Erhard Lachner
30.07.2010 | 17:04 Uhr 2010-07-30T17:04:00+0200Zum Glauben musste Erhard Lachner nicht gebracht werden. Eine Erleuchtung, ein zentrales Bekehrungserlebnis oder eine Berufung, die im Leben vieler anderer Pfarrer ausschlaggebend ist, war bei ihm nicht nötig.
Erhard Lachner ist in den Glauben hineingewachsen, sein Weg in die Theologie war in gewisser Weise von klein auf vorgezeichnet. Sein Vater, seine Mutter, die Geschwister, Freunde, auch seine Frau samt Schwiegereltern – es wimmelt von Theologen und Theologinnen. Und wenn man bedenkt, wie engagiert und aktiv und mit wieviel Herzblut er später seine Aufgabe als Gemeindepfarrer ausgefüllt hat, ist es wohl nicht untertrieben, wenn man sagt, dass er auf diesem Wege tatsächlich seine Bestimmung gefunden hat und ihm diese Bestimmung schon in die Wiege gelegt wurde.
Dabei hätten die Gegensätze eine Generation zuvor bei den Großeltern kaum größer sein können. Der Großvater mütterlicherseits als erfolgreicher und mächtiger Banker und der Großvater väterlicherseits als italienische Gastarbeiter aus der Po-Ebene waren ein sehr ungleiches Paar. Auch wenn man hier gewiss keinen ursächlichen Zusammenhang herstellen kann, so fällt doch ins Auge, dass gerade dieses Zusammenbringen von großen Gegensätzen das Motiv ist, das Erhard Lachner durch sein ganzes Berufsleben begleitet hat. Das alltägliche, oft profane Leben und die Tiefe des Glaubens – das sind die vermeintlichen Gegensätze, die Lachner in seiner Arbeit als Pfarrer, in den vielen Projekten und Gottesdienstformen, die er angeschoben hat, immer wieder zusammengebracht hat. Zum Gespräch im Wichelhovenhaus hat er eine Fotografie mitgebracht, die er selbst auf einer seiner vielen Reisen aufgenommen hat. Zu sehen ist weiße Wäsche, die auf einer Leine trocknet, dahinter hängt ein Kruzifix mit dem gekreuzigten Jesus: Der Alltag und der Glaube vereint – das ist das Bild, das Erhard Lachner fasziniert.
Geboren wurde Lachner wenige Wochen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, am 24. Juli 1945 in Gladbeck. Sein Vater war noch in Kriegsgefangenschaft und übernahm dann nach der Rückkehr im Jahr 1949 eine Anstellung als Pastor in Hohenlimburg, wo Gerhard Lachner dann als ältestes von drei Kindern aufwuchs. Die Mutter war als Katechetin und in anderen Funktionen in der gleichen Gemeinde tätig - aus Leidenschaft, wie Lachner sagt, was in der damaligen Zeit noch Seltenheitswert hatte. Und so prägte das Gemeindeleben und die Auseinandersetzung mit dem Glauben das Familienleben.
Der CVJM, der Posaunenchor, die Jungschar, die Jungenschaft, Freizeiten und die frühe Mitarbeit in der Gemeinde bestimmten sein Leben ebenso wie die Diskussionsrunden im elterlichen Wohnzimmer, bei denen es mit Freunden und Bekannten um Theologie, Politik und Vaters Predigten ging. Auf den Einwand, dass das für Außenstehende durchaus ein wenig freudlos und verkopft klinge, erntet man von Erhard Lachner nur einen verständnislosen Blick. Leidenschaftlich und lebendig, ernst aber nicht tierisch ernst sei es da zugegangen. Bei einem guten Glas Wein sei es durchaus hoch her gegangen, ohne sich aber jemals zu verkrachen. Die Bekenntnisbewegung sei damals sehr stark auf dem Vormarsch gewesen, eine dogmatische, wenig historisch-kritische dafür aber wortwörtliche Auslegung der Bibel, der man im häuslichen Kreis eine großartige und kritische Diskussionskultur entgegengesetzt habe. Freudlos sei das ganz und gar nicht gewesen, und verkopft auch nicht, wobei der Kopf natürlich eine große Rolle spielt: „Man muss für den Glauben den Kopf nicht ausschalten“, betont er, dass hier beides durchaus Hand in Hand geht.
