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Porträt

Ralf Schulte

29.09.2010 | 14:51 Uhr

"Mein Plan ist, dass ich zunächst einmal keinen Plan habe!“ Und als wenn das nicht schon für den Moment Lebensweisheit genug wäre, setzt Ralf Schulte noch die Geschichte drauf von dem Mann, der nach den Vorhaben nach seiner Pensionierung gefragt wird und antwortet:

„Ich werde mich ein halbes Jahr in einen Schaukelstuhl setzen!“ Und auf die hoch investigative Anschluss-Frage „Und dann?“ den Antwort-Kracher zündet: „Dann werde ich vielleicht anfangen zu schaukeln.“ All das erzählt Ralf Schulte mit amüsiert glucksender Stimme, weil er ja in diesen Tagen auch in Rente geht bzw. in die Art „Rente light“, die der Gesetzgeber als Passiv-Phase beim Berufsausstieg definiert hat.

Das Amüsement bei der Geschichte könnte natürlich auch daher stammen, dass allein Ralf Schulte definitiv weiß und der Rest der Welt mit Sicherheit ahnt, dass das so in der nächsten Woche garantiert nicht eintreten wird. Für den langjährigen Bürgermeister vom Floriansdorf müsste der richtige Schaukelstuhl ja wohl erst noch erfunden werden.

Will man allerdings mit Sinn über eben diesen scheidenden Bürgermeister sprechen, muss man natürlich zunächst einmal von und mit dem Hauptbrandmeister Schulte sprechen. Dem Mann, der Anfang der 50er Jahre als Iserlohner „Altstadt-Blage“ das Licht der Welt erblickt. Bei der Erinnerung daran schwärmt er schon, der Ralf Schulte. Und er kann schwärmen. Das hat er schließlich unendlich oft bewiesen, wenn er in der Vergangenheit Menschen, die noch vor Minuten keinen blassen Schimmer von der Notwendigkeit einer Kinderbrandschutz-Erziehung hatten, zu glühenden Verfechtern der Idee gemacht hatte. Und wenn Ralf Schulte schwärmerisch mit ihnen fertig war, hatten selbst die größten Knauserköpfe ihre Geldbeutel geöffnet und auch die Arbeitsscheuesten Schwielen an den Händen. Doch dazu später.

Zurück in die Altstadt. Ralf Schulte schildert seine Kindheit als Leben im Paradies. „Neben dem Haus der Heimat gab es einen Lagerplatz für Kohle und andere Materialien. Das durften wir zwar nicht, aber es war der beste Spielplatz der Welt. Die Größeren hatten für uns Kleinere sogar unten im Zaun ein paar Latten losgehauen, damit wir auch mit abhauen konnten, wenn zum Beispiel die Polizei mal vorbei kam.“ Ganz besonders in Erinnerung geblieben ist ihm in diesem Zusammenhang übrigens eine nachhaltige gesundheitspolitische Maßnahme seines Vaters. Unter dem Haus der Heimat habe es einen verlassenen Keller gegeben. In den hätten sich die älteren Jungen zurückgezogen, um schon mal eine Zigarette zu rauchen. Dieser Aktion habe er sich „als Kleiner“ eines Tages versuchsweise angeschlossen. Allerdings sei nur Minuten später der Kopf seines Vaters in dem Einstiegsschacht erschienen. Er habe ihn rausgewunken und „mir dann mächtig eine geschmiert. Seit dieser Zeit bin ich übrigens Nichtraucher.“

Womit wir beim Vater und somit einer der wohl wichtigsten Figuren im Schulte-Leben wären. Der Sohn spricht mit unverhohlener Ehrfurcht vom Vater, der gelernter Werkzeugmacher war und sich später als Schulhausmeister von Gerlingsen einen Namen machte. Nur wenige Sätze reichen aus, um den Mann aus Sicht des Sohnes zu charakterisieren: „Er war mein großes Vorbild. Er war eine Respekts-Person und konnte doch ein Kumpel sein. Er hat uns an der langen Leine gelassen und doch immer alles unter Kontrolle gehabt.“ Dazu serviert Ralf Schulte eine fast schon niedliche Geschichte. Er habe mit einem Kumpel geplant, einen Flugapparat zu konstruieren, mit dem die beiden sich unerschrocken von einem Gerlingser Hügel stürzen wollten. Statt ihnen sofort einen Vogel zu zeigen, gab der Vater sogar die Erlaubnis, den Apparat in den Ferien im Werkraum zusammenzubauen. Was die Jungs auch mit Feuereifer taten. Allerdings unter Außerachtlassung des Umstands, dass sie das Riesenteil nach Fertigstellung der Bauarbeiten am Ende nicht mehr aus dem Raum bzw., durch die Tür bekamen. „Das hat er natürlich gewusst, uns aber erst einmal machen lassen.“ Lange Leine eben. Der Zuhörer ahnt, wo die Ursprünge des Schulteschen Denkens und Handelns im Umgang mit Kindern liegen. Auch wenn er später sagen wird: „Ich bin unheimlich froh, dass meine Frau als ausgebildete Erzieherin mir bei den kindgerechten Umsetzungen meiner Brandschutzdorf-Ideen zur Seite gestanden hat.“

