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Porträt

Benjamin Armbruster

10.08.2012 | 17:30 Uhr

Natürlich ist die Schauspielerei Benjamin Armbrusters Beruf und Leidenschaft. Also das gewerbsmäßige Schlüpfen in andere Rollen, unterschiedlichste Masken und Charaktere. Ob über 25 Jahre als gefeierter Winnetou in Elspe oder als umjubelter König von Siam, nur eine von insgesamt 157 Rollen an den Städtischen Bühnen Bielefeld, oder in zahllosen Film-Hauptrollen mit Star-Alarm in seinem ersten künstlerischen Leben in Rumänien. Aber eben diese mystische Persönlichkeits-Vielfalt ist bei Benjamin Armbruster eben wahrlich nicht nur gespielt, sie ist ein untrennbarer Teil seiner selbst.

Und auch diese Geschichte wird da wohl nur leicht an seiner Oberfläche kratzen können, kann nur aufdecken, was der heute 66-Jährige aufgedeckt sehen will. Wahrscheinlich liegt darin aber zunächst auch einmal schon sein Erfolg als großer Indianer-Häuptling-Darsteller begründet. Auch Winnetou, dieser in einem ostdeutschen Schreibstüblein erdachte rote Charakter-Gigant, war schließlich von uns einfachen Erdenbürgern in seiner Weisheit und Milde, in seiner unergründlichen Ausgeglichenheit, seiner Menschen- und Naturliebe kaum zu fassen.

Versuch also einer Annäherung an einem warmen Juli-Nachmittag im Tal des Toni. Heute ist an der Els­per Bühne spielfrei. Es ist Benjamin Armbrusters wohl letzte Saison als Winnetou im Sauerland. Wenn der große Besetzungs-Manitu bei seiner Entscheidung bleibt. 25 Jahre lang hat „der Benny“ den großen Apachen-Häuptling in unzähligen Vorstellungen auf der Freilichtbühne verkörpert. Hat Seite an Seite mit seinem treuen Freund Old Shatterhand dem Guten nach vielen menschlichen Irrungen und Wirrungen, wüstem Gehaue und Gerummse zum Durchbruch verholfen, wurde bereits beim ersten Auftritt, dem Ritt den Winnetou-Hügel hinunter gefeiert, als hätte er bereits das Universum vor dem sicheren Exitus bewahrt, bevor überhaupt der erste Fiesling an den Sattel gebolzt worden war. Und am Ende hat er sich vom Publikum mit so viel Würde, Demut und Contenance verabschiedet, dass nicht nur die Kinder das Gefühl hatten, sie müssten anschließend Winnetou und auch sein treues Pferde Apache siezen. Womit man auch fast schon beim liebenswerten Luxus-Problem ist. Dieser Benjamin Armbruster strahlt auf seine Art auch im richtigen Leben so viel Würde und innere Eleganz aus, dass man ihm zwar gern mal freundschaftlich auf die Schulter klopfen möchte, aber eben nur ganz vorsichtig und leise. Obwohl er es vermutlich durchaus vertragen könnte, denn in diesem Brustkorb und in diesen Oberarmen würde nach den unzähligen Reit- und Stunt-Stunden vermutlich auch ein Kletterhaken halten.

Benjamin Armbruster

Rein ins Leben: Benjamin Armbruster stammt aus Siebenbürgen, genauer aus Mühlbach, „eine der Städte mit eben jenen sieben Burgen“. Eigentlich heißt er Mircea Breazu, wobei der Vorname Mircea aus der rumänischen Geschichte heraus schon von leicht heroischer Bedeutung ist und mit ihm auch dem im Krieg verschollenen Onkel gedacht werden sollte. Allerdings wollte auch die Mutter einen Namen hinzufügen, traute sich aber nicht, einen aus dem deutschen Sprachraum zu nehmen und entschied sich also von Benjamin, ursprünglich noch mit „i“ statt mit „j“, weil sich das sonst im Rumänischen anders gesprochen hätte.