Geprägt hat ihn das alles nachhaltig – nicht nur was den beruflichen Werdegang angeht. Auch inhaltlich und was seine politische Grundhaltung betrifft, waren sein Vater und dessen Kriegserlebnisse prägend. Der Kampf für Frieden und für die Unterdrückten und Armen vor Ort und in aller Welt zieht sich durch seine Aktivitäten, wie ein roter Faden. Und der Protestantismus liegt ihm bei einem solchen Umfeld einfach im Blut. „Ich könnte nie katholisch sein“, sagt er mit Überzeugung und meint das keineswegs böse oder antiökumenisch.
Es ist aber die Grundausrichtung, dass in der evangelischen Kirche die Entscheidung darüber, was wahr und was unwahr ist, nicht von einer obersten Behörde, sondern in einer Diskussion von unten her gefällt wird, und dass diese Entscheidung letztlich jeder einzelne vor Gott verantworten müsse, dass dem Einzelnen die Verantwortung nicht abgenommen werde, die ihn zu einem überzeugten Protestanten mache. Und natürlich der Gedanke der Gemeinde, in der Christus Dreh- und Angelpunkt ist. „Die wichtigen Entscheidungen sollen dort getroffen werden, wo die Menschen leben und arbeiten, wo sie Kinder erziehen, heiraten und sterben, und nicht auf einer anderen Ebene.“ Die Arbeit vor Ort, ganz nah bei den Belangen der Menschen in möglichst kleinen Einheiten, in denen die Teilhabe an Entscheidungen für jeden möglichst groß ist – auch das ist ein Grundanliegen von Erhard Lachner. „Heute geht der Trend ja ins Große, was für meine Begriffe aber viel schwerer zu managen ist. Ich habe es lieber klein und beweglich.“
Verlassen hat Erhard Lachner sein Elternhaus mit jungen 19 Jahren, um Theologie zu studieren. Wuppertal, Göttingen und Münster waren die Stationen, wobei er schon in Wuppertal seine Frau Christiane kennen lernte, die Theologie auf Lehramt studierte, sich später in Iserlohn aber um die beiden Töchter kümmerte, statt ihren Beruf auszuüben. „Ich bin ein beständiger Mensch“, kommentiert Lachner hier. Im ersten Semester habe er Klaus Loh kennen gelernt, einen engen Freund, mit dem er 1972 auch nach Iserlohn ging. Im zweiten Semester seine Frau, mit der er heute noch glücklich ist.
Einschneidend waren im Studium natürlich auch die 68er, die er mit voller Wucht abbekam und miterlebte - und wo er als politischer Mensch auch aktiv mitwirkte. Glaube und Politik wurde auch daher zu einem Schwerpunkt seines Studiums und seiner Arbeit, wobei ihm die Friedenspolitik auch wegen des Einflusses seines Vaters besonders am Herzen lag. „Heute fehlt mir das oft“, bemängelt Lachner die unpolitische Haltung jüngerer Generationen. Es werde ästhetisiert, und symbolische Handlungen rückten in den Vordergrund. Die kritische Information gerate viel zu oft in den Hintergrund.
In seinem Vikariat in Dortmund-Körne, das er 1970 mit 25 Jahren begann, erlebte er nicht nur eine aufregende und turbulente Zeit in der Jugendarbeit, sondern er lernte auch die Gemeinwesenarbeit kennen, die auch seine Arbeit als Pfarrer in der Erlöser-Kirchengemeinde in Wermingsen prägte. Dabei gehe es darum, Menschen mit gleichen Interessen zusammenzubringen, die dann von selbst eine eigene Organisationsform finden und ihre Ziele von alleine verfolgen. Bei der Ampel an der B7, für die er gekämpft hatte, bei der Einrichtung einer Altenrunde oder auch der Alleinstehendenrunde, die sich mit 30 bis 40 Leuten auch an Heilig Abend trifft, habe das in der Erlöser-Kirchengemeinde bestens geklappt.
