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Porträt

Heiner Lauterbach

26.01.2010 | 16:40 Uhr

Dieter Wedel habe ja auch irgendwann gesagt, er, Lauterbach, wäre ziemlich melancholisch. Vielleicht sei er das ja, aber vielleicht auch nicht wirklich, sagt Heiner Lauterbach. Und vielleicht sind wir da schon bei der Kernfrage: Wie oder was ist Heiner Lauterbach wirklich?

Heiner Lauterbach

Nach einem etwas längeren Interview in der VIP-Garderobe im Parktheater und zwei eher kürzeren Bühnen-Talks im Anschluss an seinen Auftritt im „Doppelzimmer” bin ich eigentlich so schlau wie vorher.

Seinen manchmal schauspielerischen Hang zu undurchsichtigen Typen, die eher wortkarg und geheimnisvoll durch die Nacht und durchs Leben gehen, erklärt er überraschend nachvollziehbar: „Es stimmt, ich spiele gern die Menschen, die ein Geheimnis in sich tragen. Und weil die ein Geheimnis haben, reden die auch nicht ganz so viel. Und wenn die nicht ganz so viel reden, muss ich auch nicht so viel Text lernen.”

Versuchen wir es also von der anderen Seite. Seine Typen seien doch gern auch schon mal etwas spröde, nachdenklich, allzu große Komik käme da meistens nicht auf, sage ich. Er sei ja Kölner von Geblüt und von daher dem Frohsinn grundsätzlich aber nicht abgeneigt, sagt er. „Ich bin auch heute noch immer sehr gern da, wo die Gläser klingen, die Aschenbecher qualmen, wo Menschen gesellig zusammen sind.” Wir nähern uns also jetzt der Zeit, die Heiner Lauterbach vermutlich noch mehr in die Schlagzeilen des Boulevards gebracht hat, als seine eigentlichen schauspielerischen Erfolge. Immer wieder verweist er in den Gesprächen darauf, dass er nun wirklich kein Kind von Traurigkeit gewesen sei. Erzählt von seinen Besuchen beim Münchner Filmball. „Früher bin ich da gern hingegangen. Wenn man erst mal drin war, war es klasse. Die Getränke waren umsonst, ich habe ein paar nette Kollegen getroffen, und ich war am Ende immer der Letzte.” Der Filmball selbst und sein Drumherum habe ihn dabei weniger oder gar nicht interessiert. „Das Ganze hätte auch in einer Kneipe stattfinden können, wäre auch prima gewesen.”

Fernsehstars aus NRW

Er springt bei diesen Gesprächen immer in seinen Lebensabschnitten hin und her. Eigentlich sei er ja im Grundsatz ein Familienmensch. In seiner Biografie schreibt er allerdings, er sei ein schwieriges Kind gewesen. Auf die Frage, was man denn unter einem schwierigen Kind Lauterbachscher Prägung zu verstehen habe, weicht er etwas aus. Wahrscheinlich, weil seine zeitweise nicht unerheblichen Eskapaden-Probleme eben in der Jugend losgegangen sind. „Ich war unglaublich faul damals.” Er sei einfach nicht zur Schule gegangen. Oder einfach mal mit ein paar Kumpels nach Ibiza, Party machen. Dass seine Eltern dieses Verhalten sonderlich begeistert hat, sagt er nicht. Deutet eher den einen oder anderen Ärger an. Sagt aber auch, dass das Verhältnis zu seinen Eltern eigentlich nicht schlecht gewesen sei. Sagt, dass er auch in der Jugendzeit - bei allem Freiheitsdrang - eben auch ein Familienmensch gewesen sei.

Und heute? Lauterbach ist zweiter Ehe verheiratet mit Viktoria Skaf, hat mit ihr seine Kinder Maya (7) und Vito (3). Wie muss man sich den Familienvater Heiner Lauterbach vorstellen? Wieder geht es auf eine kurze Zeitreise mit dem Widder, Aszendent Familie. Auf jeden Fall eben ganz anders als früher. Als seine erste Ehe mit Katja Flint in die Brüche gegangen sei, habe er das sehr bedauert. „Und natürlich habe ich mir dafür auch die Hauptschuld gegeben.” Für einen Mini-Moment schaut er jetzt an die Garderoben-Decke, und man weiß nicht genau, ob jetzt gerade noch einmal Ehe-Geschichtsbilder ablaufen oder nur nach einem erzählerischen Anschluss gesucht wird. So eine Familie wie damals sei aber eben „nicht richtig kompatibel gewesen mit seinem ausschweifenden Leben.” Auf jeden Fall sei er wohl heute ein liebevoller, zärtlicher Vater, „aber auch konsequent”.

