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Porträt

Sophia Bergandt

18.06.2012 | 09:54 Uhr

In der freien Wirtschaft spricht man vom „operativem Geschäft“ für die Aufgaben die Sophia Bergandt für die „Iserlohner Tafel“ der Caritas seit vielen Jahren ausführte. Und aus denen sie sich jetzt zurückzieht. Aber sie selbst bezeichnet sich eher als Mutter des Projektes „CariTasche“, das die langjährige Regionalleiterin der Caritas-Konferenz vor gut sieben Jahren auf den Weg brachte.

Mit dabei waren von Anfang an auch Mitstreiter der evangelischen Innenstadtgemeinde, Schwester Monika vom St.-Pankratius-Altenheim und dem Caritas-Verband. „Und als Mutter gebe ich es an die Kinder weiter. Wir haben so viele liebenswerte Menschen, die sich dafür einsetzen.“ Die 73-jährige Mutter zweier erwachsener Adoptivkinder und zweier Enkelkinder gesteht: „Ich habe viel Privates vernachlässigt zu Gunsten der Caritas. Mein Mann war immer der gute Sekretär im Hintergrund. Er hat mir immer geholfen, meine Ideen zu verwirklichen.“

Die „Botschafterin und Mittlerin des Wortes Gottes in Wort und Tat in unserer Region“, wie sie der frühere Landrat Aloys Steppuhn einmal nannte, möchte sich jetzt mehr der Familie und den Enkelkindern widmen. Und ihren Hobbys Töpfern, Briefe schreiben, Kochen, Backen und Gartenarbeit.

Sophia Bergandt

Seit 2001 leitet sie ehrenamtlich die Caritas-Konferenz Iserlohn/Hemer. Sie gibt zu: „Das ist eine große Belastung. Deshalb habe ich mich jetzt aus der Verantwortung der CariTasche herausgezogen.“ In ihrem Alter dürfe sie doch auch in den Ruhestand gehen, meint sie schmunzelnd. Und setzt hinzu: „Man muss loslassen können. Ich gehe aber noch helfen, wenn sie mich brauchen. Ich will nur die Verantwortung nicht mehr tragen für Personal, Schriftverkehr mit Spendenquittungen, Kontaktpflege und Danksagungen.“

Auf den ersten öffentlichen Aufruf im April 2005 meldeten sich damals 40 Ehrenamtliche, die bereit waren zur Mitarbeit in der „Iserlohner Tafel“, erinnert sie sich an die Anfänge. Mittlerweile helfen fast 150 Männer und Frauen in den beiden Läden in Iserlohn (Brüderstraße 16) und in Letmathe (Gennaer Straße 25) mit und stellen so mit dem Verkauf von gespendeten Lebensmitteln zu kleinen Preisen die Versorgung von über 1000 bedürftigen Iserlohnern sicher.

„Für mich war die CariTasche immer eine Wundertüte: Man wusste am Morgen nie was reinkommt. Mein Mann hat das einmal treffend so formuliert: ,Morgens ist es Chaos. Und mittags ist es eine Boutique’“, erzählt sie lächelnd. Dabei schaut sie auf den Korb vor ihr mit frischem Gemüse, den unserer Fotograf für diesen Fototermin als treffendes Accessoire aus dem Laden in der Brüderstraße auslieh.

Sophia Bergandt erhielt 2008 die Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland als „vorbildliches Beispiel für den unermüdlichen, selbstlosen und segensreichen Einsatz für ihre Mitbürger“. Die kleine und immer bescheiden auftretende Frau mit dem großen Herzen hat viele große Projekte angestoßen, auch den ökumenischen Mittagstisch „Iss’ was“ im Lutherhaus. „Das Menschliche war und ist mir wichtig“, betont sie warmherzig. Dabei meint sie nicht nur den Einsatz für Bedürftige in Iserlohn und Umgebung.

Sondern auch für internationale Initiativen und Projekte, wie etwa das Engagement für ein Kinderheim in Nairobi, für das die Kirchengemeinde St. Aloysius vor 25 Jahren die Patenschaft übernahm. Sophia Bergandt ist Leiterin, Impulsgeberin und Koordinatorin des Iserlohner Kenia-Teams. Die engagierte Christin besuchte das „Kigabare News Centre“ zuerst im Jahr 1997, dann erneut 2001, 2004 und 2007 zusammen mit anderen Gleichgesinnten aus Iserlohn und Hemer. „Partnerschaften leben von Begegnungen. Begegnungen sind Segnungen für die Seele“, weiß Sophia Bergandt. Dazu gehört auch, mit den Kenianern an einem Tisch zu sitzen und unter einem Dach zu wohnen. „Und auch die Slum-Erfahrungen zu teilen und ihre Arbeit zu erfahren. Dadurch bekommt man Dinge zu sehen, die man als Tourist nicht erlebt.“

Am Morgen unseres Interviews brachte sie die Leiterin des Kinderheims in Nairobi, Schwester Leah, wieder zurück zum Flughafen, die anlässlich des 25-jährigen Bestehens der Partnerschaft in Iserlohn weilte.