Der Großvater ist Forstverwalter in Siebenbürgen, arbeitet unter anderem für eine deutsche Papierfabrik, sein Vater ist Kavallerieoffizier, der sich und seine Familie nach dem Krieg als Lkw-Fahrer durchschlägt. Mutter ist Deutsche, die bei Deutschen wie Rumänen gleichermaßen bekannte und verehrte Schauspielerin Ursula Armbruster. Ihre Lebensgeschichte samt komplizierter Besuchs-Ausreise zum Vater nach Amerika und schließlich im Geheimen geplanter Rückreise-Unterbrechung in Frankfurt samt Ersuchen zur Aufnahme als Flüchtling und Weiterbeschäftigung an einer Bühne in Pforzheim und später in Bielefeld wäre für Interessierte schon Stoff für einen eigenen Gesprächs-Zyklus.

Aber Ursula Armbruster ist im Leben des Benjamin wahrscheinlich auch heute noch die wohl wichtigste Frau. Vielleicht muss man sich einen Teil dieses Gesprächs mit ihm einfach mal in voller Länge gönnen, um ein ganz kleines Gefühl für sein ganz besonderes Mutter-Verhältnis zu bekommen. „Meine Mutter war mein bester Freund. Ich bin doch im Theater bei ihr groß geworden. Sie war ein außergewöhnlicher Mensch. Sie hat so toll geschrieben, sie hat super toll gesungen. Eigentlich kann ich gar nicht beschreiben, wie viel Sensibilität und Lebensfreude diese Frau hatte. Sie war eine hervorragende Schauspielerin, deren Ausstrahlung einmalig war.“

Armbruster weicht seiner Mutter nicht von der Seite, ist ihr Lebens-Schatten. Auch im Theater. Vermutlich kann man heute als Außenstehender nur erahnen, wie sehr er unter den charakterlichen Unzulänglichkeiten seines Vaters gelitten haben muss. „Mein Vater hat meine Mutter abgöttisch geliebt, war ein hochintelligenter und belesener Mann. Von ihm habe ich übrigens wahrscheinlich auch meine Verrücktheit für Autos. Aber er kam immer wieder besoffen nach Hause und wurde dann handgreiflich.“ Er wisse noch wie heute, dass er etwa zehn Jahre alt gewesen sein muss, als sein Vater wieder angetrunken ins Haus gekommen sei, und er ihm mit ganzer Kraft an den Hals und auf den Rücken gesprungen sei, um die Mutter zu schützen. „Danach habe ich sie gebeten, sich von ihm zu trennen“, sagt er leise. „ich wollte nur noch, dass das aufhört!“

Der Junge treibt viel Sport, ist aber ein eher mittelmäßiger Schüler. Er folgt seiner Mutter, die sowohl an deutschsprachigen als auch an rumänischen Häusern spielen darf, von Stadt zu Stadt: „Ich lernte immer nur so viel, damit ich das Klassenziel erreichen konnte.“ Sein erstes Lebensziel ist jetzt eine Karriere als Profi-Radrennfahrer. „Ich dachte, dass ich zum Militär gehe und da als Sportler Karriere mache.“ Doch die Mutter durchkreuzt den Plan mit einer List, denn sie hat gehört, dass es an der neuen Theater- und Filmhochschule in Bukarest einen neuen, hochkarätigen Studiengang gibt. Der Junge zögert nicht lange, verwirft die Rennfahrer-Karriere und sichert sich unter 1200 Bewerbern einen der sieben Studien-Plätze. „Und gleich im ersten Jahr habe ich eine Hauptrolle in einem Film angeboten bekommen, danach ging es rasant bergauf.“

