Max Büchting
17.06.2008 | 07:36 Uhr 2008-06-17T07:36:00+0200
In Kalthof geht eine Ära zu Ende. Zum letzten Mal wird Pfarrer Max Büchting in der Jakobuskirche den Gottesdienst mit seiner Gemeinde feiern, dann geht er nach 30 Jahren Dienst in der evangelischen Kirchengemeinde Hennen, wo er für Kalthof und Drüpplingsen zuständig war, in den Ruhestand.
Die Koffer sind schon gepackt, denn bereits eine Woche später wird er zusammen mit seiner Frau Elke das Pfarrhaus an der Jakobuskirche verlassen und nach Unna-Bönen zu seiner zweitjüngsten Tochter Cordula ziehen.
Und auch diesen so einschneidenden Schritt geht er mit der gleichen Ruhe und Bedächtigkeit, mit der gleichen Unaufgeregtheit an, mit der er vor 30 Jahren als junger von den 68er-Umbrüchen geprägter Theologe aus den studentischen Hochburgen in das beschauliche Kalthof kam, und mit der er wohl alle großen Schritte in seinem bisherigen Leben gemacht hat. Wenn er davon erzählt, wie alles gekommen ist, bekommt man sehr schnell den Eindruck, dass nur wenig mit Zufall zu tun hatte, dass er immer sehr planvoll und mit viel Langmut und Ausdauer das verfolgt hat, was ihm wirklich wichtig war.
Nach Kalthof beispielsweise kam er keineswegs per Zufall. Er musste sich nicht, so wie es heute sowohl in der Kirche wie auf dem übrigen Arbeitsmarkt der Normalfall ist, bei jeder freien Stelle gegen viele Mitbewerber durchsetzen und froh sein, dass er überhaupt etwas bekam - egal wo.
Als sich Max Büchting nach absolviertem Hilfsdienst im Jahr 1977 daran machte, eine eigene Gemeinde zu suchen, waren zahlreiche Pfarrstellen in der rheinischen und in der westfälischen Landeskirche unbesetzt. „Ich konnte mir die Pfarrstelle aussuchen und habe mir zusammen mit meiner Frau eine ganze Reihe angesehen, die uns aber nicht überzeugt haben.” Über die Familie seiner Frau, die aus Iserlohn stammt, wurde schließlich auch der hiesige Kirchenkreis auf den jungen Mann aufmerksam, und als in Kalthof die Pfarrei frei wurde, kam eine Delegation der Gemeinde, um sich den suchenden Pfarrer anzusehen.
„Es war mir überaus wichtig, in einem intakten sozialen Gefüge zu arbeiten, wo sich die Menschen kennen und man etwas bewegen kann”, erinnert sich Max Büchting. Deshalb sei für ihn klar gewesen, in einem Dorf auf dem Land tätig werden zu wollen und nicht in einer Stadt. Das brachte sowohl für ihn als auch für seine Frau große Veränderungen mit sich, denn beide waren das Landleben nicht gewohnt.
Max Büchting wurde am 28. Dezember 1947 in dem kleinen Städtchen Wernigerode am Nordrand des Harzes in der damals sowjetisch besetzten Zone als zweitjüngstes von vier Kindern geboren. Sein Vater war als Landwirt tätig, und da ihm nach der Kollektivierung der ländlichen Betriebe wegen Nichteinhaltung der staatlichen Produktionsvorgaben das Gefängnis drohte, floh die ganze Familie im Jahr 1953 in den Westen. Obwohl Max Büchting da gerade mal fünf Jahre alt war, fühlt er sich bis heute mit Wernigerode, diesem „wunderschönen Fachwerkstädtchen”, in dem noch heute die Familie seines Vaters sesshaft ist, eng verbunden. Später verband er das private Interesse mit dem beruflichen und rief eine Gemeindepartnerschaft zwischen Kalthof und Wernigerode ins Leben, die aus Verwandtenbesuchen im Osten gleichzeitig Dienstreisen machte. Zunächst durchlief der kleine Max aber mit seinen Eltern und seinen drei Schwestern Friedegard, Adelheid und Felizitas im Jahr 1953 verschiedene Flüchtlingslager, darunter auch das in Unna-Massen, ganz in der Nähe seiner späteren Wirkungsstätte. Eine neue Heimat fand die Familie schließlich mitten Düsseldorf, wo Max Büchting dann nahe der „Kö” aufwuchs. Die Mutter konnte wieder als Lehrerin arbeiten, der Vater schulte zum Sozialarbeiter um, und Max wurde in Fußnähe zum Opern- und zum Schauspielhaus groß, was ihn ohne Zweifel sehr geprägt hat. „Ich habe das sehr stark genutzt und schon mit 14 regelmäßig die Aufführungen besucht.”
