Ingo Naujoks
02.02.2011 | 16:07 Uhr 2011-02-02T16:07:00+0100Es gibt immer mal wieder Situationen, da bedauert der überzeugte Zeitungsmann doch ein wenig, dass er die eine oder andere Gesprächssituation seinen Lesern nicht noch eine Spur plastischer schildern bzw. vielleicht sogar vorführen kann. Zum Beispiel den Moment, als Ingo Naujoks urplötzlich aufspringt, dreimal im Kreis durchs Redaktionsbüro läuft, dann auf die Stuhllehne klettert und sich seitlich hinhockt, um einen neuen der unzähligen kleinen und großen Gedanken an diesen Nachmittag zu entwickeln. Gedanken, die immer wieder zwischen hochamüsant und melancholisch-traurig, zwischen ansteckendem Aufbruch und bremsenden Selbstzweifeln hin und herpendeln. Am Ende wird dann die Erkenntnis stehen, dass man vermutlich nur ganz leicht an der Schale des Ingo Naujoks kratzen konnte, dass man das eine oder andere auf den ersten Blick Verquere aus seinem Leben wahrscheinlich auch verstanden hat, dass man im Grund genommen aber irgendwie auch gar nichts wirklich klar bekommen hat. Am Ende wird aber auch die glasklare Erkenntnis stehen, auf jeden Fall einen der speziellsten und irgendwie auch merkwürdig sympathischsten Typen in der bisherigen Gesprächs-Ins-Licht-Historie kennen gelernt zu haben.
Die Sache mit der Stuhllehne hat sich ja eigentlich bereits im Vorfeld angekündigt. Ingo Naujoks hat erzählt, dass er stets und ständig von einer besonderen Unrast getrieben ist. Was dazu führt, dass er im Grunde genommen nie ist, wo ihn seine Umwelt gerade vermutet. Als er mit seiner jetzigen Lebensgefährtin - noch kurz nach den Kennenlernen - zum ersten Mal zu Dreharbeiten auf einem Segelschiff unterwegs war, habe diese am Abend auch mal ganz gemütlich mit ihm sprechen wollen. Er sei allerdings immer wieder von hinten nach vorne und von oben nach nach unten über das Schiff gerast, habe einfach nicht stillsitzen können. Da habe seine neue Errungenschaft erstmalig, aber wohl auch präzise ihrer Hoffnung Ausdruck verliehen, dass das seine einzige Macke sei, und ergänzt, dass ihr bereits auch diese ziemlich gegen den Strich gehe. An der Tatsache, dass das nun ein paar Jahre her und Naujoks mit der Frau noch immer das Leben teilt, lässt sich vermuten, dass er sich inzwischen in Teilen zu verschärfter Ruhe mahnt, zumindest hin und wieder. Vielleicht aber auch, dass die weibliche Toleranzgrenze sich zwischenzeitlich erhöht hat. Er selbst hat da so seine eigene These: „Es gibt eben doch ein Handvoll Frauen, die so einen wie mich aushält.“
Womit wir eigentlich auch schon bei der Frage wären, wie sich Naujoks eigentlich selber aushält? Eben hat er doch erzählt, dass er schon als Kind anders war als andere Kinder. „Ich hatte immer schon viel mehr Fragen als andere Kinder.“ Und meint damit nicht nur die Frage: „Darf ich das?“. Sondern er meint wohl das ganze Sesam-Programm: „Wer, wie, was, wieso, weshalb, warum?“
Die Frage nach dem Sinn oder Unsinn des Lebens war vermutlich auch schon sehr früh dabei. Und Ingo Naujoks muss immer wieder von der ihn aufrüttelnden Ahnung befallen gewesen sein, dass irgendetwas auf der Welt nicht wirklich rund läuft. Und er auf seine Art wahrscheinlich auch nicht. Darum sagt er wohl zum Beispiel auch, dass er es genießen würde, am Abend als Schauspieler für zweieinhalb Stunden in fremden Charakteren auf der Bühnen zu stehen: „Das sind für mich zweieinhalb Stunden Urlaub von mir. Nur eben ohne Sonne.“
Ohne sich Ingo Naujoks jetzt allzu psychologisch nähern zu wollen, ist vielleicht doch mal ein Blick in die Jugend angesagt. Er kommt als Sohn eines eingefleischten Kruppschen Stahlkochers in Bochum zur Welt. Worauf er heute noch stolz ist. Das hört man, wenn er freudig glucksend erzählt, dass der Bochumer Säugling schließlich bereits zusätzlich zur Muttermilch die Currywurst als Grund-Nahrungsergänzungsmittel bekommt.
