Jim Brandenburg
02.02.2012 | 16:04 Uhr 2012-02-02T16:04:00+0100Die Kamera vor dem Bauch, damit muss man bei einem der renommiertesten und am meisten mit Preisen ausgezeichneten Tier- und Landschaftsfotografen der Welt wohl sicherlich rechnen. Dass aber gleich das Gutenbergzimmer im Iserlohner Wichelhovenhaus zum Motiv und auch der Autor zum bildnerischen Ziel wird, das überrascht dann eher schon.
Ganz ruhig und mit immer wachen Augen kommt Jim Brandenburg zum Gespräch. Er freue sich auf das Interview, sagt er ohne jedes Pathos. Und wenn er auch, wie wohl alle Fotografen, ungern selber fotografiert wird, nimmt er auch das gelassen hin. Ob er es auch chaotisch gestalten könne, ist da wohl eher eine rhetorische Frage, und probiert dann gleich mehrere Situationen vor der Kamera aus, bis er dann auf die Idee kommt, den Stuhl zu jonglieren. Nebenbei erzählt er noch, dass seine Jahre als Bildredakteur bei einer Zeitung „die besten Jahre meines Lebens waren“.
Und schon sind wir im Gespräch mit dem Mann, der 1945 in Luverne im Südwesten des US-Bundesstaates Minnesota geboren wurde. Eine Prärie-Landschaft, die auch für sein späteres bildnerisches Werk mitprägend war. Eine „perfekte Kindheit“ habe er gehabt. Das sei auch einer der Gründe dafür, dass „ich mache, was ich mache“. Seine Mutter hatte norwegische Wurzeln, Brandenburgs Urgroßvater kam aus Deutschland, genauer gesagt aus Brilon. „Deutsche arbeiten anders, hart, diszipliniert und schlau“, sagt er auch mit Blick auf seinen Vater, einen „klassischen Deutschen“, der diese Tugenden in sich vereint habe. Trotzdem er in seiner Kindheit viele „schräge Sachen“ gemacht habe, sei er aber nie von seinen Eltern kritisiert worden. „Ich habe meinen Vater sicherlich oft enttäuscht, aber er hat mich nie kritisiert“, blickt Brandenburg zurück.
Wichtig für ihn und seine spätere Arbeit sei es auch gewesen, dass „ich in der Natur aufgewachsen bin“. „Die Natur wurde wichtig für mich!“. Eine große Schlange – Bull-Snake – sei einer seiner ersten Kindheitserinnerungen, die er überhaupt habe. Aus Interesse an seiner Umgebung hat er schon als Kind Natur-Bilder gemalt. Dann gab es als Geschenk vom Vater eine kleine Plastik-Kamera, drei Dollar habe die gekostet, und mit der schoss Brandenburg als 15-Jähriger sein erstes Tier-Foto, von einem Fuchs, das auch in der Ausstellung in der Städtischen Galerie zu sehen war. „Das hat mein Leben verändert“, ist sich Brandenburg sicher. Denn er stammt aus einer Familie, in der das Jagen zum täglichen Handwerk gehörte. Und auch er habe als Junge schon gejagt. Doch seit diesem ersten fotografischen Erlebnis jagte Brandenburg Tiere nur noch mit seiner Kamera.
„Mein Vater hat nie verstanden, wie man mit Tier- und Landschaftsfotographie Geld verdienen kann.“ Nachher, als Brandenburg mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurde, sei der Vater aber stolz auf ihn gewesen. „Bis zu seinem Tod hat mein Vater aber nicht verstanden, wie das geht“.
„Ich war das schwarze Schaf in der Familie“, erzählt Brandenburg und blinzelt mit einem Lächeln hinter seiner runden Brille hervor. Er sei der erste in der Familie gewesen, der ein College besucht habe, und auch der erste, der geschieden wurde. Biologie habe er zuerst studiert an der Universität von Minnesota in Duluth. „Ich war aber kein guter Student. Mit Chemie und Mathe hatte ich eine harte Zeit“, blickt der in schwarz gekleidete Mann zurück. Daher habe er dann ein Kunststudium begonnen. Nur wenige Wochen vor Ende des Studium habe er dann aber ein Angebot bekommen, einen Film über die Inuit, die Eskimos, in der Arktis zu machen, was er auch sofort angenommen habe. „An die Uni bin ich nie mehr zurück gegangen. Dafür bekam ich dann aber später die Ehrendoktorwürde verliehen und bin auch stolz darauf.“
Doch erst einmal führte ihn sein Lebensweg zum „Worthington Daily Globe“, einer Zeitung im südlichen Minnesota, wo er als Bildredakteur tätig wurde. Eine „kleine Zeitung, die aber einen hohen Standard hatte, auch in der Fotografie“, erzählt er über diese Zeit. Internationale Preise habe das Blatt gewonnen, erwähnt Brandenburg nicht ohne Stolz. „Ich habe dort enorm viel gelernt“, ist er sich heute sicher.
