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Wolfgang Reichelt

22.10.2007 | 15:25 Uhr
Wolfgang Reichelt

Um es gleich vorweg zu sagen: Solch einen Schulleiter wie Wolfgang Reichelt hätte ich mir in meiner Jugend auch gewünscht. Mehr Freund der Schüler als strenger Pädagoge. Fast immer ein Lächeln im Gesicht, statt grimmiger Miene.

63 Jahre ist der Leiter der Letmather Hauptschule an der Humpfert inzwischen alt, Zeit einen Blick zurück zu werfen, ob denn alles in seinem beruflichen Leben so gelaufen ist, wie er es sich vorgestellt hat und auch vorrausschauend zu planen, was man denn nun mit der freien Zeit als Altersruheständler anfängt.

Beginnen wir mit dem Rückblick: "Den Wunsch, Lehrer zu werden, hatte ich eigentlich recht früh", erzählt Reichelt. "Und je näher mein Abitur rückte, desto mehr manifestierte es sich", berichtet der in Hagen-Holthausen geborene Reichelt. Nach dem Reifezeugnis folgte das Studium an der Pädagogischen Hochschule Hagen von 1964 bis 1966. Nach dem 1. Staatsexamen wurde er "Junglehrer" an der Albert-Schweitzer-Schule, die damals noch Volksschule war.

Mit der Neugliederung des Schulsystems wechselte er 1968 zur Hauptschule Berliner Allee, wo er 1970 seine 2. Staatsprüfung ablegte. Unmittelbar danach wurde er vier Jahre lang Fachleiter für Biologie am damaligen Bezirksseminar in Hagen. 1974 bewarb er sich an der Berliner-Allee-Schule als Konrektor und nach einer Revision wurde ihm diese Position verliehen.

Für ein Jahr (1977 bis 1978) leitete er die Schule als Konrektor fast allein, weil der damalige Schulleiter Wellhaus erkrankte. 1979 wurde Wolfgang Reichelt dann Schulleiter. In dieser Zeit gab es zwei Hauptschulen in Letmathe, die Nordfeldschule und die Schule Berliner Allee. Anfang der 80-er Jahre etablierte sich die Gesamtschule, die Schülerzahlen für die Hauptschulen gingen zurück.

Umstrukturierungen und Schulzusammenlegungen ergaben dann Mitte der 80-er Jahre folgendes Bild: Die Nordfeldschule wechselte in das neue Schulgebäude an der Humpfert, 1984 folgten Kollegium und Schüler der Hauptschule Berliner Allee. Als 1986 Hauptschulleiter Georg Wachsmann in den Ruhestand ging, wurde Wolfgang Reichelt sein Nachfolger.

Die Hauptschule Letmathe hat Wolfgang Reichelt mit geprägt. Nicht ohne Grund bezeichnete in der jüngsten Schulausschusssitzung Manfred Minzberg (SPD) die Letmather Bildungseinrichtung als "Flaggschiff" der Iserlohner Hauptschulen.

Es sind einfach nur Kleinigkeiten, die ein ganz besonderes Klima an der Hauptschule hervorgerufen haben. Es beginnt mit einem freundlichen Gruß am Morgen, wenn sich Schüler und Lehrer begegnen, geht über die Hilfsbereitschaft der Schülerinnen und Schüler gegenüber Besuchern, die in dem Gebäude einen Ansprechpartner suchen und endet in einer sehr guten Arbeitsatmosphäre innerhalb des Kollegiums.

Wolfgang Reichelt wurde einmal von seinen Kindern Andreas (35) und Kirsten (31) gefragt, ob er seinen Entschluss, Lehrer zu werden, je bereut hat.

Reichelt: "Es gibt immer einmal ein Auf und Ab, aber letztlich möchte ich keinen Tag missen". Da passt auch gut die Bemerkung eines Fünftklässlers gegenüber seinem Klassenlehrer: "Ich habe gehört, dass Herr Reichelt in den Ruhestand geht? Das ist aber schade, wo wir gerade begonnen haben, Freunde zu werden!"

Was wäre die Schulzeit ohne die Streiche der Schüler? Hand aufs Herz, hat auch Wolfgang Reichelt seine Lehrer zur Verzweiflung gebracht? Reichelt braucht längere Zeit zum Nachdenken: "Nein, eigentlich kann ich mich an keinen größeren Schabernack erinnern".

