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Porträt

Joachim Franz

21.05.2010 | 16:12 Uhr

Jetzt nur nicht aufstöhnen. Der Händedruck hält nämlich schon mal das, was man sich vermutlich davon versprechen musste. Was man sich versprechen darf, wenn man weiß, dass man Joachim Franz treffen wird. Er sei Extremsportler hat man zur Ankündigung erklärt.

Gut. Das könnte am Ende ja auch erklären, warum man nicht so genau weiß, ob man gerade durch Zufall den einen eigenen Türpfosten berührt hat - oder doch den Oberarm des Herrn. Nun denn, Muskeln kann man schließlich auch einem Faultier antrainieren, wenn man ihm erst einmal klar gemacht hat, wie und warum ein Hometrainer funktioniert oder wie es die Hanteln halten soll. Darum soll es aber ja auch gar nicht gehen. Wir wollen den Menschen in und hinter Joachim Franz ergründen, also quasi die Seele, schwimmend aufgehängt irgendwo zwischen Bizeps und Oberschenkelmuskel. Und natürlich auch noch einen Blick in die Denkwelt des Joachim Franz werfen. Denn soviel seht schon nach kurzer Zeit fest: Bei dem Europäer des Jahres 2009 geht bei Bedarf und auf Kommando nicht nur in den Muskelfasern die Post ab, sondern auch in den grauen Zellen.

Also dann, wir schreiben den 9. Januar 1990. Joachim Franz sitzt mit Frau und Tochter am Frühstückstisch und will sich gerade – mal wieder- eine Verdauungszigarette anzünden. Ein paar Minuten später wird er ins Wolfsburger VW-Werk gehen, weil seine Schicht als Feinbohrwerkstechniker beginnt. Wie jeden Morgen. Und wahrscheinlich würde auch dieser Tag genau so verlaufen wie alle Tage zuvor. Im Volkswagen-Takt eben. In dem tickt Joachim Franz eigentlich, seit er denken kann. Weil schon sein Vater so getickt hat. Der startete seine VW-Karriere 1950 als 15-jähriger Laufbursche, ging dann zum Bundesgrenzschutz, wechselte zurück in den Volkswagen-Werkschutz, ließ sich weiterbilden zum EDV-Fachmann, war schließlich eine starke Nummer in der Betriebsabrechnung.

Sohn Joachim geht zur Volksschule und zur Realschule, macht sich über die Zukunft keine wirklichen Gedanken. „Warum, ich war doch in Wolfsburg. Da waren ja alle bei VW. Da war das doch gar keine Frage, dass ich auch zu VW gehe.“ Deswegen habe sein Vater auch immer gesagt, er solle lediglich mit einem halbwegs guten Zeugnis nach Hause kommen, der Rest sei dann schon geritzt. Irgendwann habe der Vater dann in der Tat eine Bewerbung vom Sohn mitgenommen („Die einzige übrigens, die ich jemals geschrieben habe!“). Und als er abends wieder nach Hause gekommen sei, wäre klar gewesen, dass der Junge zum Energie-Anlagen-Elektroniker ausgebildet würde.

Es klingt so herrlich normal wie Joachim Franz das alles erzählt, wie er sich beschreibt. Dass er immer versucht hat, mit einem Minimal-Aufwand durchs Leben zu kommen. „Ich habe auch schon mal drei Sechsen hintereinander geschrieben, aber wenn es dann brannte auch mal schnell eine Eins.“ Er war Klassensprecher und später auch Vertrauensmann, macht Musik in der Band, fand es „verschärft“ mit einem Kumpel von den Pfadfindern Norwegen zu Fuß zu genießen, war körperlich „eher ein Strich in der Landschaft, weil er vor lauter Herausforderungen, die das Leben zu bieten hatte, auch schon mal das Essen vergessen konnte. Franz spielte – oftmals eine Spur zu ruppig - Fußball und Handball. „Ich bin nun mal Grobmotoriker!“

