Dr. Roland Raddatz
30.12.2009 | 16:37 Uhr 2009-12-30T16:37:00+0100Das habe er befürchtet, sagt Dr. Roland Raddatz auf die Frage, ob er sich vorstellen könne, sich ins Licht setzen zu lassen. Jetzt, wo er doch zum Jahreswechsel aus dem offiziellen Dienst am St. Elisabeth-Hospital als ärztlicher Direktor und Chefarzt der Anästhesie in den Ruhestand trete.
Eigentlich wolle er das ja nicht mit dem „Ins Licht”, sagt er zunächst mit leichtem Zögern, um dann aber auch hinzufügen, dass er irgendwie ahne, dass man das vielleicht von ihm erwarten würde. Also gut, sagt er schließlich, wenn es dann nicht zu persönlich würde, könne er sich vielleicht durchringen. Allerdings sollten wir nicht glauben, er käme für das Foto in OP-Kluft oder sonst welchem optischen Medizin-Tand. Das sei affig und nicht sein Ding. Er lässt sich aber wenigstens abringen, seinen Kittel mitzubringen. Allerdings auch gebunden an das Versprechen, dass er ihn nicht anziehen müsse, sondern nur an den Scheinwerfer hängen könne. Und dann hat er zum Termin sogar ein vergoldetes Laringoskop, also eine Intubierhilfe, dabei. Das sei zwar nie zum Einsatz gekommen, habe ihn aber sein Berufsleben begleitet.
Irgendwann viel später in dem überraschend langen Gespräch wird er an einer Stelle sagen: „Ich war eigentlich schon immer ziemlich kritisch.” Und meint damit, dass sich dieser Roland Raddatz schon in kein Raster pressen ließ, als er noch gar keinen „Doktor” vor seinem Namen stehen hatte. Das eigentliche Gespräch an diesem Morgen beginnt eigentlich so, wie man es wohl hätte erwarten können. Dr. Raddatz, den ja ein leichter Hauch von Pingeligkeit und eines etwas knarzigen Charmes umweht, legt zwei sauber beschriebene Seiten auf den Tisch, auf dem die beruflichen Lebens-Eckdaten eines irgendwie doch ungewöhnlichen Lebens festgehalten sind.
Würde man alle diese Daten hintereinander aufzählen, wäre der Raum für diese Geschichte bereits erschöpft. Also müssen wir uns anders nähern. Natürlich vielleicht erst einmal über die Geburt. Die erfolgt nämlich im Januar des Jahres 1943 im pommerschen Flatow. Und schon die nächste Eintragung zeugt davon, dass sich kurz darauf im Leben der Familie Raddatz Entscheidendes ereignet haben muss. Von 1949 bis 1953 hat Jung-Roland nämlich die Volksschule in Coesfeld besucht. Das war aber nur möglich, weil der Großvater mütterlicherseits in Pommern eine Holzhandlung hatte, über die er wiederum Geschäftskontakte ins Lipperland unterhielt. Was Familie Raddatz ermöglichte, auf den Spuren ihres Holzes in den Westen zu siedeln.
Die Antwort auf die Frage nach dem Vater gibt auch schon erste Aufschlüsse zum Leben und Denken des Sohnes Roland. Vater Raddatz war Berufsoffizier, hatte sich dann dem Beruf des Hochbau-Ingenieurs zugewandt und gehörte schließlich zu den ersten, die die nach der Bundeswehrgründung über die „Gesellschaft zu technischen Zusammenarbeit” wieder Kontakt zum Soldatentum fand. „Ich glaube, er war bei den ersten 200 der neuen Bundeswehr”, sagt Dr. Raddatz, und dummerweise weiß man bei ihm ja nie so genau, ob er das nun mit etwas Stolz in der Stimme oder einfach nur so gesagt hat.
Erklären ließe sich aber aus der beruflichen Vorgeschichte des Vaters vielleicht die spätere Disziplin des Sohnes. In all den Jahren als Chef der Intensiv-Medizin habe es außer in den Urlaubsphasen nicht ein Wochenende gegeben, an dem er nicht in „seiner Abteilung” aufgelaufen sei. „Diese Präsenz habe ich immer durchgehalten. Das war für die Patienten gut. Aber auch für die Mitarbeiter. Die wussten, der Chef kommt heute noch, dann können wir was besprechen.”
