Das aktuelle Wetter NRW 10°C
Porträt

Ingo Gnoyke

11.01.2010 | 11:27 Uhr

Die nachfolgenden Zeilen sind eigentlich eher ein Zufallsprodukt. Da berichtet der Iserlohner Geschäftsführer der Industrie und Handelskammer vor Weihnachten, dass er zum Neujahrsempfang den deutschen Militärattaché aus Sarajewo, Ingo Gnoyke, als Redner erwarte.

Ingo Gnoyke, Foto: IKZ

Was natürlich die vielleicht nicht wirklich überraschende Frage „Warum?” zur Folge hatte. Aber die Antwort war dann fast noch eine Spur überraschender: „Weil er doch aus Iserlohn ist!” Das ist natürlich in der Tat ein Top-Grund und auch Grund genug für unser Treffen im Wichelhovenhaus.

Es erscheint zum verabredeten Termin ein Ingo Gnoyke, dessen drahtige Sportlergestalt, der knackige Händedruck und die klare Sprache schnell klar machen, dass hier ein 51-jähriger Power-Mann aufgeschlagen ist. Einer, der gern herausfordert, der aber auch die eigene Herausforderung liebt.

Den Lebenslauf in Daten-Form kann man vielleicht eher im Schnellverfahren abhandeln. Geboren wird Ingo Gnoyke im Dezember 1958 „eigentlich nicht wirklich in Iserlohn”. Sondern in Letmathe. Allerdings kann er sich an die genaue Flurbezeichnung nicht mehr erinnern. Mit vier Jahren geht es Richtung Stübbecken und von dort nach Lendringsen.

Womit wir schon einmal kurz beim Sport sind, weil der Junge beim TuS Lendringsen seine erste richtige sportliche Heimat findet. Man sei dort zu dem Ergebnis gekommen, dass er ziemlich schnell und ausdauernd habe laufen können. „Was mir selbst eigentlich damals gar nicht aufgefallen ist”, sagt er und ergänzt: „Ich bin eigentlich einfach immer nur losgerannt, wenn der Startschuss kam.” Aber was ihn damals schon beeindruckt habe, sei die Tatsache gewesen, dass er rührige Trainer und Förderer gehabt habe. „Die haben sich richtig um uns gekümmert.” Dieses Bild der Sorge und Verantwortung um junge Menschen wird er später noch mehrfach zur Sprache bringen, wenn er über seine soldatischen Leitgedanken und Ideale spricht.

Erst einmal zurück zum Lebensweg: Das Abitur legt Ingo Gnoyke auf dem Mendener Walram-Gymnasium ab. Seine Berufswunsch: Lehrer. Doch dann kommt es wohl zu einem Schlüsselerlebnis. Ein junger Bekannter von ihm ist Unteroffizier bei den Fallschirmjägern in Iserlohn. Und der lädt den jungen Lendringser zu einem „Tag der offene Tür” in die Winkelmann-Kaserne ein. Ingo Gnoyke bekommt mächtig was geboten: „Männer, die aus Hubschraubern springen, ein brennendes Gebäude, das umkämpft wird - die Fallschirmjäger konnten schon immer eine tolle Show damals abziehen.” Diese „Show” hat auch ihn fasziniert und als er dann noch angeboten bekam, im Rahmen eines Bundeswehr-Studiums Pädagogik zu belegen und die Bundeswehr sich auch noch mit einer Offiziersausbildungs-Zusage vor allen anderen angefragte potentiellen Arbeitgebern meldete, war die Karriere des jungen Mannes vom Grundsatz her in den militärischen Stiel gestoßen.