Ist der junge Mann denn nur der unterschwelligen Anweisung der Mutter gefolgt? „Nein, eigentlich ist mir nur an dieser Stelle klar geworden, dass ich mit dem Beruf bereits enger verbunden war, als ich selbst wahrgenommen hatte. Ich hatte doch meine ganze Kindheit im Theater verbracht, hatte Kinderrollen gespielt, alle Rollen meiner Mutter verfolgt. Und als sie dann noch sagte: Was willst Du? Als Aushänge-Sportler Handlanger des sozialistischen Regimes sein oder Deine Talente für die wirkliche Kunst einsetzen? Da gab es für mich gar keine Alternative mehr.“

Benjamin Armbruster kniet sich rein, lernt Kampftechniken und alle großen und kleinen Bühnenfertigkeiten. Dann das erste Angebot, die Mitwirkung in einem Film: „Das war ein Hammer, Cinemascope-Film, Eastman-Color, sofort drei goldene Auszeichnungen!“ Und der Titel? „,Das Schloss hinterm Regenbogen’ – war übrigens auch in der DDR lange Jahre ein Kracher. Viele aus dem Osten sprechen heute noch davon.“ Danach kommt mit Sergiu Nikolaescu der gleiche Regisseur, der übrigens Jahre später auch mit Pierre Brice drehen sollte, und verpflichtet Benjamin für die Großproduktion „Der Kampf um Rom“ und anschließend für das Riesen-Epos „Michael, der Tapfere“.

Kleiner Schlenker am Rande: Eben jener Nikolaescu arbeitet Jahre später auch für die Karl-May-Spiele in Bad Segeberg, will, dass Armbruster dort als Nachfolger von Pierre Brice reitet. „Aber ich habe mich damals schon sehr wohl gefühlt im Sauerland. Das Team um Jochen Bludau war toll, und Geld war und ist nicht alles. Ich habe mit Jochen damals darüber gesprochen, und nach ein paar Minuten haben wir uns die Hand gegeben. Dieser Händedruck hat immerhin bis heute gehalten.“

Noch mal zurück zum Karrierebeginn. Wie hat der junge Mann denn den plötzlichen Erfolg verkraftet? „Ich bin froh, dass meine Mutter mich so erzogen hat, dass ich nicht durchgeknallt bin. Der Erfolg hat mich ja richtig überrollt damals. Ich wurde als junger Spund mit einer großen schwarzen, russischen Limousine zu Hause abgeholt und zum Set gefahren. Wie richtige Staatsleute.“ Auch finanziell kann er schnell in eine andere Liga aufsteigen, kann sich damit sogar auch seinen zweiten Traum erfüllen, die Autorennen. Noch heute klingt ihm nicht ohne Stolz die Frage des rumänischen Sportministers im Ohr: „Sind Sie nun unser bester schauspielernder Rennfahrer oder unser schnellster Schauspieler?“ Das sei schon eine sehr spezielle Zeit gewesen damals, sagt Armbruster, aber er macht auch einen Unterschied zum heutigen „Star-Kult“ aus. „Okay, wir haben auch Alkohol getrunken in der Szene damals, aber grundsätzlich war unser Verhalten immer vorbildhaft, ein Beispiel für das Volk. Das wollte das System einfach so.“

Die nächsten Filme, Bühnenereignisse, Studienfortschritte und Sporthappenings überspringen wir mal aus Zeitgründen. Inzwischen hat Benjamin das Examen in der Tasche, spielt in Herrmannstadt als Mircea Breazu an der rumänischen Abteilung des Theaters, als Benjamin Armbruster an der deutschen. Übrigens mit seiner Mutter als Kollegin und natürlich Lehrerin, Meisterin und wichtigster Kritikerin.

Weiter geht es ans Theater von Kronstadt. „Dort habe ich auch Donna, die spätere Mutter meiner Söhne kennen gelernt“, sagt Armbruster, „sie war die Schwester der damals schon legendären Ileana Cotrubas, die wohl größte ‚La Traviata’ der Welt.“ Durch sie habe er übrigens dann auch Leute wie Placido Domingo und Jose Carerras getroffen, denn die Cotrubas habe sich des Öfteren seiner Dienste als Bodyguard bedient.

