Willi Wülbeck
07.06.2011 | 16:46 Uhr 2011-06-07T16:46:00+0200Wenn man ihm zuhört, wie er über sich, seinen Sport und seinen Beruf erzählt, dann entsteht ein Bild, das nicht so ganz mit dem harmonieren will, das er auf dem Höhepunkt seiner Karriere abgab. War dieser Willi Wülbeck nicht die personifizierte Konstanz? Die 800 Meter waren seine Strecke. Immer. Er wurde zehnmal hintereinander deutscher Meister und war 1983 der strahlende Held: Weltmeister mit 1:43,65 Minuten über 800 Meter. So schnell wie er lief nie ein Deutscher vor und nach ihm.
Für den Weltklasse-Leichtathleten gab es nur eine Strecke, für den Menschen aber nicht nur den einen Weg zum Glück. Dafür manchen Umweg. „Ich bin ein kreativer Typ, der viel probiert und viel anstößt,“ sagt Willi Wülbeck. Nicht alles funktionierte wie gewünscht, aber auch der Läufer gewann ja nicht immer.
Als junger Sportler gab es für ihn jedoch nur eine Richtung: Aufwärts. Und immer schneller. Es passt zur Persönlichkeit des Willi Wülbeck, dass jeder Laufbahnplaner bei ihm wohl Schiffbruch erlitten hätte. Erst mit 16 kam er zur Leichtathletik, eigentlich viel zu spät. Und das auch nur, weil er als begeisterter Straßenfußballer mit dem Mannschaftssport auf Dauer nicht klar kam. Der Individualist in ihm gewann früh die Oberhand, und sein außergewöhnliches Läufertalent zeichnete den Weg vor. Schon mit 19, nur drei Jahre nachdem die Laufbahn definitiv seine sportliche Heimat wurde, rannte er die 800 Meter in 1:46 und klopfte an das Tor zur Weltklasse. „Ich habe damals schon ziemlich viel trainiert, aber nicht so verbissen wie andere.“ Vermutlich, so fügt er nachdenklich hinzu, hätte er sogar noch besser werden können. „Aber ich war gut genug,“ wischt er den Einwand gleich vom Tisch. Als ob er, der Weltmeister, Grund zur Unzufriedenheit hätte.
Damals, auf dem Höhepunkt seiner Karriere, war der Hochleistungssport ein schlecht dotierter Fulltime-Job. „Es war ja fast anrüchig, Geld für seinen Sport zu bekommen,“ denkt der Oberhausener an seine besten Läuferjahre zurück, die gerade so viel Honorar abwarfen, dass er sein Studium finanzieren konnte. Auch für einen Weltmeister gab es eher ein Schulterklopfen als dicke Schecks oder lukrative Werbeverträge. Und ein Türöffner für den Beruf war der Triumph von Helsinki ‘83 auch nicht. Der Weltmeister Wülbeck war nur noch der Lehramtsstudent für Biologie und Sport, der wie viele andere keine Anstellung fand.
Er sattelte um, arbeitete in der PR-Abteilung eines Sportartikelherstellers, später als freier Journalist. „Das hat Spaß gemacht, war aber zu unsicher,“ sagt er heute. Mit einer Sportmarketing-Agentur und einer Sportschule fand er schließlich seine berufliche Aufgabe. „Das Leben spielt eben manchmal anders. Aber so wie es ist, bin ich zufrieden.“
Wülbeck, immerhin ausgerüstet mit einer Diplom-Trainer-Lizenz, hat mit dem Leistungssport nach einigen Enttäuschungen aus seiner Ratinger Zeit als Organisator des Leichtathletik-Meetings gebrochen. Im Breitensport sieht er seine Mission. Schüler für die Leichtathletik zu begeistern, wie aktuell beim RWE-Schulstaffellauf praktiziert, gehört ebenso dazu wie das Fitness-Programm für die Ü40-Generation. Die tägliche Arbeit mit Menschen, die sich einfach nur bewegen und etwas für ihre Gesundheit tun wollen, hat seine Sichtweise auf den Sport verändert. „Training und Bewegung müssen Spaß machen, zu viel Leistungsdruck schadet nur.“ In seinen Kursen hat er viele treue Kunden, die immer wieder neu buchen. Das macht ihn glücklich, das ist die Bestätigung, die er braucht. „Dass die Leute zufrieden sind, ist mir viel wichtiger, als möglichst viel Geld mit dem Kurs zu verdienen.“ Die materielle Seite, das schiebt er gleich hinterher, sei längst nicht mehr so wesentlich. „Ich habe doch alles, um gut leben zu können.“
Freunde hat er jenseits des Hochleistungssports gefunden. Gern schwingt er sich in den Rennradsattel, um mit ihnen in die Pedalen zu treten. Nur nicht zu lange. Eine Stunde muss reichen. Was nicht an der Kondition des 56-Jährigen liegt, sondern am nachlassenden Spaßfaktor. Mit Leuten, die sich nur über die Anzahl der Trainingseinheiten und zurückgelegten Kilometer definieren, kann er, der Weltmeister, wenig anfangen.
Wenn er mal ganz allein für sich läuft, dann selten länger als eine halbe Stunde. Doch das ist in erster Linie einer schon ein paar Jahre zurückliegenden Nachlässigkeit zuzuschreiben. Da plagten ihn beim Joggen regelmäßig Stiche in der Wade, doch statt einen Arzt zu konsultieren, reduzierte er seinen Trainingsumfang bis hinunter in den beschwerdefreien Bereich. Was nebenbei auch vortrefflich zu seiner Philosophie passt. „Go und Run“ ist nach seiner Überzeugung ein ideales Leitmotiv für viele Breitensportler. „Manche Leute sind zu verbissen und überfordern sich. Wenn man einfach den Gang raus nimmt und ein Stück geht, ist das doch viel entspannender.“ Außerdem, das kommt für ihn als gewichtiges Argument hinzu, könne man ohne Dauerhast auch die Natur intensiver genießen. Keuchend durch den Wald zu rennen, eher den Blick auf Strecke und Stoppuhr als auf die Umgebung gerichtet, wäre ihm schon zu seiner Aktivenzeit nicht in den Sinn gekommen. Heute erst recht nicht. Sich für den Naturschutz einzusetzen, ist für einen Mann selbstverständlich, der stets mit offenen Augen in der Natur unterwegs ist. Und mit offenen Ohren. Vogelstimmen kann er präzise zuordnen. Vom Bio-Studium ist allen Wendungen des Lebens zum Trotz also doch noch einiges hängen geblieben.
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