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Porträt

Heinrich Schafmeister

18.02.2011 | 10:51 Uhr

Was macht wohl ein Schauspieler, wenn er Freizeit hat oder/und entspannen will? Er schläft, denkt nach, lernt Text oder murmelt sich was probehalber in den Bart. Denkt man. Und was macht der Heinrich Schafmeister in so einem Fall? Er schnappt sich ein kleines, eher unauffälliges Büchlein, das selbst in seinem Reisegepäck nicht fehlen darf, und löst völlig versunken und fern der Umwelt winzige oder auch größere Rechenaufgaben. Ist das also schon der Beweis dafür, dass die Erfolgreichen unter uns automatisch auch die sind, die zumindest in einigen Punkten etwas anders sind als die Normalen?

Heinrich Schafmeister

„Das mit den Rechenaufgaben kann ich Ihnen aber auch sofort erklären“, sagt Heinrich Schafmeister und schlägt eine kleine, erste Brücke zum Vater. Der hat nämlich als höchster Richter dieses Landes in der Sozialgerichtsbarkeit unanfechtbares Recht gesprochen. „Ja, was soll denn dann anderes dabei herauskommen, wenn der mit einem ein Diktat übt und als Textvorlage immer und immer wieder die deutschen Sozialversicherungssätze genommen hat.“ Ob Heinrich Schafmeister das jetzt im Nachhinein eher nervig-komisch oder doch eher zielführend-aufbauend beurteilt, bleibt in diesem frühen Gesprächsstadium allerdings noch unklar.

Aber es bietet sich vielleicht bereits hier ein thematischer Anknüpfungspunkt an einen ganz anderen Aspekt der Schafmeisterschen „Schein-und-Sein“-Welt. Der Mann sitzt nämlich im Vorstand des Verbandes der Film- und Fernsehschauspieler und kümmert sich dort um die Finanzen bzw. u.a. auch um Tarif-Fragen sowie Problemstellungen rund um Alters- und Arbeitslosen-Absicherung. Warum macht er das? „Weil ich das ganze Drumherum bei diesem Vater und dessen beruflichen Leidenschaften wenigstens halbwegs verstehe. Wer, wenn nicht ich?“ Zum Aufwärmen scheint das Thema an diesem Morgen da ja gerade richtig. Schafmeister spricht ganz leise, ganz gleichmäßig, ganz unaufgeregt, mit so einem leichten Bürokraten-Glanz in den Augen. Manni lässt eben grüßen. Er spricht von den tragischen Gefühlen des Kollegen XY, der heute auf dem Flur des Arbeitsamtes oder der ARGE sitzen muss, obwohl ihn die anderen Anwesenden auf dem Flur gestern Abend noch im Fernseher gesehen haben. Arm in Arm mit einer vor Erregung glucksenden Granaten-Frau, der er gerade 100-Euro-Noten in den Ausschnitt steckt und sitzend in einem Ferrari gesehen haben. Und er spricht von dem aus seiner Sicht doch eher zu beklagenden Umstand, dass ein schlichter Filmhund, dessen dramaturgisch eher banale Rolle es ist, von einer alten Dame über den Gehsteig einmal durchs Bild geführt zu werden, am Ende dieses Tages mehr verdient hat, als manch ein studierter Schauspieler in einer richtig tragenden Neben- Rolle. „Und ich rede da jetzt nicht einmal vom Kommissar Rex. Der Hund bekommt ohnehin mehr als die meisten berühmten deutschen Schauspieler.“ Und er spricht immer wieder von „aktuellen Existenzängsten, die in der Branche umgehen wie noch nie.“ Von Kolleginnen und Kollegen, die jetzt Schlagzeilen machen, weil sie pleite sind und von Almosen leben müssen. „Die haben nicht immer alles einfach nur verjubelt, es hat am Ende einfach gar nicht erst für eine sinnvolle Altersfürsorge gereicht.“ An anderer Stelle hat er in Gesprächen auch noch Zahlen nachgeschoben. Danach gebe es in Deutschland rund 10 000 Schauspielerinnen und Schauspieler. Doch noch nicht einmal die Hälfte könne von diesem Beruf am Ende auch auskömmlich leben.