Jetzt sind wir ja schon im operativen Geschäft und wollten doch eigentlich noch länger über die Jugend reden. Dass Dr. Raddatz Arzt werden wollte, hat eigentlich wohl irgendwie immer fest gestanden. Zumindest unterschwellig. Am Altertum habe er immer Interesse gehabt, sagt er. Latein und Griechisch hätten ihn interessiert. Dabei sei er allerdings nicht sonderlich strebsam gewesen. „Das musste ich ja auch nicht. Es gab damals noch keinen Druck durch den Numerus Clausus. Eigentlich hatte ich in meiner Schulzeit, keine sonderlich große Veranlassung, eine besondere Leistung zu zeigen.”
Aber der junge Mann hatte offenbar von Anfang an ein riesiges Interesse an der Welt. Aus seinem Mund klingt das so: „Ich habe mich mein Lebtag nicht davor gefürchtet, in ein Land zu fahren, dessen Sprache ich nicht spreche.” Da kommen wir aber wohl später noch einmal drauf, wenn wir über die ärztlichen Auslandseinsätze in der Vergangenheit reden.
Aktuell könnten jetzt übrigens noch Vietnam und Israel auf den Rentner-Reise-Wunschplänen des Dr. Raddatz stehen. Auch wenn er in Israel schon einmal gewesen sei, aber noch nicht genug gesehen habe. Übrigens: Sein Land zur Erholung ist und bleibt Frankreich. Auch wenn man sich den Mann, der nach eigenen Angaben am liebsten Schlips und Kragen trägt, kaum mit lässig unter dem Arm geklemmtem Baguette-Brot und nach hinten offenen Schlappen auf einem südfranzösischen Dorfplatz vorstellen kann. Am ehesten vielleicht noch mit einer kernigen Gauloises-Zigarette im Mundwinkel. Um es vorsichtig zu sagen: Dr. Raddatz ist ein - vermutlich überzeugter - Intensiv-Raucher. Die Frage nach seiner medizinischen und persönlichen Einschätzung dieses Umstands verbietet sich aber irgendwie. Man würde ohnehin nur eine blöde, vielleicht sogar leicht finnige Antwort bekommen.
Über die Zeit nach dem Abitur am Nicolaus-Cusanus-Gymnasium in Bonn Bad-Godesberg sind wir ja eigentlich noch nicht wirklich hinausgekommen. „Ich habe mir danach zunächst einmal ein Jahr Auszeit genommen. War in Paris, war in Griechenland, habe in der Fabrik gearbeitet. Und ich hatte eine Ellenbogen-OP. Eine von zweien.” Die brachten ihn in die Nähe des Kölner Chirurgie-Professors Ordinarius Manfred Hackenbroch und auch von Hans Graf von Lehndorff: „Ein Mann, der mir in einem Praktikum, das ich bei ihm machen durfte, Dinge beigebracht hat, die mir später niemand mehr gezeigt hat.”
Auch in dieser Zeit könnten sich über das Elternhaus hinaus Tugenden manifestiert haben, die heute Dr. Raddatz so ausdrückt: „Ich habe einfach immer versucht, Vorbild zu sein.”
Den kompletten beruflichen Werdegang darzustellen verbietet in der Tat die Zeitungs-Raumnot. Der junge Raddatz kommt über die Humanmedizin in Bonn, die Chirurgie und Innere Medizin in Krefeld und Willich, die Anästhesie in Neuss und die Gynäkologie in Münster in verschiedenen immer weiter ansteigenden Funktionen schließlich zum St. Elisabeth-Hospital in Iserlohn. Beinahe wäre er zwischenzeitlich auch noch im Bereich der Pathologie verschütt gegangen. „Fand ich auch hoch spannend damals.”
In den ersten Jahren in Iserlohn leitet er zusätzlich auch noch die Anästhesie im Marien-Hospital in Letmathe und in der Lungenklinik in Hemer, dann auch in der Paracelsus-Klinik in Hemer und für gut drei Jahre im St. Vinzenz-Krankenhaus in Altena.
Nur ein evangelisches Krankenhaus fehlt irgendwie noch in der Aufzählung. Jetzt rutscht der große Mann der manchmal scharfen Zunge etwas unangenehm berührt auf seinem Stuhl hin und her. Offensichtlich ist das nicht gerade sein Lieblingsthema. Da will er natürlich auch nicht auf der Zielgerade zum Rentnerdasein allzu böses Blut verspritzen. Nur so viel: „Es tut mir ehrlich leid, dass wir in Iserlohn da keine bessere Einigung zwischen den konfessionellen Häusern hinbekommen haben. Aber das lag auch nicht immer an den Entscheidern vor Ort.” Dass eine spezielle Form der Ökumene hinter den Kulissen auch im medizischen Kontext funktioniere kann, beweist schließlich die Tatsche, dass Raddatz selbst von evangelischem Geblüt ist.
