Erich Walter
23.10.2007 | 13:42 Uhr 2007-10-23T13:42:00+0200
Treppauf, treppab durchs Wichelhovenhaus. Zwischen der Begrüßung in der Bildredaktion, dem Fototermin im Studio und dem Gespräch mit dem Redakteur sind etliche Stufen zu bewältigen.
Doch trotz seiner 80 Lebensjahre und der Hüftoperationen, die er hinter sich hat, verzichtet Erich Walter auf die Bequemlichkeit des Fahrstuhls. Heiter plaudernd geht er mit dem Redakteur durchs Treppenhaus, als machten ihm die Stufen nicht das Geringste aus. Und wenn doch, dann würde er sich nichts anmerken lassen. Denn das ist das Motto des Oestrichers: "Immer freundlich".
Immer freundlich - so kennt ihn ganz Oestrich und Letmathe: Wenn Erich "Gemüse"-Walter auf dem Letmather Wochenmarkt seine Orangen, Kartoffeln und Kohlrabi anpreist, dann hat er immer strahlende Augen, gute Laune und ein Lächeln auf den Lippen. Freundlichkeit, das ist mehr als nur das Motto des rüstigen Seniors unter den Letmather Markthändlern, es ist sein Wesen.
Freundlichkeit kann natürlich für den Geschäftserfolg eines Händlers sehr nützlich sein. "Möchten Sie mal probieren?", lädt Erich Walter den noch unschlüssigen Wochenmarkt-Kunden zum Biss in einen Apfel der neuesten Sorte ein. Und kaum ein Kunde verlässt seinen Stand, ohne über einen Scherz oder flotten Spruch geschmunzelt zu haben. Wenn er das Geld aus der Hand des Kunden entgegennimmt, erlaubt sich Walter gern mit gespieltem Erstaunen einen kleinen Spaß: "Wie, diesmal kein Trinkgeld dabei?"
Es scheint müßig zu spekulieren, ob ihm das Talent zum Handeln schon in die Wiege gelegt war. Erich Walter, am 27. April 1926, im ostpreußischen Insterburg geboren, musste als junger Mensch erst die Schrecken des Krieges und der Vertreibung durchmachen, bevor er einen Beruf ergreifen konnte. Von beruflicher Erfüllung konnte in den Nachkriegsjahren ohnehin kaum jemand träumen. Für Erich Walter kam es wie für die meisten Zeitgenossen schlicht darauf, das tägliche Brot zu verdienen, und die Familie zu ernähren, die er mit Frau Margarete 1953 in Oestrich gegründet hatte.
So versuchte sich der Heimatvertriebene in den unterschiedlichsten Tätigkeiten, vom Knecht auf dem Bauernhof ("Ich konnte gerade eine Kuh vom Pferd unterscheiden.") über den Bauarbeiter bis zum Walzwerksarbeiter. Erst langsam kam er durch seinen Schwiegervater, der im Sudetenland einen Obsthandel betrieben hatte, auf den Geschmack, mit Kartoffeln, Kohl und Karotten zu handeln. So investierte er 1962 mit mutiger Entschlossenheit sein Erspartes in einen VW-Kleinbus, kaufte morgens um 4 Uhr auf dem Dortmunder Großmarkt für 1000 Mark Obst und Gemüse ein, fuhr durch die Letmather Straßen und kehrte am Abend mit 175 Mark Einnahmen müde nach Hause.
"Am Anfang musste ich ganz schön Lehrgeld zahlen und Enttäuschungen einstecken", erinnert sich der Markthändler, der heute seinen Achtzigsten feiert. Doch langsam und stetig entwickelte sich der rollende Frischemarkt zum erfolgreichen Geschäft. "In den besten Zeiten hatte ich ein paar Tausend Zentner Kartoffeln in meinem Lager, zumeist direkt in der Lüneburger Heide eingekauft", blickt Erich Walter stolz zurück.
Bis 1998 rollte Walters Obst und Gemüse über die Straßen von Oestrich, Elsey und Letmathe. Die Zeiten sind vorbei. Die Konkurrenz der Supermärkte wurde zu groß. Doch auf dem Letmather Wochenmarkt, auf dem er seit den 60er Jahren Samstag für Samstag zu Haus ist, steht der Senior auch heute noch. An der Seite seiner Tochter Ilona und seines Schwiegersohns Cetin Turcan, die das Geschäft als Nebenerwerb übernommen haben.
Das Wochenmarkt-Geschäft geht nicht nur in Letmathe zurück. Und nicht nur, weil frische Kartoffeln im Frühjahr oft schon billiger zu haben sind als die Einkellerungsknollen im Herbst. "Wenn wir früher jeden Samstag zehn Kisten Kopfsalat verkauft haben, sind es heute noch ein bis zwei", stellt Erich Walter fest. Und doch ist der Markthändler-Senior fest davon überzeugt, dass der Wochenmarkt Zukunft hat. "Dort trifft man sich, unterhält sich mit Bekannten, erfährt das Neueste aus der Stadt, tauscht sich aus, kann alles in Ruhe anschauen und probieren," schwärmt Erich Walter. "Wo gibt es das sonst?! Der Wochenmarkt ist ein Stück menschliche Kultur, die auf keinen Fall verloren gehen darf."
(27. April 2006)
0mitdiskutieren