Und war ansonsten ziemlich normal. Mit 17 Jahren sei es mit den Outdoor-Aktivitäten auch zu Ende gewesen, denn da habe er dann auch noch den väterlichen Weinkeller für sich entdeckt. Als dann später auch noch das Angebot bekam, in der VW-Edel-Spezialabteilung der Feinwerksbohrtechniker zu arbeiten, war eigentlich der erste Olymp erreicht. „Ich hatte mir überlegt, dass ich erst einmal ein bisschen Kohle mache und vielleicht noch Maschinenbau studiere.“

So gingen die fetten Jahre ins Land. In den Abend- und Nachtschichten brutzelte fast unbemerkt (Vorteil: Arbeitsplatz mit Dunstabsaugung und Klimaanlage mit Frischluftzufuhr) dauernd der Werkstatt-Grill. Und es knallten die Korken (Vorteil: Alkohol-Beschaffungs-Genie auf der Schicht). Und zu Hause auf dem Sofa wurde die gute Laune einfach durch die gleiche Grundnahrungsmittel-Palette aufrecht gehalten.

Bis eben zu jenem 9. Januar 1990. Für alle Beteiligten aus heiterem Himmel – obwohl gar nicht mal zu ersten Mal - beschloss Joachim Franz sein Leben zu ändern. Er drückte die Zigarette aus, kaufte noch am gleichen Tag einen Sportdress und wuchtete am Abend seine 123 Kilogramm in die Natur. Und wollte nach wenigen Metern nur eines: Sterben. Und zwar auf der Stelle. Diese ernüchternde Erkenntnis musste aber erst einmal verdaut werden, was noch bestens mit paar Flaschen Pils und einigen kräftigen Züge an einer Zigarette zu bewerkstelligen wäre. Joachim Franz legte sein Spontan-Trainingsprogramm auf Eis und ertränkte die Schmach des Scheiterns kurzerhand.

Doch in einem lichten Moment kam er zu einer ganz neuen, nachhaltigen Erkenntnis: „Eigentlich wollte ich am Anfang ja gar nicht wirklich abnehmen oder gar nicht wirklich Sport machen. Ich wollte vielmehr mein Leben ändern. Und erst als ich das begriffen hatte und auch begriffen hatte, dass ich das nicht geschenkt bekomme, dass ich dafür einen Preis zu zahlen habe, da merkte ich, dass ich auf dem richtigen Weg war.“

Der zweite Anlauf nach vierzehn Tagen verläuft dann auch deutlich besser. Franz sucht sich Hilfe bei einem erfahrenen Trainer, der ebenfalls im Werk arbeitet. Der nimmt sich den jungen Mann zur Brust, macht ihm klar, dass er seine Grenzen vermutlich nur dann kennenlernen wird, wenn er sie auch überschreitet. Ob dieser Trainer damals auch schon erkannt hat, was für eine Ausnahmeerscheinung /-talent er in Person des Joachim Franz da vor sich hatte, ist nicht überliefert. Auf jeden Fall wird wohl auch der Profi nicht viele übergewichtige und erlahmte Couch Potatoes kennen, die sich nur wenige Trainings-Monate später - um inzwischen 50 Kilogramm erleichtert - zu ihrem Hamburg-Marathon anmelden und da schon erst einmal die Konkurrenz der Hobbyisten in Grund und Boden laufen und nur von den Experten-Teams noch gebremst werden können.

Mai 1990 - das Lauf-, Radfahr-, Selbstquäl- und Motiviationswunder Jochim Franz hat seinen Betrieb aufgenommen. Bei seiner ersten Pedal-Ausfahrt lässt er die Radsportabteilung des VfL Wolfsburg weit hinter sich, bei den „normalen“ Langstrecklern langweilt er sich inzwischen. Er wird Triathlet, stellt verschiedene Weltrekorde und Weltbestzeiten im Ergometer und Versa-Climbing, in Inlineskaten und auf dem Sidewalker auf. Bis heute hat er über 150 Marathons und Ultraläufe absolviert, hat u.a. den Ural mit dem Tretroller durchfahren bzw. überquert. Er wollte unbedingt als erster Mensch die 6000 Kilometer der chinesischen Mauer ablaufen. Was ihm am Ende neben weiterem Ruhm allerdings den Verlust seiner bis dahin treuen Ehefrau einbrachte. Man muss kein Psychologe sein, um den Umgang des Joachim Franz mit solchen Situationen zu erahnen. Wie hatte er doch eben gesagt: Man müsse für die Änderung des Lebens nun mal einen Preis zahlen. Und er hat auch noch gesagt, man solle niemals vergessen: „Der Schmerz geht, der Stolz bleibt!“ Ein Satz, der übrigens auch noch Stunden nach seinem Abgang aus den Redaktionsräumen in der Luft liegt wie der Duft von schwerem Parfüm.

