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Porträt

Klaus Bednarz

03.01.2011 | 11:18 Uhr

Nach gut neunzig Minuten Gespräch mit dem Journalisten Klaus Bednarz plagt die Ohren des Zuhörers ein zumindest gefühlter Muskelkater. Nicht, weil er so viel gesprochen hätte, sondern, weil er es so leise getan hat.

Klaus Bednarz

So furchtbar unaufgeregt. So leidenschaftlich leidenschaftslos. So entspannt, dass man sich als Gesprächspartner irgendwie ständig auf dem Sprung fühlt. Zumal man ja ohnehin – das allerdings ohne wirklichen Vorsatz – irgendwie auf der Dauer-Hut ist. Schließlich gilt der Mann als Ikone deutscher Zunge und Schreibe unter den investigativen Journalisten. Also denen, die gern immer nur über diejenigen Suppen berichten, in denen mit Sicherheit wenigstens ein Haar, wenn nicht gleich ein ganzes Toupet schwimmt. Doch dazu später. Vielleicht. Falls Klaus Bednarz darüber reden möchte.

Um den Einstieg in den Menschen Bednarz zu finden, könnte die Auftakt-Frage ja vielleicht so lauten: „Sind Sie heute schon einmal laut geworden? Oder in den letzten Tagen? Können Sie sich überhaupt erinnern, mal richtig laut geworden zu sein?“ Bednarz überlegt einen Moment und sagt dann leise: „Nein, eher nicht.“ Wobei man sich das vielleicht nicht einfach vorstellen kann, denn Klaus Bednarz kann sich mit Sicherheit mächtig aufregen. Vielleicht wirklich nicht so laut, aber dass der Mann z. B. bei gefühlter Ungerechtigkeit auf eine innere Betriebstemperatur kurz vorm Kochen kommen kann, will man in diesem Moment doch gern glauben.

Dabei hat ihm die Sache mit dem investigativen Journalismus wohl niemand an der Wiege gesungen. Die stand übrigens vor 68 1/2 Jahren im brandenburgischen Falkensee. Mit 13 Jahren kam er mit seiner Familie nach Hamburg. In Hamburg, Wien und Moskau studierte er Theaterwissenschaft, Slawistik und Osteuropäische Geschichte, promovierte überaus erfolgreich zum Thema „Die Strukturen der Tschechow’schen Dramen“.

Überhaupt hatte der junge Bednarz durchaus den beruflichen Traum von Leben und Arbeiten auf, vor und hinter der Bühne. So spielte er in Hamburg auch an einer Studentenbühne. Doch es gab noch eine bessere, an der kein Geringerer als d-e-r Claus Peymann schon ein frühes Sagen hat. Bednarz sprach mehr als leidenschaftlich vor, um an Ende von Peymann zu hören: „Nein, mein Lieber, das reicht nun wirklich nicht.“

Also saß der überaus hoffnungsvolle Jungakademiker am Ende mit schönen Abschlüssen, aber ohne Arbeit in Köln. 1967 startete er den Vorstoß in Richtung WDR. Und für einen Moment hört sich die Geschichte wieder wie so ein Zufalls-Märchen, so eine „Man-muss-nur-wollen-dann-klappt’s-auch“-Geschichte an. Bednarz ruft nämlich auf „gut Glück“ beim Sender an, fragt nach einem Job. Vielleicht ja was mit Kultur. Mit dem ersten öffentlich-rechtlichen Gesprächspartner kommt er da allerdings nicht ganz so weit, am nächsten Tag versucht er es abermals und landet schließlich beim inzwischen schon legendären Werner Höfer, zu diesem Zeitpunkt amtierender WDR- Fernsehchef. Der scheint Sympathien für die unorthodoxe Bednarzsche Vorgehensweise zu hegen und stellt ihn schließlich mit dem für Bewerbungsgespräche eher seltenen Kommentar ein: „Dann mach mal, mein Junge!“ Klaus Bednarz wird also Kulturredakteur, später erster akkreditierter Korrespondent in Warschau und wieder später Leiter des Moskauer ARD-Studios, schreibt nicht nur auf diesem Gebiet ein Stück bundesdeutsche Fernsehgeschichte.

Womit wir für einen Moment aber auch beim Thema „Bednarz und Osteuropa“ wären. Mit Sicherheit ein ganz spezielles Verhältnis. Eigentlich hat jetzt alles Gesagte einen noch leiseren Ton. Mit einer zusätzlichen schwärmerischen Note. Da ist die Erinnerung an den Hof des Großvaters in Masuren, einer Landschaft, für deren wirkliche Beschreibung es selbst einem Klaus Bednarz am Ende doch an Sprachgewalt zu mangeln scheint.