Wir wechseln das Thema und gehen nach Nowotscherkask. Er sei damals zu Beginn der Städtepartnerschaft gefragt worden, ob er nicht beratend tätig sein könne. Vielleicht hat er sich auch angeboten, weil er das Gefühl hatte, dass die vermeintlich medizinische Hilfe nicht mit dem Streuwagen verteilt werden dürfe, sondern gezielt. „Ich dachte, die brauchen doch einen, der was vom Krankenhauswesen versteht.” Zumal man hier der Fehleinschätzung unterlegen sei, dass man einfach den ganzen „ausrangierten Schrott” aus Deutschland nur nach drüben bringen müsse. „Da sind Klaus-Dieter Grüner, Jürgen Machnik und ich damals anders drangegangen. Und ich glaube, wir haben einen kleinen, aber nachhaltigen Beitrag zur Vertiefung der Partnerschaft leisten können. Und ich habe für mich einige tiefe Einblicke in das Funktionieren Russlands gewinnen können.” Bei seinen anderen humanitären Auslands-Einsätzen (u.a. Indien, Afrika) habe immer auch eine Portion Abenteuerlust eine Rolle gespielt - und damit eben auch der bereits zitierte Umstand, dass er sich nie gefürchtet habe. Aber am Ende sei man doch immer wieder sehr nachdenklich in die Heimat zurückgekehrt und habe sich die Frage gestellt: „Unter welch fürchterlichen Bedingungen müssen ganze Völkerscharen überleben.”
Reden wir über die Zukunft. „Wir befinden uns in einer Phase, in der sich die Medizin rasend schnell entwickelt.” Sagt Dr. Roland Raddatz. Aber wir erlebten auch eine Phase, in der wir Angst haben müssten, mit einem Besuch beim Arzt einen volkswirtschaftlichen Schaden anzurichten. Wir hätten es daher mit einer Form von „Defensiv-Medizin” zu tun. „In der Zukunft wird wahrscheinlich nur noch das behandelt werden können, was auch unbedingt behandelt werden muss.” Und er sagt auch noch, dass er Sorge habe, dass sich immer größer werdende Krankenhaus-Verbünde zu einer Blase aufblähen würden. „Die dann irgendwann plötzlich platzt.”
Kommen wir aber doch noch einmal kurz zum menschlich-melancholischen Teil samt Resümee-Versuch: „Meine Arbeit wird mir sehr fehlen. Die Menschen werden mir sehr fehlen. Mein Team. Mit denen habe ich schließlich mehr als ein Drittel meines Lebens verbracht.” Jetzt kommt er in Schwung und setzt nach: „Mir ist aufgefallen, dass ich mehr Zeit mit meinem Beruf als mit meinen beiden Söhnen verbracht habe.”
Und dann er sagt noch in einer Mischung aus Raddatzscher Bockigkeit und irgendwie auch Entschuldigung: „Ich habe im Dienst eigentlich immer Distanz gewahrt. Ich war nicht der Kumpel-Typ. Aber vielleicht hat mir das auch die Achtung eingebracht.”
Wenn ein Mensch dem fast täglichen Sterben auf einer Intensivstation so nahe ist wie ihr Leiter, entwickelt sich dann daraus ein eigenes spezielles finales Lebensbild? „Ach, wissen Sie,” sagt Dr. Raddatz, „ich finde für mich persönlich keinen Trost im Glauben. Ich bin Arzt, also weiß ich, was da mit mir passieren wird. Aber davor fürchte ich mich nicht.”
Und was macht er nun jetzt mit seiner ganzen Freizeit, wenn er aus der Dienstroutine aussteigt? Auch da kommt die Antwort pfleilschnell: „Meine Frau und ich haben uns bis heute nicht gelangweilt, und dann werden wir jetzt auch nicht damit anfangen.”
Dr. Roland Raddatz, der vermeintlich immer beherrschte, fast schon verschlossene und manchmal zumindest gefühlt unnahbare Mann - kann ihn überhaupt etwas zum Lachen bringen? „Ich lache über einen guten Witz, über Situationskomik, allerdings nicht gern aus Schadenfreude.”
Und zum Schluss noch die Königsfrage aller Interviewer: „Herr Dr. Raddatz, was soll die Welt einmal über Sie sagen?” Die Antwort: „Die Welt? Nix, denn die Welt wird mich schnell vergessen.” Und als ich sage, dass ich das aber mal eher nicht glaube, wird er sogar etwas rot und raucht erst mal eine.
Über so etwas wollte er ja eigentlich ohnehin nicht reden.
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