Keine Frage, das allein wäre jetzt schon Thema genug für ein stundenlanges Gespräch. Heinrich Schafmeister ist zweifelsohne ein ausgewiesener Meister darin, sich in den unübersichtlichen Traumfabriken der Bühnen-, Film- und Fernsehrwelt als Hausmeister mit Bodenhaftung bzw. Buchhalterqualitäten zu betätigen.

Womit wir vielleicht auch beim ersten Themenwechsel wären. Schafmeister kann – wenn er will –so furztrockene Typen spielen, dass es schon wieder flippig wirkt. Vielleicht versteht man das, wenn man erfährt, dass es der in seinem Genre wohl überaus auffällige Piet Klocke war, „der mich zum Schauspieler gemacht hat.“ Er habe mit Klocke dereinst in einem „Kamikaze Orkester“ gespielt. „Er an der Gitarre und ich an den Tasten.“ Und irgendwann habe Piet Klocke gesagt, er, Schafmeister, solle mal hinter seinen Tasten hervorkommen und den Leuten was vorspielen, sie zum Lachen bringen. „Er sagte: Hier, kletter’ mal aus dem alten Fernseher und mach mal einen lustigen Wetterbericht.“ Und er, Schafmeister, habe gedacht, dass sei ganz leicht, Menschen zum Lachen zu bringen und erst später gemerkt, das er davon im Grunde genommen gar keine Ahnung hatte. Aber er habe den Leuten was vorgespielt und sie hätten gelacht. Jetzt schaut Heinrich Schafmeister für einen Moment gedankenverloren aus dem Fenster ins nieselnde Iserlohn und schüttelt ganz leicht mit dem Kopf. So, als könne er das mit dem Wetterbericht im alten Fernseher irgendwie heute noch nicht fassen. „Heute würde ich mich das nicht mehr so einfach trauen.“

Die Frage muss ja jetzt kommen: „Und was hat Ihr Vater dazu gesagt?“ Es folgt eine Geschichte, die sich ziemlich einfach und mit Leichtigkeit erzählt anhört, die aber so starke Spuren von Stolz, Vaterliebe, Ehrfurcht, Respekt und Toleranz zum Inhalt hat. In dem Moment nämlich, als der Vater erfahren habe, dass der Sohn sich entschlossen hatte, die Schauspielerei an der ehrwürdigen Folkwangschule zu studieren, habe es ihm vor Stolz den Brustkorb schwellen lassen. „Er war einfach selig!“ Schon vorher hatte er sich im Grunde genommen allerdings schon gar nicht mal so abgeneigt gezeigt. „Natürlich war er nicht begeistert, wenn wir da beim Kamikaze Orkester auch schon mal mehr oder weniger nackt über die Bühne fegten. Das hat er vermutlich für Unfug gehalten. Aber eigentlich hat er immer wieder nur gefragt: ‚Sag mal, kann man das denn nicht auch richtig studieren?’ Und als er dann merkte, dass es mir wirklich ernst war, da hat er gesagt: ‚Ich mache mir da gar keine Sorgen. Wenn Du etwas wirklich gut machst, dann kannst Du auch Erfolg haben damit!’“

Heinrich Schafmeister leistet sich aus eigenem Antrieb an dieser Stelle schon mal einen kleinen bilanzierenden Zwischen-Schlenker: „Eigentlich ist ja in meinem Leben, gemessen an dem Erträumten, schon jetzt alles übertroffen worden.“ Na, dann . . .