Gab es Rückschläge? „Klar! Als ich beim Training von einem Auto angefahren wurde.“ Franz erzählt wie er unter den Augen eines Professors wieder wach geworden sei und der habe ihn gefragt, warum er denn so ungewöhnlich glatte Beine habe. „Und da habe ich mit zittriger Stimme gesagt, ich sei Triathlet und müsse mich jetzt auf mein nächstes Rennen konzentrieren.“ Und der Professor habe gesagt, dass ich mir mit der demolierten Schulter für die nächsten 18 Monate keine sportlichen Gedanken und Termine machen müsse. Das war es erst mal wieder da, das große Loch, in das so herrliche viele Zigaretten und Bierpullen reinpassten. Ein Schicksals-Angebot, dass der Strauchelnde auch zunächst gern annahm. Um dann doch wieder eine 180-Grad-Wende zu vollziehen, während noch eine Vielzahl von Nachoperationen auf ihn warteten. Denn die Zweifler hatten die Rechnung mal wieder ohne Iron-Franz gemacht. Noch am Krankenbett las er vom „1. Jungfrauen-Marathon“ in der Schweiz, also einem Lauf auf den dritthöchsten Berg in den Berner Alpen. Er trainierte im Treppenhaus des Klinikums, bis ihn der Professor an die Luft setzte - und vier Wochen nach der letzten OP bestürmte er in der Tat die Jungfrau.

An dieser Stelle fällt dann übrigens eher beiläufig auch erstmals das Wort vom „Horst-Faktor“. Das ist in der Gedankenwelt des Joachim Franz nichts anderes als „der Schiss, etwas Ausgefallenes zu machen. Sich also zum ‚Horst’ zu machen, wie das neusprachlich heißt“. Scheinbar ist es heute Teil seines Lebens, der „Horst“ zu sein.

Da ist aber noch eine wichtige Jahreszahl, über die wir reden müssen: 1995. In jenem Jahr trifft er einen Schulfreund wieder. Carsten ist an AIDS erkrankt, hat bereits die tragische Zielgerade seines Lebens erreicht, stirbt schließlich in der gesellschaftlichen Verbannung . Nur Franz ist bis zum Schluss in seiner Nähe. Wenn sein Tod einen Sinn hatte, dann den, Joachim Franz wieder einen Schub in eine andere Richtung zu geben. Weg vom strahlend beschrittenen Ego-Trip hin zu Kampf für die Menschen, die ein unterprivilegiertes Dasein in Armut, Krankheit, Ungerechtigkeit und Hoffnungslosigkeit führen müssen. „Ich bin den Weg von ‚Ich-Ich-Ich’ zum ‚Wir’ gegangen“, sagt Joachim Franz. Er hat sich bis heute für Hilfs-Projekte rund um den Erdball eingesetzt, mit spektakulären Aktionen Aufmerksamkeit für Missstände und Skandale geweckt.

Was nicht immer einfach war, denn als er das Thema AIDS zum Schwerpunkt seines Handels machte, verdrehten nicht wenige Fans und vor allem auch Sponsoren die Augen. Und Geldhähne zu. Was natürlich bei einem wie Joachim Franz das völlig falsche Signal ist und den Mann noch mehr anstachelt. Er ruft die „aids awareness expedition“ ins Leben, als dessen Leiter er weltweit mehr als tausend Menschen ehrenamtlich motivieren kann. Wozu das führt, liest sich dann so:

2001 – Von Paris nach Dakar. Er fährt als erster mit dem Fahrrad durch die Sahara und legt dabei insgesamt 6500 Kilometer zurück.