Neben Kultur und Familie waren von klein auf auch Religion und Kirche bestimmende Themen im Hause Büchting. Die Tante war Theologin, und auch die Eltern waren sehr mit der Kirche verbunden. Über CVJM, freikirchliche Arbeit und Mitgliedschaft im Schüler-Bibelkreis wurde Max Büchting schließlich zusammen mit den Eltern Mitglied der Herrenhuter - eine Kirche in der Kirche und eine ordensähnliche Gemeinschaft, die dem jugendlichen Büchting in den 60er-Jahren gelehrt hat, wie wichtig es ist, den Glauben verbindlich zu leben, nicht alleine, sondern in der Gemeinschaft, und nicht wie es einem gerade passt, sondern verpflichtend mit regelmäßigen Gebeten und Schriftlesungen. Max Büchting wurde in dieser Gemeinschaft konfirmiert und ist bis heute Mitglied geblieben. Der Entschluss, Pfarrer zu werden, fiel dennoch eher spät und spontan, kurz vor dem Abitur und zum Bedauern einiger Lehrer, die in dem jungen Mann eher einen Mathematiker oder Naturwissenschaftler sahen. Bereut hat Max Büchting die Entscheidung aber nie.
Ebenso wenig wie die aufregenden Jahre, die dann in seiner Studentenzeit folgten. Sein Abitur hat er 1968 gemacht, und die Lehrer hatten inständig vor dem schlechten Einfluss der damaligen Universitäten gewarnt. Dennoch wurde er in der Folge ein glühender Anhänger der 68er-Bewegung mit allem, was dazugehört. Bei der blutigen Unterdrückung des Prager Frühlings durch die russischen Truppen hat er sogar in Bonn vor der sowjetischen Botschaft demonstriert. „Ich habe diese Zeit als sehr positiv erlebt und in Erinnerung”, sagt Büchting rückblickend. Allen sei klar gewesen, dass sich etwas verändern musste, und er selbst sei für Veränderungen sehr aufgeschlossen gewesen.
Am meisten hat ihn aber damals die Gemeinschaft beeindruckt. Es gab keine großen, anonymen Lernfabriken wie heute, sondern einen sehr intensiven und engen Austausch mit Kommilitonen und Professoren im kleinen Kreis. Viele Bekanntschaften aus dieser Zeit sind ihm wichtig und haben ihn befruchtet. So zum Beispiel auch die zu dem heutigen Präses der rheinischen Landeskirche Nikolaus Schneider, der als Asta-Vorsitzender gleich nebenan wohnte.
Anders als viele seiner Studienkollegen, die unter den Bedingungen eines freien Studiums scheiterten, konnte Max Büchting mit dieser Freiheit umgehen und studierte rasend schnell - erst in Wuppertal und später in Göttingen, wo er schon 1972 mit gerade Mal 24 Jahren das erste Examen ablegte. Da er sich für den Pfarrberuf noch nicht reif fühlte, legte er in Münster noch ein Philosophie-Aufbaustudium nach. 1974 nahm er dann sein Vikariat in Essen auf - zusammen mit Jürgen Fliege, „der im Priesterseminar herumgewirbelt hat, wie später als Fernsehpfarrer”. 1976 folgte der einjährige Hilfsdienst in einer Gemeinde in Mönchengladbach, der aber wegen besagter Priesterknappheit praktisch einer ersten eigenen Pfarrstelle gleichkam. Dort hatte er auch bereits jene Elke Dahmen an seiner Seite, die er am 6. Juli 1976 heiratete, mit der er vier Kinder bekam und das Pfarrhaus in Kalthof mit Leben füllte.