Als Vorbilder nennt Sophia Bergandt starke Frauen und Männer wie Edith Stein, Simone de Beauvoir, Mutter Teresa, Ignatius von Loyola, Franz von Assisi, Alfred Delp und Dietrich Bonhoeffer.

Sie ist selbst eine starke Frau und ein Vorbild. Trotz oder gerade wegen ihrer schlimmen Erinnerungen an Krieg, Flucht und Vertreibung, die sie sensibel gemacht haben für das Leid anderer Menschen.

„Wir haben als Kinder viele Leichen gesehen“, erzählt sie von Flüchtlingslagern, in denen Hunderte starben. „Das vergisst man nicht“, sagt die gebürtige Ostpreußin, deren Herkunft man an dem rollenden R erkennt. Sie stammt aus Rößel vom Bauernhof. Die Eltern hatten einen großen Hof. „Ich habe früh gelernt zu teilen im Mutterschoß“, berichtet sie von einer Zwillingsschwester und drei weiteren Geschwistern. Als Erklärung für ihr vielfältiges christliches Engagement vor allem bei der CariTasche fügt sie an: „Wenn man selbst Not gespürt hat, muss man was tun. Als Kind konnte ich nicht betteln. Für andere betteln, da habe ich keine Probleme mit.“

1945 kam sie über Berlin nach Mecklenburg und Niedersachsen. „Ich war die stärkste und kräftigste und musste viele Dinge machen.“ Die gelernte Industriekauffrau war auch die erste unter ihren Geschwistern, die Geld verdiente. So hat sie u.a. in einer Zuckerfabrik gearbeitet.

Sophia Bergandt ist durch familiäre Umstände viel herumgekommen, bevor sie 1978 in Iserlohn sesshaft wurde, bedingt durch die Anstellung ihres Mannes am Iserlohner Institut der Fernuniversität Hagen.

Besonders geprägt hat sie die Arbeit bei dem Jesuitenpater Johannes Leppich, der die sozial engagierte ökumenische Laienbewegung „action 365“ ins Leben rief, die sich der Hilfe für andere an jedem Tag des Jahres verpflichtet fühlt. „Ich war drei Jahre für die Finanzen und die Buchhaltung zuständig“, erinnert sie sich an die gemeinsame Zeit von 1965 bis 1968. Dann lernte sie den Ingenieur Hans-Peter Bergandt kennen, mit dem sie nunmehr seit 43 Jahren verheiratet ist. „Wir wollten beide in die Dritte Welt gehen.“ Um Englisch zu lernen, ging sie für ein halbes Jahr nach England als Au-Pair. Aber der Dritte-Welt-Einsatz scheiterte daran, dass ihr Mann überqualifiziert war.

Diese Idee ließ sie aber nicht los. Nach der Devise „global denken, lokal handeln“ arbeitete sie seit 1980 bei der ökumenischen Basisgruppe „action 365“ in Hemer mit und gründete später eine eigene Gruppe in Iserlohn. Und hier unterstützte sie auch den Eine-Welt-Laden am Theodor-Heuss-Ring. Auf diversen Veranstaltungen und bei den Weihnachtsmärkten in Barendorf verkauft sie auch weiterhin Poster und Plakate mit christlichen Motiven. Und auch für ihre Kirchengemeinde wird sie sich weiter einsetzen.

Sophia Bergandt setzt auf positives Denken. „Es gibt nicht nur Sonntage mit Lichtblicken im Leben“, weiß sie aus eigener Erfahrung. „Es kommt auch ein bisschen Glaube dazu. Ich habe gelernt, auszuhalten.“ Im Brustton der Überzeugung sagt sie: „Resignation ist Sünde gegen den Heiligen Geist. Wenn ein Teil sich schließt, öffnet sich ein anderes Fenster. Ich glaube an Fügungen. Man muss offen sein für Fügungen und Begegnungen. Diese Erfahrungen prägen das ganze Leben.“ Abschließend sagt sie lächelnd: „Ich bin beschenkt durch die Kontakte, die ich erleben durfte.“

Beleuchtet von Cornelia Merkel (Text) und Michael May (Foto)



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