Doch wie so oft in diesem Gespräch geht es noch einmal zurück in seine Jugend, die Zeit, in der er viel Verrücktes gemacht hat. Lead-Guitar hat der heutige Star-Fotograf in seiner damaligen Band gespielt. Und die war so bekannt, dass sie sogar mit Größen wie den Everly-Brothers und Chuck Berry zusammen auf der Bühne stand. „Wir waren national ziemlich berühmt, hatten Groupies und alles was dazu gehört“, erzählt Brandenburg mit seinem so typischen Schmunzeln. Etwas ernster wird er dann, wenn er sagt, dass er seitdem immer etwas mit Musik zu tun gehabt habe. James Taylor zum Beispiel sei ein guter Freund, wie viele andere Musiker auch noch. Und er war Mitbegründer von „Concerts for the envirement“ – Konzerte für die Umwelt. Diese hätten in den großen Konzert-Sälen der USA stattgefunden wie der Radio-City-Hall in New York. Die ganz großen des Musikgeschäfts hätten sich daran beteiligt, so zum Beispiel Paul Mc Cartney. „Musik und Fotografie sind ähnlich“, sagt er und wird dabei sogar etwas nachdenklich. Die Balance und der Auftritt seien bei beiden enorm wichtig. Und damit sind wir schon beim Thema Fotografie. Was zeichnet einen guten Foto-Bildner aus? „Die Passion ist ganz wichtig, und die innere Disziplin“, sagt er voller Überzeugung. „Glaube an etwas“, sei auch von Bedeutung und natürlich der Blick für den ganz besonderen Moment, der eine alltägliche Szenerie zu etwas Besonderem macht, dies zeichne gute Fotos aus. „Glaube daran, die Geschichte zu erzählen“, sei einer seiner Leitsätze, und natürlich ein ganz großer Respekt vor der Natur. Auch die Frage „Was ist dein Stil?“, sei enorm wichtig. Aber, und daran lässt er keinen Zweifel, Fotografieren sei auch ein hartes Stück Arbeit, auch wenn die digitale Fotografie vieles erleichtert habe. Als „Lehrmeister“ sieht er da die Altmeister der Fotografie wie Stieglitz, Streichen oder Cartier-Bresson, aber auch die Malerei etwa der Impressionisten.
Womit das Thema Europa auf dem Tisch liegt. Er fühle sich „at home“ – zu Hause – wenn er nach Europa komme. Zu den Wurzeln seiner Familie zurück zu kommen, sei für ihn ein ganz besonderes Gefühl. Nebenbei erzählt er noch, dass er schon länger mit dem Gedanken spiele, ganz nach Europa überzusiedeln. Natürlich liege das auch an der politischen Situation in den USA begründet, aber auch an der europäischen Mentalität, die ihm näher am Herzen liege. Ob er es aber tatsächlich machen wird, bleibt eine offene Frage.
Ganz unvermittelt dann: „Je älter ich werde, desto rätselhafter ist es für mich, dass es in meinem Leben immer richtig lief“. Ein Satz, den er im Verlauf der Unterhaltung noch mehrmals wiederholen wird. Er habe das Gefühl, einen Schutzengel auf seiner Schulter zu haben, der auf ihn aufpasse, gesteht Brandenburg ein. Richtig und wichtig sei auch dieser Schritt gewesen: Im Jahr 1999 gründete er zusammen mit seiner Frau Judy „The Brandenburg Prairie Foundation“. Das Ziel dieser Stiftung besteht darin, die ursprüngliche Prärie im Südwesten Minnesotas, der Umgebung seiner Kindheit, zu erhalten und zu erweitern.
Natürlich könnte man an dieser Stelle noch stundenlang über seine 18 Reportagen für National Geographic, für das er seit über 20 Jahren arbeitet, reden, seine Fernsehbeiträge und die 19 Bücher die er publiziert hat. Doch die Zeit ist schon weit fortgeschritten. Eine Episode sei aber dennoch erzählt. Das Bild des braunen Wolfes, halb versteckt hinter einem Baumstamm stehend, habe er selber anfangs gar nicht für gut befunden. Es habe wochenlang in seinem Archiv geschlummert. Eher zufällig habe er es dann Freunden gezeigt, die sofort begeistert waren. Heute ist es eines seiner berühmtesten Bilder und das am meisten verkaufte.
Eines möchte Brandenburg zum Schluss dann aber auf jeden Fall sagen. Es sei eine große Ehre für ihn, hier in Iserlohn zu sein, „nach Hause zu kommen“. Er habe gleichzeitig in Städten wie Tokio und sogar Minneapolis Ausstellungen, dorthin sei er nicht gegangen. Auf Iserlohn habe er sich gefreut.
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