg den Klempner-Meister so überzeugend, dass er nicht nur im Baumarkt schon mal um eine ultimative Rohr- oder Muffenempfehlung gebeten wird. Aber so ist das eben, wenn man aktives Mitglied der Fernsehfamilie ist. „In diesen täglichen Serien haben die Menschen einen Fixpunkt in ihrem Alltag”, sagt er und freut sich wie ein Junge, dass „ganze Altersheime in den Nachmittagsstunden lahm gelegt sind. Da können die sich ihre Massage- und Spielangebote klemmen. Die Herrschaften gucken 'Sturm der Liebe'!” Allerdings sagt er auch, dass so eine Daily Soap irgendwie wohl auch das menschliche Bedürfnis nach Tratsch erfülle. „Wir haben ja nicht unbedingt den größten Tiefgang, aber irgendwie bewegen wir uns doch sogar in der langen Tradition der Geschichtenerzähler.” Und so eine Serie wie „Lindenstraße” habe allein schon durch die Themenwahl durchaus gesellschaftspolitische Beiträge wie zum Beispiel im Bereich der Integration leisten können.
Wolfgang Seidenberg ist im richtigen Leben offenbar eher der ruhigere, mildere Typ Mensch. Beim Frühstück auf Tournee darf's auch gerne mal ein Einzeltisch ein. Mit dem Begriff „Naturtyp” kann er sich wohl auch anfreunden. Allerdings können ihn Ungerechtigkeiten auch ebenso aus der Defensive locken.
Und wenn er sich was wünschen dürfte? Dann wäre es wahrscheinlich die Möglichkeit, sich aus der ständigen Abhängigkeit seiner Profession befreien zu können. „Mit den Bereichen Musik, Malerei und Schreiben könnte ich mein Leben schon füllen.” Nur eben die Kasse nicht so richtig.
Und dann sind wir auch schon bei der berühmt-berüchtigten Schlussfrage, was denn die Nachwelt einmal über ihn, den Wolfgang Seidenberg, sagen solle. Wirklich verwunderlich ist es jetzt wohl nicht, dass er zunächst mit Schillers Wallenstein-Wort „Dem Mimen flicht die Nachwelt keine Kränze!” daherkommt. Aber wenn es dann doch ein wenig weniger pathetisch sein soll, dann vielleicht lieber mal so: „Er hat seinen Spaß gehabt. Und manchmal hat er auch uns welchen gebracht.”
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