Zurück zum Erzeuger. Der Vater also als Rückgratverstärker? Wir gehen gemeinsam noch einen Schritt weiter zurück in der Schafmeister-Geschichte. In seinem Lebenslauf ist zu lesen, er habe ein Internat auf Grund „katholischer Probleme“ verlassen. Was muss man sich darunter vorstellen? Schafmeister stellt sofort klar: „Wenn Sie jetzt sexuelle Belästigung oder körperliche Misshandlungen meinen, liegen Sie daneben. Das sage ich in aller Klarheit!“ Nein, er versucht ein katholisches System zu beschreiben, mit dem er am Ende überhaupt nicht klar gekommen ist. „Eigentlich fing das alles damit an, dass ich freiwillig in dieses Internat gegangen bin. Ich Idiot. Und das habe ich denen auch immer wieder gesagt, wenn ich etwas tun sollte, was ich nicht tun wollte. Ich habe gesagt, ich sei schließlich freiwillig hier. Aber das haben sie so nicht akzeptiert.“ Als der Vater von dem geplanten Rauswurf hört, kommt er umgehend nach Coesfeld, dem Schauplatz des pädagogischen Geschehens, um sich nach den Gründen zu erkundigen. „Sie wussten aber nicht so richtig, wie sie ihm das erklären sollten und da haben sie gesagt: ‚Der Junge lässt sich nicht brechen!’“ Aber da sei Vater Schafmeister zu ganz großer Form aufgelaufen und habe den geistlichen Herren mitgeteilt, dass sein Sohn vielleicht durchaus erzogen werden müsse, dass er auch im Einzelfall tatsächlich spuren müsse, dass aber in seiner Familie in der Erziehung noch nie jemand gebrochen worden sei und das auch in Zukunft so bliebe. Gediegenerweise galt der Rauswurf am Ende übrigens auch nur für das eigentliche Internat. „Die Katholische Schule musste mich wieder aufnehmen. Die war auch wirklich gut. Ich weiß heute allerdings gar nicht, ob die damals eigentlich gewusst oder geahnt haben, dass mein Vater die Herrschaften in Grund und Boden geklagt und prozessiert hätte.“

Nun also wieder zum Beruf. „Eigentlich hat sich alles ja nur so zufällig ergeben. Ich wollte doch in Wirklichkeit ja auch gar kein Schauspieler werden. Ich fand das sogar richtig entwürdigend.“ Heinrich Schafmeister erzählt von den ersten Schüleraufführungen, die er einfach nur als peinlich erlebt hatte. Er erzählt von einer späteren Situation, als ein Schauspieler bei Unruhe im Zuschauerraum an die Bühnenkante tritt und um Ruhe bittet. „Er hat gesagt, dass sie sonst aufhören würden. Und ich habe gedacht, wie erniedrigend ist das denn?“ Schließlich gäbe es ja auch heute noch sogar Schauspieler, die sich aus Angst vor dem Regisseur sogar in die Hose machten. Und das nicht nur bildlich.

Und heute? „Heute? Heute ist es für mich der schönste Beruf der Welt!“ Für den man was braucht, um erfolgreich zu sein? „Ich sage immer: Begabung, Schweiß und Fortune! Wobei die jeweiligen Anteile natürlich auch mal wechseln können.“

Hat denn dieser Heinrich Schafmeister, der den Eindruck macht, sich über jeden Zufall zu freuen, aber auch gern den Zufällen auf die Sprünge helfen möchte, noch niemals ans Aufhören gedacht. „Doch! Das war 2004 und ich hatte einen akuten Bandscheibenvorfall mit Mörder-Schmerzen. Ich saß in einem Kölner Café und war komplett am Boden. Moralisch und vor allem körperlich.“ Und da habe ihm zum Trocknen der Tränen der liebe Gott einen Engel geschickt. „Denn in diesem Moment betrat der Karnevalist Hans Süper (Colonia Duett), den ich über alle Maßen verehre, das Café und lächelte mich an. Da habe ich gedacht, dass das ein himmlisches Signal sei und ich mich mal besser zusammenreißen sollte. Ich habe ihn übrigens Jahre später noch einmal getroffen. Der kannte mich damals gar nicht und hat unser schicksalhaftes Zusammentreffen auch gar nicht bemerkt.“

