Claudia Roth
22.10.2007 | 14:27 Uhr 2007-10-22T14:27:00+0200
Für eine ausgedehnte Begrüßung bleibt wenig Zeit. Claudia Roth, die Bundesvorsitzende der Grünen ist im Wahlkampf.
Doch daran kann es nicht liegen, dass sie, noch nicht auf der Treppe des Wichelhovenhauses angelangt, gleich loslegt, als müssten wir in zwei Minuten fertig sein. Da bleibt kaum Zeit, Stift und Papier in die Hand zu nehmen.
Geboren wurde die Frau mit den vielen Berufen, Funktionen und Neigungen am 15. Mai 1955 in Ulm. "Als Flussschwäbin", wie sie mit einem Schmunzeln anmerkt. Doch schnell wechselt die Familie ins tiefschwarze Bayern, genauer nach Babenhausen, wo der Vater eine Zahnarztpraxis eröffnet. Zur Schule geht die junge Frau in Krumbach. "Auf der Schule war auch Theo Waigel", ergänzt sie und fügt hinzu, "den schätze ich eigentlich sehr". Ansonsten erinnert sie sich, dass es für die "sehr liberale Familie, in der Kunst und Kultur immer eine große Rolle gespielt haben", nicht einfach war in einer Region, in der nicht nur der Gang zum sonntäglichen Gottesdienst von allen Nachbarn als "Pflicht" angesehen wurde. Doch vielleicht hilft gerade das der Heranwachsenden auch, eine eigene Meinung zu entwickeln. Und so beginnt sie 1973, schon vor dem Ende der Schule, mit ihrem Theaterpraktikum am Landestheater Memmingen. Nahezu logisch folgt dann ein Jahr später nach dem Abitur das Studium der Theaterwissenschaften in München, in einer bewegten und hochpolitischen Zeit, in der das Theater das Ziel hatte, an einer gerechteren Welt mitarbeiten zu wollen. Doch schon nach zwei Semestern ist Schluss mit dem eher trockenen und akademischen Studium. Claudia Roth bekommt die Chance, nach Dortmund zu wechseln. Dort arbeitet sie als Dramaturgin an den Städtischen Bühnen und beim Kinder- und Jugendtheater. Die geborene Schwäbin und in Bayern groß gewordene findet hier "eine neue Heimat". "Für mich war das ein Wechsel in eine andere Welt." In der Region zeichnete sich schon der schmerzliche Abschied von Bergbau und Stahl ab, aber Claudia Roth fasziniert die "Herzlichkeit der Menschen, so etwas habe ich in Bayern nicht kennen gelernt". Hier entstehen Freundschaften, die bis heute Bestand haben.
Und am Kinder- und Jugendtheater arbeitet auch Peter Möbius, der Bruder von Rio Reiser, dem Frontmann von "Ton, Steine, Scherben". Als die erfolgreiche Band, eine der ersten deutschen Rockbands mit politischen Texten, einen Manager und Pressereferenten braucht, sagt Claudia Roth zu und tourt die nächsten Jahre gemeinsam mit den Musikern durch Deutschland. Nur selten bleibt Zeit zum Ausruhen in Fresenhagen an der dänischen Grenze, wo die Band ihr Domizil hat.
Und wieder ist es eher ein Zufall, der entscheidenden Einfluss auf den weiteren Lebensweg von Claudia Roth nehmen wird. Als sich 1985 die Band auflöst, sucht die Bundestagsfraktion der Grünen in einer Kleinanzeige in der taz nach einer Pressesprecherin. Das Anforderungsprofil ist hoch und klar definiert. Nur ein Punkt trifft auf Claudia Roth zu: Sie ist eine Frau. Doch von den Bandmitgliedern gedrängt - "das ist dein Job" - schickt sie eine Bewerbung ab, und packt gleich noch zwei LPs von Ton Scheibe Erden dazu. Das landet dann bei Michael Vesper, und Claudia Roth bekommt den Job. "Die waren ganz begeistert von den Platten", erzählt sie. Von nun an ist also Bonn der Wohnsitz von Claudia Roth, die sich selber als Parteilinke einstuft. Sie kommt in eine Bundestagsfraktion, in der noch der Streit zwischen Fundis und Realos die Szene beherrscht. "Da waren ja noch Persönlichkeiten wie Petra Kelly oder Otto Schily dabei", klingt es fast wehmütig. Doch 1989 folgt der nächste Wechsel. Claudia Roth wird für die Grünen ins Europaparlament gewählt, 1994 zieht sie dort als Spitzenkandidatin von Bündnis 90/Die Grünen erneut ein. "Da waren unglaublich tolle Leute, aus allen Ländern, die weit über die Fraktionsgrenzen hinaus diskutiert und debattiert haben." Hilfreich sind der Parlamentarierin ihre "ganz guten Sprachkenntnisse". Französisch und Englisch behrrscht sie gut und "Italienisch so ein bisschen". In Brüssel macht sich Claudia Roth vor allem als Menschenrechtsexpertin einen Namen.
Doch wie so oft schon in ihrem Leben, es folgt 1998 ein neuer Wechsel. "Ich wollte auch was Neues beginnen", gibt sie zu. Die bayerischen Grünen rufen sie, und so kommt sie, ihr Wohnsitz ist jetzt Augsburg, über die Landesliste in den Bundestag. "Ich war auch sehr froh, wieder näher an meiner Familie sein zu können" umschriebt sie ihre damalige Gefühlslage. Im Bundestag übernimmt sie den Vorsitz im neu gebildeten Ausschuss für Menschenrechte und humanitäre Hilfe. Tief trifft die Tochter der Tod des Vaters im Jahre 1998. "Genau an dem Tag, an dem in Bonn der Koalitionsvertrag vor dem Abschluss stand."
Doch als Renate Kühnast den Parteivorsitz niederlegt, wird sie wieder von Parteifreunden gedrängt. Die Grünen brauchen eine neue Vorsitzende. Und so wurde im Januar 2001 Claudia Roth zur Bundesvorsitzenden gewählt, in der Doppelspitze mit Fritz Kuhn, den sie schon seit 1974 aus Dortmunder Tagen kennt. Bis zum Herbst 2002 hat sie dieses verantwortungsvolle Amt inne. In Bayern wird sie zur Spitzenkandidatin von Bündnis 90´/Die Grünen und zieht im September 2002 erneut in den Bundestag ein. Kurz darauf wird die zur Beauftragten der Bundesregierung für Menschenrechte und humanitäre Hilfe ernannt. "Ein Traumjob, der aber auch einer Sysiphus-Arbeit gleicht." Da habe es auch immer wieder Enttäuschungen gegeben.
Seit Oktober 2004 ist Claudia Roth wieder Teil der Doppelspitze von Bündnis 90/Die Grünen. "Das war eine ganz schwere Entscheidung damals", gibt sie zu. Bleibt da überhaupt noch Luft für ein Privatleben? "Nein", kommt die spontane Antwort. "Das passt aus zeitlichen Gründen überhaut nicht." Es bleibt unklar, wie tief sie das bedauert. Mit ihrer Mutter war sie im letzten Jahr für zwei Wochen zum Urlaub in der Türkei. Eine kleine Flucht vor dem Polit-Alltag. Die gelingt ihr auch bei Freunden außerhalb der Politik. Dann kocht Claudia Roth auch selber.
(13. September 2005)
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