Sebastian Klinger
04.10.2010 | 14:49 Uhr 2010-10-04T14:49:00+0200Als Musiker ist Sebastian Klinger in allerhöchsten künstlerischen Sphären angekommen. Er ist ein erstklassiger Virtuose, der bis zu acht Stunden am Tag am Instrument verbringt, der Uraufführungen aktueller Avantgarde-Komponisten bestreitet und der mit den bedeutendsten Musikern unserer Zeit wie Simon Rattle oder Lang Lang zusammenarbeitet - kurz: Er bewegt sich in einer Welt, von der man meinen könnte, dass man sie einem Menschen vielleicht doch ansieht.
Bei Klinger ist das aber ganz und gar nicht so. So locker und leger, wie er da durchs Wichelhovenhaus schlendert, könnte er alles Mögliche machen. Dass er aber irgendetwas mit Musik zu tun hat, verrät eigentlich nur der weiße Cello-Koffer, den er sportlich auf dem Rücken trägt. Auch, dass sich darin eine fast 300 Jahre alte Kostbarkeit von einem Cello verbirgt, die der Geigenbauer Camillus Camilli 1736 in Mantua angefertigt hat, sieht man weder ihm noch seinem Koffer an. Es sind nun schon viele große Musiker in den letzten Jahren zum Interview ins Wichelhovenhaus gekommen, ein Künstler von solchem Niveau, der genau das aber in keinster Weise raushängen lässt, der sich so wenig wichtig nimmt und dermaßen natürlich ist, war aber nur sehr selten dabei.
Mehr als verblüffend ist auch die Jugend, die Sebastian Klinger ausstrahlt. Als 33-jähriger Familienvater, der zu Hause, in seiner Wohnung in der Münchner Innenstadt zwei kleine Töchter hat und der als Musiker seit rund 20 Jahren ohne groß Luft zu schnappen alles gibt, dürfte er durchaus ein bisschen älter aussehen. Klinger wirkt aber locker wie zehn bis 15 Jahre jünger und könnte sich wohl unerkannt unter die Cellisten des Musikschulorchesters mischen. Stattdessen gibt er aber seit gestern einen internationalen Meisterkurs für Studenten aus aller Welt in der Musikschule.
Am bemerkenswertesten sind aber all die kleinen Antennen, die er ausgefahren hat und mit denen er seine Umwelt mit unbändigem Interesse aufsaugt. „Nicht aufzuhören, über die Welt zu staunen“, sei eines der vielen Dinge gewesen, die ihm die Eltern mit auf den Weg geben haben. Und dass er das beherzigt, merkt man ihm an. Der Scheinwerfer im Foto-Studio, die Architektur des Hauses, die Einrichtung im Gutenberg-Zimmer - alles nimmt er genau unter die Lupe, alles scheint ihn zu interessieren. Seine Eltern, sagt er, hätten ihn und seinen Bruder schon von klein auf in Konzerte, Ausstellungen und Museen mitgenommen, und er schreibt es diesen frühen Erlebnissen zu, dass er eine solche Affinität zu Formen und zur Ästhetik habe. Aber auch daneben fällt ihm eigentlich nichts ein, was ihn nicht interessiert. „Scheuklappen sind immer schlecht“, sagt er. „Man sollte alles an sich rankommen lassen und möglichst viele Einflüsse haben.“ Und das gilt bei ihm eben nicht nur für sein musikalisches Wirken, sondern auch für sein Leben im Allgemeinen.
Es gäbe also wahrscheinlich tausend Sachen, über die man sich mit Sebastian Klinger unterhalten könnte. Wenn man aber einen jungen Mann vor sich sitzen hat, der an der Spitze des klassischen Musikbetriebs unterwegs ist, sollte man mit ihm auch über diesen Musikbetrieb sprechen. Und wie sieht es dort oben nun aus? Überaus konkurrenzreich, sagt er. 20 bis 30 Solo-Cellisten seien es in seiner Generation - also im Alter von 25 bis 40 Jahren - die alleine in Europa auf ähnlichem Niveau wie er spielen und die alle ein Stück vom Kuchen abhaben wollen. Der Kuchen werde aber aufgrund der finanziellen Engpässe bei den Trägern von Orchestern und den Sparzwängen in der Kultur immer kleiner. Da Cellisten ohnehin als Solisten hinter den Geigern und Pianisten in der zweiten Reihe stünden und ein Orchester durchschnittlich nur einmal pro Saison einen Solo-Cellisten engagiere und nun auch noch streichen und sparen müsse, könne man sich ausrechnen, wie dünn die Luft dort oben werde.