Wobei es die Erlöser-Kirchengemeinde 1972, als Erhard Lachner nach Iserlohn kam, noch gar nicht gab. Iserlohn bestand damals noch aus einer großen Gemeinde, in deren östlichem Bereich in Wermingsen Lachner zunächst zusammen mit Klaus Loh, später mit Gottfried Abrath Dienst tat. Erst im Jahr 2000 wurde Iserlohn in fünf eigenständige Gemeinden aufgeteilt, darunter auch die Erlöser-Kirchengemeinde - ein Ziel auf das Erhard Lachner lange, mitunter auch gegen starke Widerstände hingearbeitet hatte. Ebenso wie auf das Ziel eines eigenen Gemeindehauses am Steinhügel, wo er die Gemeindearbeit aufgebaut hatte, und wo er auch erst spät mit dem Gemeindehaus „Ps. 23“ belohnt wurde. „Davor habe ich dort fast 30 Jahre lang in Räumen unter dem Supermarkt Gemeindearbeit mit Gottesdiensten, Gruppen und Unterricht auf neun mal neun Metern gemacht.“
Trotz der Enge war die Arbeit dort aber umso intensiver. Neben den schon erwähnten Aktionen wimmelt es in Lachners Biografie nur so von spannenden Projekten, die er in der Gemeinde, aber auch darüber hinaus realisiert hat. Das Konzept „Himmel und Erde“ und einige andere ähnlich gelagerte Gottesdienstformen stechen für ihn heraus - Stichwort „Alltag und Glaube verbinden“. Die Fastenkette sei eine Aktion gewesen, an die er sich gerne erinnert, da hier über die Grenzen Iserlohns hinaus das Fasten und der Glaube vor dem Hintergrund der Nachrüstung mit einer politischen Aussage verbunden wurde. Und natürlich die Tschad-Hilfe, bei der er Vereine, Verbände, Schulen und andere Einrichtungen vom Schützenverein bis zum Dritte-Welt-Laden, von der Bundeswehr bis zur Friedensbewegung sowie die SPD und die CDU, die damals noch Mitte der 80er Jahre noch sehr viel mehr getrennt haben als heute, zusammenbrachte. „Ein spannende Mischung“, wie Lachner sagt, die gemeinsam arbeitete, um im Tschad zu helfen, was ein riesiger Erfolg wurde, der bis heute nachwirkt - sowohl in Afrika als auch am Steinhügel. „Wir wollten immer noch Luft für etwas Neues haben“, erklärt er die vielfältigen Aktivitäten, die seine ganze Laufbahn durchziehen.
Dass der Gottesdienstbesuch in seinen fast 38 Jahren in Wermingsen von rund 130 Menschen auf 40 bis 60 gesunken ist, begründet er mit dem veränderten Lebensrhythmus, mit der ausdifferenzierten Lebensweise und der Individualisierung. Es sei das Verhältnis zwischen Religiosität und Religion, das nicht mehr übereinstimme.
Am Freitag ist Erhard Lachner nun zu seiner letzten Erwachsenen-Fortbildung aufgebrochen. Am 31. Juli hat er seinen letzten Arbeitstag. Und am 1. August kann er als Pensionär erstmals guten Gewissens alles verschlafen, wie er scherzhaft sagte. Und was nun? Umziehen muss er nicht, weil er mit seiner Frau schon vor vier Jahren das Gemeindehaus an der Schlesischen Straße verlassen hatte. Und sonst, möchte er sich erst einmal ein wenig Ruhe gönnen. Dann würde ihn vielleicht die Mediation reizen, Menschen zusammenbringen und Konflikte lösen - durchaus auch beruflich. „Aktiv möchte ich aber auf jeden Fall bleiben.“
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Liebe IKZ Redaktion: ist Ihnen eigentlich mal aufgefallen, dass unter 16 ins Licht gesetzt Kandidaten nur eine einzige Frau dabei ist (Cindy UND Bert)? Naja, IKZ Qualitaets Journalismus...