Und man hört heraus, dass er noch heute unendlich stolz auf seinen viel zu früh verstorbenen Vater ist. Viel Ingo leicht, weil der seinem Junior eine nach innen völlig unaufgeregte Kindheit gegönnt hat. Richtig Knatsch hat es im Hause Naujoks irgendwie niemals gegeben. Auch wenn es mit der Schule manchmal nicht so rund lief, war das auch kein nachhaltiges Problem für den Vater: „Da wirsse eben Malocher. Wie wir alle. Mach’ Dir da bloß keinen Stress.“ Was nicht hieß, dass dem Vater letztendlich alles egal war. Er selbst – das kann man aus den Erzählungen des Sohnes ahnen – hatte wohl schon klare Vorstellungen von seinem und dem Leben seiner Familie. Nur machte er nicht wirklich viel Aufhebens davon. Was übrigens auch für seine politische Grundhaltung galt. Ingo Naujoks: „Ich habe da eine sehr präzise und umfangreiche politische und gesellschaftliche Grundausbildung zu Hause genossen. Mein Vater hat gesagt: „Wir wählen SPD. Weil wir immer und alle SPD gewählt haben. Fettich!“ So einfach kann Ruhrgebiets-Politik sein.
Der erste Versuch, einen Schulabschluss zu bekommen, endet mit einem Abbruch. Allerdings mit anschließendem Neu - oder Durchstart. Der dann erfolgreich bis zum Abitur verläuft. Und Ingo Naujoks sagt mit überraschendem Feingefühl: „Ich bin heute ungemein dankbar dafür, dass man mir die Möglichkeit des nochmaligen Versuchs gegeben hat.“ Beruflich tappt er lange im Dunkeln. Gedanklich gehen die ersten vorsichtigen Auswahl-Ausflüge in Richtung Polizist, Tierpräparator oder Bankkaufmann. Doch dann habe er sich mal über diese Berufe informiert und plötzlich genau gewusst, was er auf gar keinen Fall werden wollte: „Nämlich Polizist, Tierpräparator oder Bankkaufmann!“.
Zeitgleich muss sich dann die wie auch immer geartete darstellerische Ader entwickelt haben. Naujoks sucht und findet Gleichgesinnte, hängt sich eine Gitarre um und entert eine Bühne. „Ich konnte nicht Gitarre spielen, wir konnten nicht singen und hatten eigentlich auch gar keine Lieder.“ Aber sie hätten eben da oben gestanden und hätten was gemacht. Was dann auch - „warum auch immer?“- noch angekommen sei beim Publikum. Jetzt sitzt der große Junge mit der Frisur, die andere Menschen nach tagelangem Kopfkissenzerwühlen nicht so chaotisch hinkriegen, für einen Moment da, als verstehe er das alles von damals auch immer noch nicht so recht. Und doch merkt man auch, dass er es irgendwie auch normal findet. Damals wie heute. Darum war es eigentlich auch am Ende keine Überraschung, dass die ersten Theaterprojekte damals auch ankamen. „Wir waren ja eigentlich immer die gleichen Leute und machten unser Ding.“
In einem anderen Gespräch hat er es so gesagt: „Es bot mir schon die Gelegenheit, Performance und Darstellung zu üben. Es war aber eine Zeit, in der man ohne etwas können zu müssen, es trotzdem tun durfte. Hauptsache man war authentisch! Ohne die ganzen Fakultäten besucht zu haben, nahm man sich die Freiheit mit seinen Sinnen und den Gott gegebenen Fähigkeiten künstlerisch tätig zu sein. Es herrschte viel Toleranz und Akzeptanz.“ Dass man die bei Ingo Naujoks zu dem Zeitpunkt wahrlich auch besser an den Tag legte, will man ja gern glauben.
Er habe eben immer die große Sorge gehabt, etwas im Leben zu verpassen, sagt er und darum auch alles im „Vollgas betrieben“.
Doch das blanke „Wollen“ bekommt auch hin und wieder Dämpfer. Zum Beispiel beim Vorsprechen im Schauspielhaus. Da habe er ganz was Verschärftes extra vorbereitet und die hätten am Ende nur gelacht und gesagt, ihm fehle es wohl an der Ernsthaftigkeit - und er solle sich trollen. Also hat er eben seine eigene Theatergruppe aufgemacht und irgendwann hat irgendjemand angerufen und ihm irgendetwas angeboten. Ingo Naujoks verschärft jetzt für einen Moment das Gesprächstempo, wird ziemlich unruhig und noch hibbeliger, denn er „muss mal“, verspricht aber seine baldige Rückkehr. Trifft natürlich auf der Toilette das einzige Redaktionsmitglied, das ebenfalls aus Bochum ist und …
