Richard Kalvar
14.05.2010 | 19:40 Uhr 2010-05-14T19:40:00+0200Es gibt so erste Begegnungen, die werden einem eigentlich immer in Erinnerung bleiben. So war das auch beim ersten Zusammentreffen mit Richard Kalvar, dessen Photografien derzeit in der Städtischen Galerie zu sehen sind.
Es gibt so erste Begegnungen, die werden einem eigentlich immer in Erinnerung bleiben. So war das auch beim ersten Zusammentreffen mit Richard Kalvar, dessen Photografien derzeit in der Städtischen Galerie zu sehen sind.
"Hi, I’m Richard“, viel intensiver war der Dialog mit diesem scheinbar völlig in sich selbst ruhenden Mann mit den breiten Schultern, dem grauen Haar und dem leicht sportlichen Sakko, beim ersten Treffen in der Städtischen Galerie nicht. Und doch war ich mir sicher, dass die hellwachen Augen dieses Mannes mir weitaus intensiver folgen, als man es auf den ersten Blick ahnen konnte. Später wird Kalvar sagen, dass er dass Gefühl gehabt habe, ich hätte seine Schwarz-Weiß-Bilder gelesen. Man darf das ohne Übertreibung als Kompliment ansehen.
Wenig später treffen wir uns erneut, um ein wenig über das Leben dieses Photographen zu plaudern, der für mehrere Jahre sogar Präsident der legendären Agentur Magnum war. Und je länger die Unterhaltung dauert, umso mehr Spaß scheint er daran zu finden, einen Blick zurück in die eigene Vita zu werfen.
Denn dass aus dem kleinen Richard Kalvar einmal ein renommierter Fotograf werden würde, das konnte 1944 niemand ahnen, als er in Brooklyn, New York, das Licht der Welt erblickt. Als typisches Kind der damaligen Mittelklasse sei er dort aufgewachsen. Die Familie lebte in einem nicht allzu üppigen Appartment. Der Vater hatte mehrere Jobs, wurde am Ende aber Buchmacher wie die Mutter. Das Einzelkind erinnert sich gerne an seine Schulzeit zurück. „Ich hatte Spaß an der Schule“, gibt er mit voller Überzeugung zu Protokoll. Dort sei er „wichtig“ gewesen, hätte Freunde gehabt. In der direkten Nachbarschaft „war ich eher der Außenseiter“.
Architektur wurde dann der erste Berufswunsch. „Ich fand das Wort so schön, und außerdem habe ich ein gutes Gefühl und den Sinn für Raum“, ist er auch heute noch überzeugt. Der Cousin seines Vaters war Architekt, doch nach einem Treffen mit diesem Mann – der war wirklich kein netter Mensch – gab Kalvar diesen Wunsch auf und studierte von 1961 bis 1965 Englische und Amerikanische Literatur an der Cornell University. „Ich war ein schlechter Student, habe kaum meine Arbeiten und Examen rechtzeitig abgeliefert“, begründet Kalvar seinen Entschluss, das Studium kurz vor dem Ende abzubrechen. Er geht, es ist der Höhepunkt der Hippie-Zeit, zurück nach New York und schlägt sich mit Gelegenheitsjobs durch, ohne konkretes Ziel und noch weniger einer Perspektive für die Zukunft. Und wie so oft, half dem jungen Mann mit den langen Haaren ein Zufall. Von einem befreundeten Ehepaar bekam Kalvar den Tipp, dass ein bekannter Photograf einen Assistenten suchte. Und er bekam den Job, obwohl er von Photografie „keine Ahnung hatte“. „Ich weiß bis heute nicht, warum, denn bei meiner Arbeit dort konnte ich miterleben, wie sich täglich mehrere Interessenten um eine Arbeit bei dem Modephotografen Jerome Ducrot bewarben, der recht erfolgreich war.“ Anfangs waren es nur kleine Tätigkeiten wie das Atelier sauber zu halten oder für die richtige Ausleuchtung der Models zu sorgen, die zu seinem Aufgabenbereich gehörten. Erste Versuche, selber zu fotografieren, bezeichnet der heute mehrfach ausgezeichnete Photograf selber als „nicht gut“. Ich habe eigentlich gedacht, dass ist nichts für mich, erinnert sich Kalvar. Doch Ducrot, der über eine reich bestückte Bibliothek verfügte, gab dem jungen Mann Bücher renommierter Photografen dieser Zeit. „Da stieg mein Interesse!“ Ein Jahr arbeitete Kalvar für Ducrot, dann entschied er sich, nach Europa zu gehen. „Solange das Geld reicht“, lautete die Losung für diesen Trip über den Atlantik. Und Ducrot gab Kalvar, der noch immer keine Idee hatte, was er beruflich einmal machen wollte, eine Kamera mit. Per Anhalter reiste der dann über den Kontinent, besuchte Frankreich, Großbritannien, Schweden, Dänemark, Holland, Spanien und Deutschland. Weil er nicht wusste, wo er die Kamera im Rucksack verstauen sollte, hängte er sie sich um den Hals und begann Fotos zu machen. „Das war der Beginn meines Lebens als Photograf. Ich habe damals viel ausprobiert!“ Und schon damals arbeitet Kalvar mit einem 35-Millimeter-Objektiv, welches ihn zwingt, ganz nah an seine Protagonisten heran zu rücken, ihnen „auf die Pelle zu rücken“, und dies möglichst unbemerkt, denn Kalvar mag keine gestellten Motive. Ihm geht es damals wie heute um den einen unwiederbringlichen Moment. Nur er erzeugt diesen hintersinnigen Humor, der für Kalvars Bilder so typisch ist. „Sicherlich sehen Photografien aus wie die Realität. Und es ist die eng verwobene und dennoch unmögliche Verwandtschaft zwischen diesen beiden, die uns viele wunderbare Möglichkeiten eröffnet. Solange man das Geschehen nicht manipuliert durch bewusste Posen oder digitale Veränderung, kann man Szenen erschaffen, die beides zugleich sind, glaubwürdig ebenso wie absurd. Sie alle sind Impressionen.“ Ob er denn nie Probleme bekommen habe, will man da natürlich wissen. Ja, gibt er unumwunden zu, nicht immer sei es einfach gewesen, ohne jedoch auf Einzelheiten einzugehen.