1983 - nach dem Studium in München - kommt er wieder in die Waldstadt. Übernimmt Führungsaufgaben bei den Fallschirmjägern. Er erlebt auch die Zeit des „Glockenspiels für Potsdam”, initiiert von seinem damalige Kommandeur Max Klaar. „Als junger Soldat habe ich damals eigentlich eine andere Meinung gehabt als der Herr Klaar”, sagt er heute. „Ich habe eigentlich nicht wirklich an eine noch machbare Einheit der deutschen Nation geglaubt. Aber dieser Max Klaar hat aus tiefster Überzeugung daran festgehalten.” Jahre später habe er ihn mal bei eine Gedenkfeier in Berlin wieder getroffen und gefragt: „Hast Du da eigentlich wirklich dran geglaubt?” und Klaar habe nur gesagt: „Natürlich!”

Nach Iserlohn kommt die Station Luftlandeschule Altenstadt, wo Gnoyke verantwortlicher Lehrgangsleiter für die Offiziersausbildung wird. Bei der Luftlandebrigade 52 in Calw begleitet er danach den Ausbau des Kommandos der Spezialkräfte. „Die politische wie militärische Führung der Republik hatte inzwischen festgestellt, dass man sich bei allen militärischen Fragestellungen außerhalb der Bundesrepublik immer nur auf ausländische Expertisen verlassen musste. Wir hatten noch nicht einmal eigene internationale Evakuierungspläne für unsere Bürger.”

Über das Saarland geht es wieder nach Bayern. Hier können wir eigentlich einen Moment innehalten und nach dem Leben in der umtriebigen Soldaten-Familie fragen. Seit 31 Jahren ist Gnoyke mit seiner Herzens-Dame aus Unna-Bönen verheiratet. Ein Sohn (29) und drei Töchter (26), (22) und (21) sind in dieser Verbindung entstanden. Und umgezogen ist die Gnoykesche Mini-Truppe fünf Mal. „Was allerdings für einen klassischen Soldaten nicht wirklich viel ist,” sagt er und verweist auf den Umstand, dass er lieber mal länger an einem Ort geblieben und beruflich gependelt sei, als die Familie immer wieder samt Möbeln umzusetzen.

Da sind wir dann auch gleich bei der Begriffdefinition von „Heimat” bei einem Reisenden in Sachen Vaterlandsverteidigung, Das sei jetzt verdammt schwer zu beantworten, sagt der gebürtige Westfale.

So richtige Wurzeln in dieser Region hätten sie ja eigentlich nicht mehr, auch wenn die Schwiegermutter noch in Lendringsen wohne und seine Eltern heute in Meinerzhagen ein Zuhause gefunden hätten. Heimat sei doch vielleicht eher da, wo es gelänge, Teil eines sozialen Netzwerkes zu werden. „Wo man sich einfach gut aufgenommen und integriert fühlt.” Und dann erzählt er von dem Kulturschock, den sein Junge über sich ergehen lassen musste, als es nach Bayern ging. Da kam der Neunjährige in eine Dorfklasse. „Stellen Sie sich das vor. Aus einer Klasse, die von einer lebensnahen jungen Lehrerin geleitet wurde, zu einem bayerischen Ur-Lehrer, der bereits jenseits der Pensionsgrenze war. Am Religionsunterricht durfte er als einziger evangelischer Schüler der Klasse nicht teilnehmen. Und den Trainer auf dem Fußballplatz hat er auch nicht verstanden, wenn der mit seinen Schützlingen grantelte. Aber er hat sich durchgebisssen.” Ganz der Papa offenbar. Man kann es zwar nur ahnen, aber es scheint doch so zu sein: Bei allem Verständnis für die Probleme des Sprösslings wird Ingo Gnoyke ihm gesagt haben, dass er da irgendwie durch muss. Weil das auch seine eigene Einstellung ist.