Nach dem Aufbruch der 68er-Studentenzeit in all den Großstädten, war der Wechsel in den Iserlohner Norden ein Aufbruch der ganz anderen Art in eine andere Welt, der durchaus auch mit Nachteilen verbunden war. Jeder kennt jeden, es wird viel beobachtet und noch mehr geredet, und Vorurteile gibt es zuhauf. „Es war aber nie mein Problem, was die Leute reden könnten,” sagt Max Büchting schmunzelnd. Seine Frau habe da schon etwas mehr drunter gelitten. Zum Beispiel als nach dem Sohn Matthias (31), und den Töchtern Cordula (30) und Mareike (28) mit der Tochter Silja (26) noch ein viertes Kind zur Welt kam. In dieser kinderfeindlichen Zeit, in der maximal zwei Kinder akzeptiert werden und alles darüber schon asozial ist, sei das für viele Gemeindemitglieder schon zu viel gewesen. Max Büchting antwortete auf die Frage, ob es denn jetzt endlich genug sei, stets mit einem lapidaren „Man kann nie wissen . . .” - auch um gerade diejenigen, denen Kindereichtum ein Dorn im Auge war, zu düpieren. In der Folge wurde seine Frau auf Schritt und Tritt gemustert, ob man schon eine erneute Schwangerschaft erkennen könnte. „Das war besonders für meine Frau recht unangenehm.”
Dennoch habe er sich aber immer in Kalthof wohl gefühlt, und das liegt gewiss auch daran, dass er in seinen Gemeindebezirken Kalthof und Drüpplingsen sehr gute Arbeit geleistet, viel bewegt, und die Umbrüche der Zeit mit vielen neuen Familien in den Neubaugebieten, Umstrukturierungen, Veränderungen in der Gemeindearbeit und Bautätigkeiten immer als Chance begriffen und aktiv geprägt hat.
Umbrüche und Aufbrüche seien sehr wichtig, sagt er. Doch noch wichtiger sei es, den Menschen in einer so schnelllebigen und temporeichen Zeit einen Gegenpol und eine verlässliche Konstante zu bieten. „Das mag altmodisch klingen”, sagt er. Aber nach seiner Überzeugung müsse sich die Kirche auf ihre ureigenen Aufgaben und darauf konzentrieren, was nur sie leisten kann. Sonst kann alles sehr schnell sehr beliebig, langweilig und nichtssagend werden. „Die Menschen suchen nach Sinn. Doch Oberflächlichkeit hilft ihnen da nicht weiter.” Auch Religion könne sehr schwammig und primitiv sein, wenn man nicht in die Tiefe geht.
Max Büchting hat sich in diesem Sinne immer als Seelsorger verstanden. Gottesdienst und Predigt seinen wichtig, für ihn habe die Seelsorge und die Arbeit am Menschen aber immer höher gestanden. Das ist keine leichte Aufgabe und vor allem keine Arbeit, die in acht Stunden am Tag zu erledigen ist. „Zeit für Hobbys hatte ich kaum.” Zudem wollte auch auf menschliche Weise ein Vorbild sein. Und auch das ist keine leichte Aufgabe und vor allem ein hohes Risiko. „Niemand gibt einem irgendwelche Garantien. Auch meine Ehe oder meine Familie hätten scheitern können.”
Das ist aber nicht geschehen, und Max Büchting steht nun vor einem weiteren großen Umbruch, dem er mit großer Zufriedenheit und Freude entgegen geht. Zwar verlässt er sein Pfarrhaus, er bleibt aber im Kreise seiner Familie. Und er kann sich wieder all den schönen Dingen, der Musik und der Kunst widmen, wozu er vorher nur sehr selten Gelegenheit hatte. Und der Kalthofer Gemeinde will er für Urlaubsvertretungen auch weiterhin zur Verfügung stehen.
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Ich wünsche Ihnen, lieber Bruder Büchting, alles Gute und Gottes Segen!
Ihr Friedhelm Groth (fast 2 Monate älter als Sie), www.pastoerchen.de