Wir reden kurz über das gut gesicherte elterliche Schlafzimmer. In einem anderen Interview hatte Lauterbach mal erzählt, dass im Haus am See, genauer am Starnberger See, eben dieses Zimmer mit Panzerglas und sicheren Türen ausgestattet sei. Das sei aber keine Phobie, sondern nur dem Umstand geschuldet, dass er eben oft nicht Zuhause sei und seiner Familie einfach ein sicheres Gefühl geben möchte. „Die Kinder schlafen dann bei meiner Frau in Papas Bett, und das ist wunderschön so.” Dürfen die Kinder auch in Papas Bett schlafen, wenn Papa selbst drin liegt? Ohne genau zu wissen, wie es aussieht, wenn Heiner Lauterbach wenigstens ein bisschen verlegen ist, könnte man jetzt etwas das Gefühl haben. Manchmal wäre das schon so, und das sei ja eigentlich auch ganz toll, murmelt er. Aber ob und wann das geschieht, entscheidet vielleicht die Situation, ansonsten aber mit Sicherheit Heiner Lauterbach.

Noch mal eine kurze Zeitreise in Richtung so etwa 2000/1. Die Zeit der ganz persönlichen Wende im Leben des Heiner Lauterbach. Das Herz- bzw. Vorhofflimmern, das damals ganze Heerscharen von Boulevard-Blatt-Leserinnen und Lesern in helle Aufregung und voyeuristische Verzückung versetzte, begründet er heute mit einer Virusinfektion, die „vielleicht auf ein etwas strapazierten Körper” gestoßen sei. Aber immerhin hatte dieser gesundheitliche Zwischenfall so viel Nachhaltigkeit, dass sich Lauterbach die Frage stellte: „Mache ich so weiter, ist es bald vorbei. Was ja eigentlich aus Sicht der damaligen Dinge auch nicht schlecht gewesen wäre. Oder ändere ich mein Leben von Grund auf. Wissen Sie, das ist am Ende einfach eine Frage, wie sehr man am Leben hängt.” Er entschied sich für den zweiten Gedankenansatz und scheint damit inzwischen den schwarzen Gürtel in den Frage der Gelassenheit erreicht zu haben.

Was man vielleicht daran erkennen oder erahnen kann, dass er auch in beruflichen Fragen deutlich entspannter, vielleicht aber nachdenklicher zu Werke geht. In den Anfängen seiner Film- und Fernsehkarriere habe er Angebote zum Beispiel unter dem Kriterium bewertet und angenommen, ob er in dem Land, in dem gedreht wurde, bereits schon einmal gewesen sei. Wenn nicht, habe er zugesagt, ohne die Qualität der geplanten Arbeit zu hinterfragen. „Costa Rica? Da bin ich dabei!”

Oder aber in Bezug auf seine Mitwirkung in immerhin drei Schulmädchen-Report-Filmen, zum Beispiel „Irgendwann fängt jede an!” „Okay, das waren vielleicht nicht unbedingt Höhepunkt in meinem Schaffen”, sagt er mit einem flott an- und wieder flott wegfliegenden Schmunzeln, „aber es war in Ordnung, es hat Geld dafür gegeben.”

Heute gibt es da schon andere Maßstäbe. Zum Beispiel die Überlegung: „Ich spiele nur noch in Filmen mit, die ich mir hinterher selbst gern ansehen würde.” Eigentlich müssten wir jetzt ja auf das filmische Schaffen zu sprechen kommen, aber das würde bei der Menge der Produktionen fast den Rahmen sprengen. Vielleicht die Herausragenden? „Männer”, der Doris Dörrie-Kultfilm. Oder vielleicht „Die Affäre Semmeling”. Oder „Der Schattenmann”. Oder „Rossini” und die dazugehörige mörderische Frage, wer mit wem schlief? Oder „Der Skorpion”. Oder das „Papst-Attentat”? Oder eben auch die Ken-Follet-Verfilmung „Eisfieber”, deren zweiter Teil am heutigen Mittwoch im ZDF zu sehen ist.