Plötzlich schwenkt das Thema wieder Richtung „Ausreise“. „Eigentlich habe ich Rumänien nur verlassen, weil meine Mutter in Deutschland von einer Zecke gebissen worden war und irgendwie bereits auf dem Sterbebett lag. Eine richtige Diagnose gab es zu diesem Zeitpunkt aber noch gar nicht.“ Doch helfen kann der Sohn jetzt nicht. Trotz seines Star-Status lässt man ihn zunächst nicht raus, auch beim Vorsprechen bei einer Partei-Sekretärin, die sich eigentlich sogar als großer Fan outet, beißt er zunächst auf Granit. Die Mutter wird zwar zum Glück gerettet, aber Armbruster nimmt seinem Land dennoch krumm, dass er in Stunden seiner Sorge nicht reisen durfte. Am Ende dauert es doch noch sechs Jahre, bis er seine Ausreise genehmigt bekommt, dann allerdings mit überraschend warmen Worten. Er habe seinem Land schließlich bis heute immer Ehre gemacht, nun hoffe man, dass sich das auch in seinem neuen Lebensabschnitt außerhalb der Landesgrenzen fortsetzen würde. Der Kalender zeigt übrigens das Jahr 1979.

Der deutsche Neu-Bürger bekommt sofort eine Anstellung am Theater Bielefeld, kann dort auch als Kampf- und Fecht-Choreograph punkten, seine Frau, eigentlich ja ebenfalls Sängerin und Schauspielerin, wird Maskenbildnerin. Es folgen höchst arbeitsreiche Jahre; die schließlich im zusätzlichen Engagement in Elspe ihren vorläufigen Erfolgs-Höhepunkt finden.

Reden wir kurz über Benny und Frauen. Auch das würde bei gründlicher Betrachtung vermutlich alle Zeitungs-Dämme bersten lassen. Aber auch hier liefert ihm die Mutter einmal mehr die Grundphilosophie. Er solle einer Frau niemals seinen Willen aufzwingen, gibt sie dem Jungen in ihrer freien, von Respekt geprägten Erziehung mit auf den Lebensweg. „Sie sagte, ich sollte immer wieder die Dinge aus Sicht der Frau sehen, das würde einfach helfen, Konflikte zu vermeiden.“ Sein so entspanntes Verhältnis zur Damenwelt hat seine Partnerschaft mit Donna übrigens nicht verkraftet: „Ich habe sie sehr geliebt, aber wir sind an der Eifersucht gescheitert.“

Verlassen wir das Liebesleben also lieber mal flottens wieder. Auch die Geschichte seiner letztendlichen Winnetou-Werdung mit leichtem Anfangs-Stottern und schließlich fulminanten Aufstieg ist schon vielfach erzählt worden. Immer noch ist aber die Liste der möglichen Themen lang, allein zum indianischen und Armbrusterischen Denken rund um die Natur und den Umweltschutz. „Aus deren Ideen und Sichtweisen haben wir Menschen der heutigen Generation doch wirklich nicht gelernt“, sagt er und eigentlich wundert es auch gar nicht, dass er als Wunsch, den ihm eine Fee doch vielleicht noch einmal erfüllen möge, fast flüsternd anführt: „Einen Bauernhof, vielleicht?!“ Aber dann legt der rastlose Mime, der – ganz Theater-Profi – seinen Alterungsprozess offensichtlich an der Garderobe abgegeben hat - auch vorsichtshalber noch ein berufliches Wünschlein nach: „Ein Kommissar in einer kleinen Fernsehserie, das wäre auch nicht schlecht.“ Na dann, reiten wir!

Beleuchtet von Thomas Reunert (Text) und Josef Wronski (Foto)


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