Es mag ja an den Sozial-Richter-Genen liegen oder an einer besonderen Form von menschlichen Einsichtsfähigkeit: Mit dem Erfolg scheint bei Heinrich Schafmeister auch eine besondere Form der Demut Einzug gehalten zu haben. Bis heute kann er noch nicht richtig verstehen, wie das eigentlich am Ende wirklich kommen konnte, dass er im Rahmen einer Filmpremiere auf der gleichen Bühne einer großen deutschen Halle bejubelt wurde, auf der er viele Jahre zuvor einen Joe Cocker selbst angehimmelt und beklatscht hat. „Ich habe da gestanden mit meinem Sektglas in der Hand und habe gedacht: was soll jetzt noch kommen?.“

Kleine Unterbrechung in der Geschichte: Nicht unstolz erzählt Schafmeister, wie er sich in der Jugend mit Freunden über einen Blitzableiter, der irgendwie im Dach der Halle an einem offenen Fenster endete, kostengünstigen Zutritt zur Halle und somit zu Joe Cocker verschafft hatte. Und dieser Weg habe übrigens auch bei anderen Größen des jungen Showgeschäftes bestens funktioniert.

Doch zurück zum Sektglas und zur plötzlichen Sinnfrage. Das sei die Zeit gewesen, als er sogar mit einer Wohnung in New York geliebäugelt hätte, um seinen damaligen Glückszustand noch ein wenig zu toppen. Seine Frau habe allerdings so gar kein Verständnis für seine Pläne gehabt, und er wiederum so gar kein Verständnis für seine Frau. Er habe sie angeschrien, ob sie denn überhaupt keine Träume habe. Und sie habe einfach nur gesagt: „Doch! Dass wir zusammenkleben in einer Höhle. Mit einem Bär als Chauffeur.“ Diese kurze, aber knackige Antwort habe ihn in dem Moment sofort wieder von der Gedankenpalme heruntergeholt und somit sei auf diesem Wege auch seine erste und einzige Midlife-Krise überaus schnell wieder beendet gewesen.

Wo wir schon gerade so nett bei Frauen sind - Die Dame, mit der er seit 27 Jahren durchs Leben geht, hat Heinrich Schafmeister eher durch Zufall kennen gelernt. „Sie ging vor mir her und ich dachte, sie sei eine andere. Von der ich allerdings wusste, dass sie furchtbar nervig ist. Ich wollte ihr zuvorkommen und sprach sie an. Als sie sich umdrehte, merkte ich die Verwechslung. Na ja, der Rest hat sich dann so ergeben?“ Gibt es denn reichlich weibliche Fanpost? Ist der Schafmeister bei den Damen gefragt? „Also, ich bin ja nun nicht unbedingt der Latin Lover. Aber es kommt schon Post. Manchmal sogar ganz hartnäckige.“

Aber Bergwandern mache er eben auch sehr gern, wird jetzt lieber das Thema gewechselt. Oder auch mal eine Reise nach New York. Was aber auch nicht immer so gewesen sei: „Auch 14 Jahre Urlaub auf Amrum haben ihre Spuren hinterlassen, haben mich geprägt.“

Bleibt noch Zeit für eine von vielen möglichen Schlussfragen. Was sagt eigentlich Heinrich Schafmeister in der glasharten Selbstanalyse über Heinrich Schafmeister. Jetzt schaut er plötzlich wieder wie eben, als er von der Wetterkarte im kaputten Fernseher sprach. Und mit dieser Gänsehaut-Klang-Mischung aus lachendem und weinendem Clown in der Stimme sagt er leise: „Er will doch bloß spielen!“

Beleuchtet von Thomas Reunert (Text) und Josef Wronski (Foto)

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Kommentare
23.03.2011
18:25
Blockierter Kommentar.
von roter28 | #1

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