Eher durch Zufall kommen wir auf seinen eigenen Vater zu sprechen, einen Werkzeugschlosser. Den verschlug es beruflich für einige Jahre in den Iran, und sein Sohn begleitete ihn für einen kürzeren Abschnitt dieser Zeit. Er spricht es nicht direkt aus, aber man merkt deutlich, dass er diese Zeit in der Fremde, dieses konfrontiert werden mit dem Unbekannten, eben diese besondere Form der Herausforderung genossen hat. Jahre später, als es um die Entscheidung geht, in welchem Land Gnoyke, der inzwischen in den militärdiplomatische Dienst aufgestiegen ist, antreten soll, steht auch der Iran auf der Angebotsliste. „Und ich war eigentlich auch fixiert auf dem Mittleren oder Nahen Osten.” Aber es ist dann am Ende doch anders gekommen.

Ein paar Berufs- und Lebensstationen müssen noch nachgereicht werden. Gnoyke bekommt 2001 in Berlin das Kommando über das Infanteriebataillon „Berlin”, wird 2003 in die Militärpolitik berufen, direkt dem Kanzleramt unterstellt und seit 2007 für seinen ersten Auslandseinsatz als Verteidigungsattaché in Bosnien vorbereitet. Dienstbeginn in Sarajewo war übrigens am 1. Oktober 2009. Noch kurz zur Erklärung der langen Vorbereitungszeit: Im Gegensatz zu den Botschaftern erwartet man von den Attachés, dass sie sich fließend in der Landessprache unterhalten können. Weil man eben auch mit Mitarbeitern, einheimischen Soldaten und Teilen der Bevölkerung in Kontakt kommt, die der klassischen Fremdsprachen wie Englisch, Französisch oder Spanisch nicht mächtig sind. Das sei für ihn bei Bosnisch auch schon eine ziemlich harte Nuss gewesen, gibt Ingo Gnoyke zu Protokoll: „Mal abgesehen davon, dass die ein paar Buchstaben mehr haben als wir, gibt es auch Wörter völlig ohne Vokale. Da hat man noch nicht einmal eine leise Ahnung, wie man das aussprechen soll.”

Die Frage nach den Aufgaben eines Verteidigungsattachés ist eigentlich ebenso leicht wie zwangsweise unvollständig zu beantworten. Er berät und informiert den Botschafter in allen sicherheitspolitischen und militärischen Bereichen in dem jeweiligen Gastland. Dazu schließt er sich - zum Beispiel in Bosnien - mit den anderen 24 akkreditierten internationalen Attachés und den diversen Niederlassungen von NATO, Polizei und, und, und… kurz. Und eben auch mit den Vertretern des bosnischen Militärs, die „uns mit einer großen Offenheit begegnen.” Oberstleutnant Gnoyke erklärt, dass die deutsche Bundeswehr in Bosnien eine große Wertschätzung und Respekt erfährt.

Verlassen wir aber erst einmal die Situation in Bosnien. Die kennt Ingo Gnoyke ja selbst erst aus eigener Anschauung seit drei Monaten. Er schwärmt allerdings fast schon so davon, als habe er Jahre dort verbracht. Was in seinen Fall für einen gewissen Wohlfühlfaktor spricht.

Auf jeden Fall ist es eine neue Herausforderung. So wie es wahrscheinlich auch eine Herausforderung war, als er mit Freunden wie Burkhard Gehrmann und Uwe Fitzek 1986 das erste Iserlohner Triathlon-Team gründete. Oder wie sie die 1. deutschen Seniorenmeisterschaften nach Iserlohn holten. Womit wir auch wieder beim Thema wären. Triathlon hat ja schließlich auch was zu tun mit dem Ausloten von Grenzen. „Ich kann auch im soldatischen Leben nur an die Grenzen von Menschen gehen, wenn ich meine eigenen kenne”, sagt Oberstleutnant Ingo Gnoyke, und er spricht wieder von der Verantwortung für die vielen Soldatinnen und Soldaten, die den Vorgesetzten anvertraut sind und die sich nicht einfach nur als Personalnummern präsentieren, sondern eben auch als Menschen mit Ecken und Kanten, mit Schicksalen und Problemen. „Das war mir in der rein militärischen Zeit immer ein Anliegen, da helfen und wirklich führen zu können.” Jetzt fällt auch der Name von Bernd Krehle („mein damaliger Spieß”), der mit Sicherheit auch in Iserlohn Fallschirmjäger-Geschichte geschrieben hat und „mit dem mich bis heute ein ganz besonderes Verhältnis verbindet.”