Apropos Großväter: Bei ihnen scheint sich der später durchaus streitbare Kämpfer für die Recht- und Ehrlosen das kindlich-jugendliche Rüstzeug für seinen geraden Lebens- und Berufsweg geholt zu haben. „Zivilcourage“ ist da wohl nur eines der prägenden Stichworte: Der eine Großvater sei Bauer gewesen und habe sich als einer von wenigen im Dorf geweigert, sich der NSDAP anzuschließen, weil er „Hitler für einen Teufel gehalten“ habe. Und der andere habe am Tag der Machtergreifung in seiner Berliner Wohnung zwischen all die Nazi-Fähnchen der Nachbarn eine schwarz-rot-goldene Fahne der Republik aus seinem Wohnzimmerfensterfenster gehängt.

Aber auch noch einmal zurück zum Thema „Osteuropa“. Da war wohl von Anfang an ein irgendwie ganz natürliches Interesse, das sich aus Kindheitserfahrungen vielleicht erklären lässt. Der Vater gerät gegen Kriegsende in russische Gefangenschaft, da ist der Sohn gerade drei Jahre alt. Er lebt mit seiner Mutter bei den Großeltern mütterlicherseits. Natürlich wissen die Erwachsenen in den Jahren danach auch um die Greuel-Taten der Roten Armee, aber sie thematisieren es nicht gegenüber den Kindern. An anderer Stelle sagt Klaus Bednarz über die Zeit: „Uns Kindern gegenüber – ich war damals so drei, vier Jahre alt – waren die russischen Soldaten immer sehr freundlich. Sie schenkten uns Zwieback und Bonbons.“ Und er sagt auch: „Mein Großvater musste tagsüber zur Zwangsarbeit zu den Russen und in den Kasernen die Küchenabfälle beseitigen. Das hat uns das Überleben ermöglicht. Wir haben das, was schon in der Jauchegrube war, wieder herausgefischt. Das größte Festessen, an das ich mich in den Jahren 1945 bis 1947 erinnern kann, war ein Pferdekopf aus dem Jauchekanal.“

Und noch etwas kam hinzu: Auch sein Vater sprach niemals schlecht über seine Gefangenschaft, war vielmehr stolz, Russisch gelernt zu haben und lobte die Hilfsbereitschaft der Landbevölkerung. Und schließlich, sagt der Journalist, habe ja auch die russische Sprache als erste Fremdsprache in der 5. Klasse zum Standardprogramm des Schülers Klaus Bednarz gehört. Ein bisschen Alltag eben.

All diese Dinge muss man vermutlich wissen, wenn man das Bednarzsche Arbeiten und Schaffen verstehen möchte. 18 Jahre lang leitete er das Nachrichten-Magazin „Monitor“. Seine journalistische Grundeinstellung in dieser Zeit, die allerdings bis heute nichts an Bedeutung und Aktualität für ihn verloren hat: „Den Mächtigen unbequem sein. Denen, die im großen Konzert der öffentlichen Stimmen kaum eine Chance haben, Gehör verschaffen!“ Er sah es einfach als seinen Job an, Dinge, die von Mächtigen aller Lebensbereiche am liebsten unter den Teppich gekehrt werden sollten, ans Licht der Öffentlichkeit zu holen. Und wenn es beim ersten Mal nicht klappte, einen Missstand zu verändern, dann wurde eben mit Nachdruck und auch gegen Widerstände aus allen Lagern weiterberichtet. Die Liste der verpufften Geschichten ist zwar vermutlich lang. Die Liste der erreichten Veränderungen ist aber unbestritten länger.