Kalvar beschließt nun doch, sein Studium abzuschließen. Ja, das geht, dass kann man in Amerika machen – und geht zurück in die Staaten. „Das war für mich psychologisch wichtig“, gibt er zu Protokoll, obwohl längst die Entscheidung gefallen war, die Photografie zum Beruf zu machen. Schon bei Ducrot hatte Kalvar gelernt, Bilder in der Dunkelkammer zu bearbeiten und zu belichten. Ein Thema, dem er sich immer intensiver widmet. „Ich war ein ganz guter Photograf zu dieser Zeit“, glaubt Kalvar von sich selbst. Und er bekam langsam immer mehr Aufträge, die ihn finanziell unabhängiger machten. Elliot Erwitt, ein schon sehr bekannter Photograf, half Kalvar, für das New York Magazin arbeiten zu können. „Wir hatten ähnliche Sichtweisen“, sagt Kalvar über den sehr viel älteren Kollegen.
Dann erfolgt, Kalvar ist gerade einmal 25 Jahre alt, ein radikaler Wechsel. Für einen Theaterdirektor in Marseille, der Kalvars Bilder gesehen hatte, sollte er arbeiten. Dort bekam er sogar plötzlich eine Rolle angeboten und wurde als Amerikaner Schauspieler in Frankreich. Nach diesem Engagement ging Kalvar nach Paris, wo er sich wieder der Photografie widmete. Fünf Jahre blieb er in der Metropole an der Seine. Dort wurde er Mitglied in der Photoagentur VU. 1972 half Kalvar bei der Gründung der Agentur VIVA. 1975 lud man ihn ein, Gastmitglied der Photoagentur Magmun zu werden, zwei Jahre später war er dann deren Vollmitglied. Bei Magnum hat Kalvar zeitweise die Funktionen als deren Vizepräsident und Präsident bekleidet.
Für zwei Jahre geht Kalvar noch einmal zurück nach New York, bevor es ihn dann doch wieder nach Frankreich zieht, als er in Paris einen großen Werbeauftrag erledigen sollte. Hier heiratet er 1988 auch seine Frau, eine Sängerin. Ein Sohn und eine Tochter gehören zur Familie.
Fragt man Kalvar nach seinen Erfolgen, wird er wieder ganz bescheiden. Aufnahmen wie die in der Städtischen Galerie gezeigten seien seine „Amateurphotographie“, sagt er mit einem leichten Schmunzeln. Denn davon können er und seine Familie nicht leben. Geld verdiene er mit Werbeaufträgen, dass müsse man machen, um zu überleben. Das andere, das mache auf jeden Fall mehr Spaß. Ein Vergnügen, das international Anerkennung gefunden hat. 1980 stellt Kalvar seine Werke in der Galerie Agathe Gaillard in Paris aus, nahm an zahlreichen Gemeinschaftsausstellungen teil. In seiner Photographie spezialisiert er sich immer mehr auf das alltägliche, großstädtische Leben. 1993 publiziert er ein Stadt-Porträt von Conflans-Sainte-Honorine. Rom ist Gegenstand eines gegenwärtigen Projektes. Das Maison Européenne de la Photographie würdigt das Werk Kalvars 2007 mit der Publikation „Terriens“ (Erdlinge) und der Zusammenstellung der Retrospektive, die nun auch erstmals in Deutschland gezeigt wird.
Ob er sich denn nach all den Jahren mehr als Europäer oder doch noch als Amerikaner fühle, will ich zum Schluss wissen. Und die Antwort kommt nach nur kurzem Zögern: Ja, ich bin Amerikaner und das werde ich auch bleiben, selbst wenn ich wegen der Familie noch in Europa lebe. Seine Pläne für die Zukunft: Er möchte wieder mehr Zeit dafür haben, die Menschen mit seiner alten Leica-Kamera und dem 35-Millimeter-Objektiv beobachten zu können. Auch in Iserlohn war Kalvar mit seiner alten Leica bestückt mit klassischem Schwarz-Weiß-Film unterwegs. Ob er dort auch fündig geworden ist, wird erst die Zukunft zeigen.
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