Die Gesprächsuhr läuft unerbittlich ab und die Liste der Themen, die gerade in diesen Tagen mit einem Ingo Gnoyke besprochen werden müssten und könnten, ist noch riesig. Spricht der Militär-Politiker Gnoyke auch von „Krieg” in Afghanistan? „Die völkerrechtliche Definition von Krieg verstehen wahrscheinlich noch nicht einmal die Völkerrechtler und Juristen in Berlin so richtig. Für die Soldaten vor Ort ist die Sachlage klar: Sie arbeiten und leben unter Bedingungen und in Situationen, die sie in der Heimat als Kriegszustand geübt haben. Also ist es aus ihrer Wahrnehmung heraus auch Krieg.”

Hat die Tatsache, dass er aus dem rein soldatischen Leben ins semi-diplomatische Fach gewechselt hat, seine Sichtweise auf beide Betätigungsfelder beeinflusst: „Ich glaube es. Durch mehr Hintergrundwissen der einzelnen Positionen kann man auch mehr Verständnis für die eine wie für die andere Seite aufbringen.”

Wir reden natürlich auch über Kundus, über den inzwischen in allen Lagern umstrittenen Angriffsbefehl. Und auch in diesem Moment obsiegt der Diplomat: „Ich kann mich einfach noch nicht auf die eine oder andere Seite schlagen. So lange mir die Gründe für die Entscheidung des Kameraden vor Ort nicht wirklich transparent sind, kann ich nicht urteilen.” Allerdings hält Ingo Gnoyke unser demokratisches System für so stabil, dass - im Fall einer möglichen Fehlentscheidung - zum jetzigen Zeitpunkt und für die Zukunft zumindest eine Aufklärung und Aufarbeitung möglich ist.

Was seine Zukunft ihm bieten wird, steht nur für die kommenden drei Jahre fest: Militärattaché in Sarajewo. Was dann geschieht, entscheiden seine Verwendungspläne. Und die entscheiden dann auch über seine temporären Lebensmittelpunkte. Aber bei aller „Vaga-Bundeswehr-diererei” - eine Frage wird Ingo Gnoyke dabei für sich und seine Frau garantiert nicht aus den Augen verlieren: „Wo möchten wir gemeinsam alt werden?”

Beleuchtet von Thomas Reunert (Text) und Josef Wronski (Foto)

Facebook
 
Kommentare
Trackbacks

Die Trackback URL zu diesem Artikel ist: http://www.derwesten.de/services/trackbacks/article/2370228/create

Aktuelle Fotos und Videos
Historisches Essen
Bildgalerie
Fotos
Essen aus der Luft
Bildgalerie
Fotostrecke
Essen - Luftbilder vom Juni
Bildgalerie
Fotostrecke
60 Jahre Lichtburg
Bildgalerie
Fotos
Aus dem Ressort
Nicola Haardt
Porträt
Eigentlich hatten wir ja fest damit gerechnet, dass sie mit ihrem Fahrrad kommt. Schließlich ist der Weg von Bochum nach Iserlohn nur ein Katzensprung verglichen mit der Strecke, die Nicola Haardt bei der längsten Tour ihres Lebens zurückgelegt hatte. Doch diesmal kam sie mit der Bahn, um im aus...
Foto 1 Kommentare 1
Jean Pütz
Porträt
Das hat schon was. Gerade ist Jean Pütz am Danzweg vorgefahren. Natürlich in einem kleinen Smart. Wobei man das mit dem „natürlich“ hinterfragen könnte, aber irgendwie auch nicht. Dass dieser Mann nicht in einem üppigen Allerwelts-Vehikel daherkommen würde, ist klar. Also kommt er eben in dieser...
Foto