Ralf Schultes Vater wird nur 57 Jahre alt. Er stirbt an Krebs und das, „obwohl er niemals krank war, bis zu dem Moment nicht einen Tag gefehlt hat.“ Sein Sohn hat ihn bis zum Tod begleitet, schmerzstillende Medikamente verabreicht, geholfen und zur Seite gestanden, wo es notwendig war.

Womit wir beim nächsten Stichwort sind. Mit dem „anderen Menschen helfen wollen“ kann man auf Anhieb wohl Schultes jugendlichen Antrieb erfassen, sich für seinen Traumberuf „Feuerwehrmann“ zu entscheiden. „Wenn junge Leute so etwas Sentimentales bei ihren Bewerbungsgesprächen sagen, kommt das heutzutage gar nicht mehr so gut an. Da sind oftmals ganz andere, faktischere Sachen gefragt.“ Er sei aber schon als Kind eben anders drauf gewesen. Was genau die Faszination für die roten Autos und dunklen Uniformen darüber hinaus ausgemacht hat, kann er heute gar nicht mehr sagen. Die alte Feuerwache am Schillerplatz habe ihn schon interessiert, aber irgendwie sei da noch mehr im Unterbewusstsein gewesen. Vielleicht war es ja auch eine gewisse Liebe zur Technik und zur Vielseitigkeit des Berufes. Gerade das wird er an anderer Stelle des Gespräches auch noch einmal auf eine schlichte Schulte-Formel bringen: „Kein Feuer ist nun mal wie das andere!“

Aso nahm der junge Mann auch klaglos die Tatsache zur Kenntnis, dass er zunächst einmal eine richtige Lehre machen musste, um zur Feuerwehr zu gehen. Ralf Schulte absolvierte sein Fachabitur und ging zu Fa. Sudhaus in die Ausbildung zum Werkzeugmacher. „Und ich habe damals immer gesagt, dass ich alles geben werde. Aber ich habe auch gesagt, dass ich niemals Werkzeugmacher bleiben werde. Weil ich ja Feuerwehrmann werden wollte.“ So hat er sich dann auch mit Billigung seines Meisters bereits nach zwei statt nach dreieinhalb Jahren zur Prüfung angemeldet. Mit Erfolg.

Ein Ralf im Glück also? Könnte man meinen, wenn da nicht die Sache mit dem gebrochenen Fuß gewesen wäre. „Ich war süchtig nach Sport damals“, sagt er heute und meint seine Liebe zum Volleyball. „Ich habe in allen Ligen gespielt. Und ich war nie verletzt.“ Bis zu dem Sonntag vor seiner Einstellungs-Untersuchung für den Feuerwehrdienst beim Amtsarzt. Nach einem spontanen Fehltritt war klar, dass an wenigstens einem Bein etwas in die Brüche gegangen war. Einen angekündigten und wohl auch angebrachten Gipsverband lehnte Schulte im Hinblick auf den nächsten Tag allerdings ab. Also humpelte er zum Arzt, um dort zu hören, dass er ja wohl schlecht auf einem Bein die geforderten 30 Kniebeugen würde machen können. Allerdings hatte der Amtsarzt nicht mit Schultes schier unbändigen Berufswunsch gerechnet, und so erlebte er die denkwürdige Einbeinigen-Vorführung staunend und gerührt. Und setzte seinen Namen auf das Einstellungs-Dokument. „Danach hatte ich auch noch Glück, dass die Ausbilder viel Verständnis für meine Situation hatten und zuließen, dass ich anfangs etwas langsamer die Leiter hoch und runter geklettert bin.“

Es folgen viele Dienstjahre und noch mehr große und kleine Einsätze. Auch vor der Karriereleiter macht Schulte nicht halt. Vor seiner Abkommandierung als Dorf-Bürgermeister ist er Wachabteilungsleiter. Mit ihm hier und jetzt über all die Notrufe, die Einsätze und ihre Begleitumstände, die oftmals mit ihnen verbundene Tragik und Trauer, aber auch die Glücksmomente, geboren aus Mut, Können und Fügung zu sprechen, würde den Rahmen an dieser Stelle sprengen. Vielleicht nur soviel: „Wenn Du oft genug in Situationen warst, wo Du selbst Angst, richtige Todesangst, gehabt hast, wenn Du ansehen musst, dass Du nicht helfen konntest, dann bekommst Du eine etwas andere Einstellung zum Leben. Dann achtest Du auf andere Signale.“ Er sagt es nicht laut, aber er spricht in Gedanken an dieser Stelle von Gott und Glauben. Der Zuhörer erkennt und versteht die Bindung.