Die Zeit reicht für ein Beispiel: „Monitor“ hatte berichtet, dass bei einem „Böhringer“-Werk in Hamburg in der Produktion offenbar Dioxin zum gesundheitlichen Nachteil von Mitarbeitern freigesetzt wurde. Erst im vierten oder fünften Anlauf und trotz medialer Gegenkampagnen kam es zur Werksschließung. Erinnerung: „Jahre später traf ich bei einer Veranstaltung auf einen Böhringer-Mitarbeiter und ich dachte, dass es nun zum Eklat kommen würde. Kam es aber nicht. Der Mann sagte, dass das Monitor-Material von damals heute aktiv in der Berichterstattung über das Unternehmen eingesetzt werde. Und er sagte auch noch, dass es besser gewesen wäre, wenn unsere Berichterstattung bereits einige Jahren früher erfolgt wäre.“

Der Journalist Bednarz kann am Rande übrigens dann auch noch berichten, von den Versuchen des KGB und westlicher Geheimdienste, ihn anzuwerben. Selbst der deutsche BND habe einen zaghaften Annäherungsversuch gestartet, der aber gleich aus mehreren Gründen von vornherein zum Scheitern verurteilt gewesen wäre. Oder die Geschichte, wie er im Auftrag eines Berichterstattungs-Gegners von Privatdetektiven durchleuchtet und verfolgt wurde.

Aber nicht weniger spannend sind natürlich auch inzwischen seine hochgelobten Berichterstattungen aus Gegenden der Erde, deren Namen und Daten viele Menschen noch nicht einmal aus Kreuzworträtseln oder Hochpreis-Fragen bei Günther Jauch kennen. Dorthin zieht es Klaus Bednarz mit Vorliebe, vielleicht und am liebsten, weil sich vor ihm noch keiner so richtig dahingezogen gefühlt hat: z.B. zu den Eskimos im Norden Sibiriens oder zu den Yamana-Indianern auf Feuerland. Er werde niemals aufhören, ein hochgradig neugieriger Journalist zu bleiben, hat Klaus Bednarz gesagt, als er anlässlich des Erreichens der Pensionsgrenze nach seinen Plänen gefragt wurde. Und weil das so ist, hat er natürlich auch den Kopf voller Vorhaben, wartet „immer noch wieder darauf, dass mich das große Kribbeln befällt“. Pläne, über die er aber im Moment noch nichts sagen möchte, weil „in dieser Branche ziemlich geklaut wird“.

Über das Privatleben des Klaus Bednarz weiß man eigentlich so gut wie nichts. Darüber spricht er nicht wirklich. An diesen Nachmittag bei Schneetreiben und Christstollen ist er da allerdings offenbar etwas milder gestimmt. Er erzählt von dem verwirklichten Lebenstraum, nämlich der Hütte an einem mecklenburgischen See. Jetzt wird ihm für einen Moment offenbar wieder ganz masurisch ums Herz. Und er erzählt, dass er beim Bürgermeister des kleinen Dorfes war, um sich vorzustellen und ihm das Angebot zu machen, dass er, Neubürger Bednarz, sich im Rahmen seiner Möglichkeiten irgendwie nützlich machen möchte. Vielleicht mit einer Lesung. Für den Erhalt der Kirche. Außerdem kann er sich ja auch dafür interessieren, „was die Glatzen im Dorf so aktuell planen“.

Vorstellen musste er sich beim Bürgermeister wohl nicht, denn der Fernsehmann berichtet davon, dass er im Bereich der ehemaligen DDR durchaus eine hohe, nachhaltige Popularität genoss und auch heute noch genießt. „Die Begegnungen mit dem Publikum im Osten sind einfach noch immer irgendwie intensiver“, sagt er und weiß dabei natürlich um den Umstand, dass er von den Menschen, die jahrzehntelang keine eigene Meinung haben durften, für seine oft aufrüttelnden Worte und aufklärerischen Beiträge als Klartext-Messias verehrt wurde und wird.

Bleibt noch ein kurzer Augenblick, um über das anstehende Weihnachtsfest zu sprechen. Das liefe bei seiner Familie nun wirklich ganz normal ab, sagt Klaus Bednarz und lässt aber durchblicken, dass er sich insbesondere auf die Enkel freue. Und plötzlich stellt sich heraus, dass der Mann, der es im Fernsehen eigentlich nie über einen bestimmten Grund-Gesichtsausdruck hinausgebracht hat, richtig gucken kann, wie ein mächtig stolzer Großvater. Dem Enkel in der kuscheligen Atmosphäre der mecklenburgischen Hütte am knackenden Kamin etwas vorzulesen – das ist im Moment in der Vorstellung des Klaus Bednarz nur schwerlich zu toppen. Außer vielleicht mit einem Besuch irgendwo in oder auf der Welt, wo vor ihm noch niemand war.

Die Reise des Klaus Bednarz, die 1942 in Falkensee begann, ist wohl noch lange nicht zu Ende.

Beleuchtet von Thomas Reunert (Text) und Josef Wronski (Foto)

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