2003 – 2600 Kilometer, 15 Etappen nonstop, täglich bis zu 50 Kilometer Lauf und 150 Kilometer auf dem Rad gemeinsam mit Läufern aus den Townships Südafrikas zur Aufklärung im Kampf gegen AIDS und HIV.

Oder 2005 – 23 000 Kilometer mit Rad von Alaska nach Feuerland in 36 Tagen.

Oder 2006 – Joachim Franz bringt ein Mega-Banner mit der Aufschrift „Why“ auf Amerikas höchstem Berg, dem Aconcagua (6962 m) an.

Ein Auszug aus einer Liste, die sich beliebig mit Namen, Höhenmetern und zurückgelegten Kilometern verlängern ließe.

Aus dem Mund von Joachim Franz klingen all diese Dinge so, als erzähle er vom letzten Bier, das er gerade vom Büdchen an der Ecke geholt habe. So selbstverständlich, so klein. Er sagt, er habe sich eben entschlossen, den Rest seines Lebens mit Thema AIDS zu verbringen und basta. Nach außen allerdings mit ungeheurem Nachhall, nach innen in völliger Unaufgeregtheit. Auf Nachfrage bezeichnet er sich dann wenigstens als „modernen Abenteurer“, auch wenn er sofort klar stellt, dass es ja ohnehin das größte Abenteuer sei, den Menschen zu entdecken. Und dann bricht auch noch für einen Moment der Coach für Führungskräfte in ihm durch. Es gehe doch immer nur um Glaubwürdigkeit, sagt er und zählt die Zutaten dafür auf: Disziplin, Mut, Intelligenz, Menschlichkeit und Vertrauen.

Und ganz zum Schluss wird es auch einmal richtig Philosophisch. Er habe in der jüngeren Vergangenheit das Wirken und Denken des Feldherren Hannibal durch und durch studiert. Und vor allem die Frage, warum Hannibal bis zum Schluss gezögert habe, gegen Rom zu ziehen. Er habe eben geahnt, dass er diesen Kampf nicht würde gewinnen können und sich daher andere Strategien ausgedacht. Und dann sagt er: „Auch ich habe mein Rom. Jeder Mensch hat sein Rom.“ Das sei nun mal das „Hannibal-Prinzip“.

Für den Satz ist bestimmt auch noch Platz im Zettelkasten der Gefühle nach diesem Gespräch. Allerdings kommt er aber auf jeden Fall hinter den Zettel mit „Der Schmerz geht, der Stolz bleibt!“ schöner kann man sich nicht quälen.

Apropos „quälen“: Joachim Franz streift Iserlohn bzw. Lössel kurz vor dem Wochenende. Die Gruppe der Romantik Hotels, zu der auch Hotel Neuhaus gehört, hat den Aktivisten für sein Handeln und Denken auf der Basis europäischer Werte und Tugenden mit dem „Prix Romantik Liebold 2009“ ausgezeichnet. Franz revanchiert sich mit einem Bike-Ausritt durch’s Sauerland. Am Abend wird er den Teilnehmern dann wohl von seinen Abenteuern berichten Und sie werden mit Sicherheit fasziniert zuhören. Jedenfalls wenn sie noch – oder wieder - bei Bewusstsein sind.

Beleuchtet von Thomas Reunert (Text) und Michael May (Bild)

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Kommentare
26.10.2010
10:59
Joachim Franz
von Günter Poley | #2

Sehr sehr gut geschriebene Reportage über eine weitere positive Ausnahme auf unserem Planeten. Sie greift voll auf den inneren Schweinehund. Werd mal gleich bei Joachim einen Termin machen und vielleicht etwas Energie abzapfen.

Top Artikel!! Danke. Der Glaube an guten Journalismus kehrt zurück.

Günter Poley

22.05.2010
23:33
Joachim Franz
von ina | #1

so ein mann imponiert mir als frau, leider sind im augenblick andere typen von männern im blickpunkt, trällernde menowins und csd-schwuchteln

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