Man sagt ja, er sei einer der meist beschäftigten deutschen Schauspieler. Da wiegelt er aber sofort ab. Es könne sein, dass das mal so gewesen sei, aber die Zeiten würden sich eben auch ändern. Mit 56 Jahren habe man nun mal den Zenit überschritten. Und für seine Altersklasse würden einfach nicht mehr so viele Darsteller gesucht. „Die Rollen, die heute geschrieben werden, sind einfach jünger. Da ist für unsereins nicht mehr so viel im Topf.” Ob er sich denn vorstellen kann, irgendwann als Schauspieler einfach in Rente zu gehen? Jetzt kommt eine ziemlich geniale wie anrührende Begründung eines Mannes, der sich das Aufhören vermutlich gar nicht wirklich vorstellen kann und will. „Ach, wissen Sie, für einen Schauspieler ist doch eigentlich niemals Schluss, dieser Beruf hört nie auf. Weil es ja auch immer noch Rollen gibt, in denen ein 90-Jähriger gespielt werden muss. So zwei-, dreimal im Jahr muss man also ran. Und dann macht man das eben.” Allerdings gibt Heiner Lauterbach zu, dass es da in seinem Leben auch in diesem Punkt ein Umdenken gegeben habe. „Wenn vor Jahren einer gekommen wäre und hätte gesagt, er würde mir das Geld geben, aber ich sollte aufhören zu spielen, dann hätte ich das gemacht. Heute merke ich, wie sehr ich an dem Beruf hänge.”

Da passt jetzt ja vielleicht die Frage nach der Eitelkeit? Auch hier gibt es einen kurzen Einblick in die Lauterbachsche Differenzier-Lehre: „Für einen Schauspieler bin ich vermutlich nicht eitel, für einen Mann schon.” Was vielleicht nicht ganz dazu passt, dass er gerade erst einem Journalisten in den Block diktiert hat, dass es zuhause immer wieder Gespräche gebe über sein eher zufällig gewähltes Outfit. Er nähme eben gern immer das, was gerade vorn im Schrank hängen würde, sagt er, und dann würde seine Frau öfters ihr Veto einlegen. Doch Lauterbach gibt sich einsichtig. „Das ist ja auch ein Problem. Oft sind wir zusammen unterwegs und dann muss das ja auch irgendwie zusammen passen. Also sage ich, sie soll mir die Sachen, die ich anziehen soll, einfach hinlegen.”

Wir springen noch einmal durch Zeit und Gedanken. Ob das vielleicht damals mit dem Herzflimmern ein Zeichen war? Von einer höheren Macht am Ende? Weil doch viele seiner Kollegen so etwas auch zum Anlass genommen hätten, der Lehre Buddhas oder zumindest eines Yogis beizutreten? „Ich bin Agnostiker”, sagt Lauterbach wie aus der Pistole geschossen, „kann von daher nicht glauben, dass es da oben jemanden gibt. Aber eigentlich fände ich es auch nicht schlecht, wenn es da oben jemanden geben würde. Dem würde ich mich wahrscheinlich auch unterordnen. Aber eben nicht wie in dieser Kirche, die nur auf Angst und Schrecken aufgebaut ist.”

Der Mann, der da in dem schweren Ledersessel in der Garderobe des Parktheaters sitzt, sieht so aus, als sei er mit dem Leben im Reinen. Ist er vielleicht auch, nennt es aber nicht so. „Wissen Sie, das klingt so nach Absolution. Das ist nun wirklich für mich zu simpel. Als hätte man nichts gemacht. Das ist gerade in meinem Fall weiß Gott nicht so.” Aber er sagt auch, dass er heute ein deutlich entspannteres Leben führe: „Ich habe nichts mehr zu verbergen. Das ist ein ziemlich angenehmes Gefühl. Mir fallen keine Zettel mit Telefonnummern aus der Tasche. Ich habe keinen fremden Lippenstift am Hemd. Es kann nichts mehr gegen mich ausgegraben werden. Das macht dieses Leben einfach ein bisschen einfacher.”

Wenn wir jetzt noch Zeit hätten, würden wir natürlich noch länger über seine Leidenschaft zum Musizieren und zur Malerei reden. Und auch zu seinen Erkenntnissen rund um die Astrophysik, wobei er an der Stelle bedeutungsschwanger abdreht, weil es vielleicht ja gut sei, wenn man da gar nicht so tiefe Einblicke nehmen würde.

Und dann sind wir irgendwann wieder bei dieser neuen Lauterbachschen Gelassenheit, die er auch für den Rest der Welt anmahnt: „Irgendwie wird heute doch alles überzogen und überbewertet”, sagt er und fügt hinzu: „Der Gigantismus herrscht in dieser Gesellschaft.”

Aber das scheint er der Gesellschaft nicht weiter krumm zu nehmen. Ist es bereits die Milde des nahenden Alters oder einfach die Ruhe nach dem Sturm? Es bleiben eben noch viele Lauterbach-Geheimnisse.

Beleuchtet von Thomas Reunert (Text) und Josef Wronski (Foto)

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Kommentare
09.12.2010
13:59
Heiner Lauterbach
von Light Idea | #1

Interessanter Artikel über einen guten deutschen Schauspieler. Danke dafür.

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