Und er versteht noch ganz etwas anderes: Bei vielen seiner Einsätze habe er sich immer aufgeregt, „dass vermutlich nichts oder weniger passiert wäre, wenn die Menschen vorher besser Bescheid gewusst hätten“. Aber Vorbeugung im heutigen Sinne sei von den Verantwortlichen generell in der damaligen Zeit noch nicht so ernst genommen worden. „Ich habe im Anfang immer wieder die Frage gehört, was denn ein Sechsjähriger schon helfen könne.“ Da erzählt er natürlich mit großer Freude die Geschichte des kleinen, Floriansdorf gestählten Jungen, vor dessen Auge der Großvater in der Wohnung zusammengebrochen war und der mit klarer Stimme die Rettungskräfte alarmiert und informiert hatte. Gekrönt mit der präzisen Aufforderung: „Und bringt mir bloß den Notarzt mit!“

All das hatte Ralf Schulte irgendwie schon im Kopf, als er in den 90er Jahren in der Freizeit mit den Anfängen seines Kinderbrandschutz-Programms auf Tournee ging. „Aber es war natürlich schwer, mit den Kindern zu üben, wenn sie sich einen verqualmten Raum erst einmal vorstellen mussten. Das können Erwachsene schon nicht. Und Kinder erst recht nicht.“ Also hatte Schulte den Traum von dem Dorf, in dem sich ein potenzielles Übungszimmer für alle denkbaren Notsituationen ans andere reiht. Aus dem Traum wurde ein Plan und Schulte begann das Werben für seine Idee. „Mein Vorteil war wohl, dass die meisten das Projekt und mich zunächst unterschätzt haben.“ So wurden mit der Zeit viele, die gedacht hatten, etwas Kleines zugesagt zu haben, mit der Einlösung von etwas Großem beim Wort genommen. Und Schulte konnte auch zahllose Menschen motivieren, in der Freizeit aktiv Hand anzulegen. Zum Beispiel die Pfadfinder vom Nussberg. Oder die vielen ehrenamtlichen Helfer aus dem Bekannten- und Freundeskreis.

Heute stehen 17 Häuser an der Almeloer Straße. Material und Arbeit im Gegenwert von rund zwei Millionen Euro stecken in dem Projekt, mehrere zehntausend Kinder haben bereits die Unterrichtseinheiten durchlaufen. In Aachen steht eine Art Kopie der Einrichtungen, Delegationen aus de Türkei, Holland, Südkorea, Polen, Dänemark und Amerika waren bei Ralf schulte und haben sich das bauliche und pädagogische Konzept erklären lassen. „Schließlich haben wir ja auch weltweit Neuland betreten.“ Da jedoch die erfolgreiche Realisierung wie in Iserlohn untrennbar mit dem Namen Ralf Schulte verbunden ist, lässt sich damit natürlich auch erklären, warum es bei den anderen Floriansdörfern derzeit noch hakt. Den haben sie nämlich woanders nicht.

Und das wird auch in Iserlohn trotz drohendem Ruhestand wohl so bleiben. Dem Förderverein Kinderbrandschutz, den er konsequenterweise dereinst ins Leben gerufen hat, bleibt Ralf Schulte auch weiterhin treu und engagiert verbunden. Seinen Bürgermeister-Stuhl hat er bereits geräumt. Aber eben nicht in Richtung Schaukelstuhl, sondern wohl eher in Richtung Drehstuhl, Aszendent Hochsitz. Um schnell mitzukriegen, aus welcher Richtung noch Ideen und auch Gelder kommen könnten. Er sagt zwar, er könne loslassen, aber er sagt ja schließlich auch: „Wenn unser Zusammenleben funktionieren soll, muss man sich nun mal helfen!“ Da wartet für einen, der unbedingt helfen will, wohl noch jede Menge Arbeit.

Ins Licht gesetzt am 25.9.2010, Beleuchtet von Thomas Reunert (Text) und Josef Wronski (Foto)

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