Mit unangenehmen Begleiterscheinungen, da das allgemeine Niveau unheimlich nach oben gegangen sei. Vor 20 Jahren habe es noch drei große Namen gegeben, an denen sich Veranstalter wie Hörer hätten orientieren können, die die Maßstäbe gesetzt und für klare Verhältnisse gesorgt hätten. Alle waren sich darüber einig. Bei der heutigen Flut an erstklassigen Solo-Cellisten sei der Markt aber für alle unheimlich unübersichtlich geworden. Viele Veranstalter ließen sich daher von PR-Agenturen und den Werbefeldzügen der großen Plattenfirmen leiten. Denn um CDs zu verkaufen, brauchen die Major-Labels immer wieder neue Namen, es werden Images kreiert und immer neue Künstler kurzfristig nach oben gepuscht. Marketing werde immer wichtiger, die musikalische Qualität trete dagegen oft in den Hintergrund.
Auch auf den Zustand der zeitgenössischen Komposition treffe das zu. Alles sei erlaubt, klare Regeln gibt es nicht mehr, und damit sei auch ein fest umrissener Wertekanon mit gültigen Qualitätsmaßstäben verloren gegangen. Viele sehr erfolgreiche Komponisten seien so erfolgreich, weil sie sich bewusst Alleinstellungsmerkmale zulegten und wiedererkannt werden wollen. Markenbildung kann man das wohl nennen, was aber ebenfalls beklagenswert sei. Komponisten, die sich in der Tradition der europäischen Musik breit aufstellen, die in der Lage sind, bestimmten Instrumenten Werke auf den Leib zu schreiben und möglichst abwechslungsreiche Stimmungen erzeugen, anstatt das eigene Profil zu schärfen, seien eher rar. „Ich bin mir aber sicher, dass sich am Ende die Qualität durchsetzt.“
Inwieweit man als Interpret da mitmache und sich voll und ganz diesen Mechanismen unterwerfe, sei letztlich eine Typfrage. In letzter Konsequenz habe er selbst den Schritt in die absolute Spitze unter den Fittichen eines Major-Labels bisher gescheut. „Dazu bin ich zu sesshaft und zu sehr Familienmensch“, sagt Sebastian Klinger. Denn um zu den Top-5 zu gehören, müssen man deutlich mehr investieren und und wäre quasi gar nicht mehr zu Hause. „Dann wäre in meinem Leben nur noch Platz für mich selbst.“
Sein eigener Weg war schon sehr früh vorgezeichnet. 1977 wurde Klinger in München geboren. Als er sechs Jahre alt war, gingen seine Eltern als Musiklehrer an eine deutsche Schule auf Gran Canaria, wo er bis zu seinem elften Lebensjahr aufwuchs und was ihn natürlich sehr geprägt hat. „Ich habe eine große Vorliebe für alles Spanische und für die Mentalität der Spanier und Südamerikaner“, sagt er. Auf den Kanaren wurde er auch „auf eine sehr gute Weise“ mit Kultur und Musik in Berührung gebracht und gefördert. Denn sein Talent wurde schnell sichtbar, nachdem er das Cello mit sechs Jahren für sich entdeckt hatte. „Ich habe mich schon immer zu den tiefen Tönen hingezogen gefühlt und wollte eigentlich Kontrabass oder Tuba lernen.“ Was als Sechsjähriger aber nun mal nicht geht, weswegen die Wahl schließlich auf das Cello fiel. Mit sensationeller Begeisterung legte er dann los und hegte schon früh den Wunsch, Musiker zu werden.