Kommen wir als Wiedereinstieg doch einmal kurz auf den Ausstieg beim „Tatort“. „Die ganze Tatort-Kiste damals“ sei natürlich nicht schlecht gewesen, sagt Naujoks insbesondere mit Blick auf den Kontostand der Familie. Mag ja sein, dass der Mann in vielen Punkten seines Lebens ein gewaltiger Träumer ist, in der Frage des Geldes scheint er dann doch eher ein „Spießer“ zu sein, dem es an ein bisschen Sicherheit doch sehr gelegen ist. Und dass - bei der seelischen Vorgeschichte des Vielfragers - das Aufziehen von grauen Wolken am Existenzhimmel nicht gerade zur Gemütsaufheiterung beiträgt, scheint sich im Fall von Ingo Naujoks von selbst zu verstehen. Aber da er auch der wohl festen Überzeugung ist, dass es im Leben auch irgendwie immer weitergeht, hat er eben den Tatort-Verantwortlichen mitgeteilt, dass er an der immer wieder weiter eingekochten Rolle des Babysitters für die dramaturgisch übermächtige Frau Furtwängler keinen Spaß mehr habe. „Ich durfte ja noch nicht einmal mehr fragen, an welchem Fall sie gerade arbeitet.“
Allerdings kann er sich auch vorstellen, dass „Frau Furtwängler“ seinen freiwilligen Abgang auch gar nicht so schlimm empfunden hat. „Wir beide kommen ja schließlich aus zwei völlig unterschiedlichen gesellschaftlichen Galaxien.“ Außerdem habe sie immer gesagt, ihr idealer Partner sei so eine Art Bruce Willis. Allerdings mit deutlich mehr Haaren. „Bis auf die Haare haute das bei mir ja auch nicht wirklich so hin.“
Reden wir über den inzwischen mehrfachen FamilienPatchwork-Vater Naujoks. Das sei für ihn ein ganz spannender Lernprozess gewesen, sagt er. Anfangs habe er sich unter Vatersein nicht wirklich was vorstellen können. „Ich dachte, du passt immer schön auf, dass deinem Kind nix passiert, und dann ist es gut.“ Und so sei das mit der Tochter aus einer ersten Partnerschaft auch losgegangen. Heute sei das anders. Das „inzwischen schwer pubertierende Töchterchen“ lebt mit der Mutter nach Kurz-Gastspiel in Berlin wieder in Bochum. „Und meine Luna ruft mich alle zwei Tage an und sagt, was so läuft. Und das Schärfste: das macht sie, ohne dass ich ihr das gesagt habe. Ganz aus freien Stücken. Das macht mich stolz.“ Sagt er und guckt auch einen Moment so.
Überhaupt scheint in vielen Bereichen der Vater-Bann inzwischen gebrochen. Naujoks erzählt von seinem in seiner Sicht überaus wohl geratenen Jüngsten. Auf Lou-Lennon sei er „riesig stolz. Mein lieber Mann, der ist unheimlich gut geschüttelt!“ Da war er übrigens auch zum ersten Mal bei der Geburt dabei. „In so einem unheimlich modernen Krankenhaus. Mit total, neumodernen runden Betten. Da weißt Du gar nicht, wo oben und unten ist bzw. vorne und hinten ist.“ Der Arzt habe immer gerufen: „Pressen! Pressen!“ Und plötzlich sei das Kind nur so dahergeflutscht. Naujoks hat die Erzählebene längst verlassen, stöhnt und zischt mit ächzender Flutsch-Stimme, so wie da eben „der Junge, zack, dahergeflutscht ist“ und schmeißt sich wie Olli Kahn in seinen besten Tagen zur Seite, um zu demonstrieren wie der Arzt gerade noch seinen Lou-Lennon im letzten Moment mit einer Hand auffangen konnte. Ingo Naujoks hat aus diesem nachhaltigen Ereignis übrigens sofort Konsequenzen gezogen: „In meine Bude kommen auf keinen Fall mehr runde Betten.“
Draußen wird es langsam dunkel und man merkt, dass die Toleranz-Uhr für dieses Gespräch langsam abgelaufen ist. Zumal Ingo Naujoks auch noch in die Sauna will. Er schwärmt noch ein bisschen von seinen Theater-Kollegen Michaela May und Günther Maria Halmer. Lässt ahnen, dass er ihre eher ungewohnte Nähe für den Tournee-Moment toleriert. Vielleicht sogar auf seine Art genießt. Obwohl er ja eigentlich eher ein Einzelgänger ist. Mit wenigen Freunden. „Mein einziger wirklicher Freund ist wohl mein Bruder“, sagt er nach einigem Nachdenken. „Wenn ich heute in Iserlohn jemanden überfahren würde, würde ich ihn vermutlich zuerst anrufen.“ Auf jeden Fall ist er mächtig stolz auf seinen Bruder, der offensichtlich so ganz anders ist als er.
Stolz à la Ingo hört man aber auch raus, wenn er von der ebenso kleinen wie erfolgreichen Boutique seiner Lebensgefährtin in Berlin erzählt. „Mama lebt übrigens auch noch“, schiebt er hinterher, wo wir gerade noch mal auf die Familie kommen. Alle drei Wochen spricht er mit ihr am Telefon. Wenn sie sich freut, ist alles gut. Wenn sie sagt, dass sie sich Sorgen macht, sagt er: „Mama, ich rufe später noch mal an!“
Uns was soll die Welt mal von Ingo Naujoks sagen? „Au, Mann, eigentlich finde ich diese Frage ja schon lange total klasse“, sagt er und bricht dann aber doch in sich zusammen: „Mist, und dann habe ich mir keine richtigen Gedanken über eine gute Antwort gemacht.“ Nach einer kurzen weiteren Sitzpirouette kommt dann doch die Antwort: „Er hat sich immer bemüht …!“ Und das sagt er wahrscheinlich nur, weil er im Moment nicht wirklich sagen wollte: „Er war immer auf der Suche!“
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