Aber dann sprudelt es aus ihm heraus. Hausaufgaben vergessen und keine Zeit am Morgen um die Aufgabe noch ins Heft zu kritzeln. Was machte der kleine Wolfgang? Täuschte einen Sturz im Schulgebäude vor, und wurde mit dem Rettungswagen zum Hausarzt gebracht. Sein Pech: Der Rettungssanitäter ging mit in die Praxis und somit konnte Reichelt dem Onkel Doktor nicht die Wahrheit sagen. Es kam, was kommen musste: Eine Spritze gegen die Schmerzen und ein weiterer Transport mit dem Rettungswagen nach Hause, wo seine Mutter einen gehörigen Schrecken bekam.

Wer sich mit dem Hauptschulleiter Wolfgang Reichelt unterhält, merkt schnell, dass er eine "natürliche Autorität" ausstrahlt. "Wer Lehrer werden will, muss schon gewisse Persönlichkeitsmerkmale mitbringen", sinniert Reichelt. "Jugendliche merken sehr schnell, ob man unsicher ist. Wenn sie das herausgefunden haben, hat man schon verloren".

Reichelt schätzt die Arbeit mit den Schülerinnen und Schülern, freut sich mit ihnen über Erfolge. "Das ist vielleicht das Privileg, dass die Hauptschule eine Schule der kleinen Schritte ist", erzählt er. Pädagogen haben mehr Zeit, können den Unterrichtsstoff wiederholen, bis es auch der Letzte kapiert hat. Da geht es an Realschulen oder Gymnasien oftmals härter zu. Der Stoff muss durchgepaukt werden und wer von den Jugendlichen nicht mitkommt, bleibt auf der Stecke.

Und noch etwas macht das ganz besondere Flair der Letmather Hauptschule für Wolfgang Reichelt aus. Sie ist nicht anonym. Man kennt sich eben.

Nun steht Wolfgang Reichelt vor dem Eintritt in den Ruhestand, der noch keiner ist, denn regulär würde er erst 2008 beginnen. "Nennen wir es also Altersteilzeit", sagt Reichelt.

Wird er nun die Hände in den Schoß legen? "Keinesfalls", sagt er lachend. "Ich brauche etwas um die Hand", so der auch handwerklich versierte Reichelt. Erst kürzlich hat er sein Elternhaus in einem Jahr kernsaniert, jetzt geht es daran, den Garten zu gestalten. Auf ausgedehnte Spaziergänge mit seiner Freu freut er sich auch schon, und rund um sein Haus an der Berliner Allee gibt es immer etwas zu tun.

Was dem scheidenden Hauptschulleiter noch besonders am Herzen liegt, ist der Dank an seine Familie, die immer Verständnis für seinen Beruf aufgebracht hat. Reichelt: "Meine Familie war und ist mein Zufluchtsort. "Meine Frau, gelernte Psychologin, ist eine gute Zuhörerin, wenn ich ihr von meiner Arbeit erzähle. Als Außenstehende sieht sie die schulischen Dinge oftmals anders, als ich, der eingefleischte Pädagoge. Sie hat mir mit ihren Tipps viel Unterstützung gegeben". Zu seinen beiden Kindern, die inzwischen längst aus dem Haus sind und ein eigenes Leben führen, hält er ebenfalls engen Kontakt. "Für mich ist es das Schönste, wenn die Familie am Wochenende zusammenkommt, um miteinander zu lachen und zu diskutieren".

Und Reichelt ergänzt lachend: "Wenn alles nichts mehr hilft, dann ist da noch unser West-Highland-Terrier ,Jule'. Die freut sich in jedem Fall, wenn ich durch die Tür komme".

Übrigens: Sein Nachfolger steht auch schon fest. Es ist der Leiter der Plettenberger Hauptschule, Bernhard Anuth. Das Gespräch mit Wolfgang Reichelt nähert sich dem Ende.

Welches Gefühl wird er haben, wenn er die Eingangstür der Hauptschule das letzte Mal schließt? "Ich gehe mit einem lachenden und einem weinenden Auge". Zum einen freue mich auf den Ruhestand, zum anderen verlasse ich ja nicht nur ein Gebäude, sondern Menschen!" Ein schöneres Schlusswort kann es nicht geben.

(27. Januar 2006)

Beleuchtet von Hartmut Becker (Text) und Josef Wronski (Foto)

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