Zurück in München spielte er bei dem großen Cellisten Heinrich Schiff vor und wurde schon mit 13 Jahren als Jungstudent am Salzburger Mozarteum zugelassen. „Das war ein weiter Weg und nicht immer einfach“, erinnert er sich an die Strapazen, die mit dem Studium verbunden waren. Vor allem habe er aber enorm von dem Unterricht bei diesem großem Musiker profitiert. Sieben Jahre pendelte er von München aus nach Salzburg und Wien zum Unterricht. Dann ging er nach Berlin, wo er weitere vier Jahre bei Boris Pergamenschikow studierte.
Danach startete er von Berlin aus seine Solo-Karriere. Ein Durchbruch dabei sei der Gewinn des Deutschen Musikwettbewerbs gewesen. „Ich habe kaum an großen internationalen Wettbewerben teilgenommen, das ist auch nicht notwendig“, sagt Klinger. Der Deutsche Musikwettbewerb aber bietet etwas, was man gar nicht bezahlen könne: eine mehrere Jahre währende Förderung und Zusammenarbeit mit einer Agentur, die dem Gewinner eine Vielzahl an Auftritten beschert. „Das ist mehr wert als jedes Preisgeld“, und habe auch ihm den erfolgreichen Einstieg in die Solo-Karriere inklusive der ersten CD-Produktion ermöglicht. „Von da an wurde es richtig viel.“
Daran anschließend wurde er 2002 auf Initiative der Kölner Philharmonie eingeladen, im Rahmen der Rising Stars Series (European Concert Hall Organization) aufzutreten, was ihn schließlich in einige der bedeutendsten Musikzentren Europas und der Vereinigten Staaten führte - darunter die Carnegie Hall in New York, die Wigmore Hall in London oder das Konzerthaus in Wien - womit er seinen Namen mit Mitte 20 ganz oben etabliert hatte und er die Möglichkeit hatte, seine Engagements auszusuchen.
Eine Festanstellung als Solo-Cellist ist eigentlich ein Karriere-Hemmer, weil man dadurch zu sehr gebunden ist und die Zusammenarbeit mit einem großen Schallplatten-Label praktisch ausgeschlossen ist. Dennoch folgte er 2004 dem Ruf des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks, weil ihn diese Aufgabe einfach reizte. Zum einen, weil es seinem Wunsch nach Familie entsprach, wenigstens in etwa die Hälfte seiner Zeit an einem Ort in München zu verbringen. Zum anderen, „weil es besser einfach nicht geht“. Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks gilt als eines der besten zehn Orchester der Welt mit dem großen Dirigenten Mariss Jansons am Pult. Die Arbeit in diesem Orchester gebe ihm die Möglichkeit, auf enorm hohem Niveau mit den besten Dirigenten der Welt zu arbeiten, was ebenfalls eine große Erfahrung sei.
Als reiner Orchestermusiker sieht er sich aber keineswegs, was auch fatal wäre, wie er sagt. Eine Ausbildung, wie er sie genossen hat, zielt einzig und allein auf eine Solo-Karriere und in diese Richtung gehen auch nach wie vor seine Ambitionen. „Für mich ist wichtig, dass es keinen Rückschritt gibt, dass ich mich persönlich weiterentwickeln kann und die Qualität meiner Engagements und das Niveau, auf dem ich mich bewege, weiter ansteigt.“ Vielfalt ist ihm wichtig. Er möchte die Eckpfeiler des eigenen Schaffens nicht zu eng setzen, sondern symphonisch und kammermusikalisch alles bedienen, was es gibt von der „Bibel“ der Cellisten, den Solo-Partiten von Johann Sebastian Bach („Das ist wohl nach wie vor die beste Musik, die wir haben“) bis zur Avantgarde. Dazu gehöre auch, die Grenzen zum Jazz zu überschreiten, was er mit einem Auftritt mit Chic Corea und Bobby McFerrin auch schon getan hat. „Immer in Bewegung bleiben eben.“
Am Ende seiner Entwicklung sieht sich Sebastian Klinger jedenfalls noch lange nicht, Luft nach oben verspürt er immer noch und ob er eines Tages, wenn die Kinder größer sind, nicht doch noch mal das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks hinter sich lässt und als reiner Solist durchstartet, lässt er offen.
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