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Porträt

Albert Henz

01.07.2010 | 18:20 Uhr

Ob er ein Karrieretyp sei? Albert Henz muss nicht lange über eine Antwort nachdenken. Ganz bestimmt ist es nicht das erste Mal, dass der Theologe, dessen Weg vom Vikar in die Spitze einer der größten Landeskirchen der Republik führte, diese Frage hört.

„Ein Karrieretyp? Einerseits ja, sicherlich, aber auf keinen Fall um jeden Preis. Meine Ideale habe ich für das Weiterkommen nie aufgegeben und ich bin oft auch nicht den bequemen Weg gegangen. Und das wird sich auch nie ändern, an dieser Stelle bin ich konservativ“, sagt der 56-Jährige, der dieser Tage sein Amt als Vize-Präsident der Kirche von Westfalen antritt, nachdem er eine Dekade lang den evangelischen Kirchenkreis als dessen Superintendent geprägt hat. Henz gibt eine Position auf, die wohl für die allermeisten Menschen die Krönung ihres Lebenswerks bedeuten würde, aus der heraus sich entspannt und mit gutem Gewissen in Richtung Ruhestand blicken lässt. Nicht aber für Albert Henz: „Es ist der Reiz des Neuen und die Herausforderung, vor der ich nie gekniffen habe.“

1954, Lambrecht. Eine malerische Stadt inmitten des Pfälzer Waldes, die weniger Einwohner zählt als die großen Iserlohner Ortsteile. Hier und jetzt wird Albert Henz geboren als einer von vier Söhnen einer Handwerkerfamilie und wächst auf im Schatten einer ehemaligen Klosterkirche der Dominikanerinnen. Bis auf den Jüngsten sind die Brüder schon in jungen Jahren voll eingespannt in den väterlichen Schreinerbetrieb. „Das hat mich geerdet“, beschreibt Albert Henz diese Phase der kindlichen Prägung. Ganz anders verläuft da die kirchliche Prägung, da Vater Henz der Amtskirche und ihrem örtlichen Vertreter gegenüber sehr skeptisch eingestellt ist. „Der redet nur.“ Der Schreinermeister, hingegen, ein Mann voller Wärme und Anteilnahme, er macht, setzt sich ein für den Kindergarten, für die Pflegestation, bewegt auch andere Handwerker dazu, nötige Arbeiten für die Einrichtungen kostenfrei zu erledigen. „Ähnlich wie Horst Fischer das heute bei der Bauernkirche tut“, beschreibt Albert Henz den pragmatisch-engagierten Ansatz christlichen Handelns des Vaters, den auch der Sohn später verfolgen wird. „Die diakonische Seite, die lebendige Diakonie, das ist ein ganz wichtiges Element von Kirche, da passt zwischen mich und meinen Vater kein Blatt.“

In diesen Kinder- und Jugendtagen aber kann sich Albert Henz auch der Faszination der Kinderbibel von Anne de Vries nicht entziehen, lässt sich inspirieren im kirchlichen Unterricht von einem Pfarrer, der den Jugendlichen Raum zur geistigen Entfaltung lässt, und verlebt seine Freizeit in der Jugendgruppe der Gemeinde, hält nach einer Lektorenausbildung Lesepredigten und erlernt fast nebenbei das Orgelspielen. Bei einem vom Sohn an dem Instrument mitgestalteten Gottesdienst sitzt auch der skeptische Vater unter den Zuhörern und „begleitete von da an meinen Weg sehr wohlwollend“.

Dieser Weg führt zunächst zum Abitur in Neustadt, anschließend folgerichtig zum Studium der Theologie in Bethel und Marburg. Weil er auf dem Gymnasium aber lieber Französisch lernte ob der räumlichen und gefühlsmäßigen Nähe zum Nachbarland, steht vor Albert Henz die Hürde fehlender Latein-Kenntnisse. „Während andere im

Stadt der Nächstenliebe

Schwimmbad waren, habe ich gepaukt.“ Mit Erfolg. Und wenig später in diesem Jahr 1973 kann der junge Mann seinen Fiat 770 beladen, um den Umzug zur kirchlichen Hochschule in Bethel zu organisieren. Bethel, die „Stadt der Nächstenliebe“, übt auf Albert Henz eine ungeheure Faszination aus, er findet an diesem Ort seine zweite Heimat, nicht ahnend, dass ein Schicksalsschlag sein Leben schon bald auf den Kopf stellen wird.

Eines Morgens im zweiten Semester erreicht den Studenten die Nachricht vom Tode seines noch jungen Vaters. Er hinterlässt eine nicht ausreichend versorgte Frau, Alberts jüngere Brüder, die ebenfalls noch nicht für sich selbst aufkommen können. Der Betrieb will aufgelöst, die finanziellen Fragen wollen beantwortet werden, „es war eine heftige Zeit“, erinnert sich Henz, der für das Studium natürlich auf keinerlei finanzielle Unterstützung zurückgreifen kann. Er finanziert sein Leben als LKW-Fahrer, der Obst und Gemüse ausfährt. Mit seiner späteren Ehefrau, die er an seinem zweiten Studienort Marburg heiraten wird, ist Albert Henz zu diesem Zeitpunkt schon zusammen, im Lastwagen wird gemeinsam für die Bibelkundeprüfung gelernt. Der Student findet eine Anstellung in einem Gemeindebüro, erledigt dort alle anfallenden Arbeiten an zwei Tagen in der Woche und spielt im Gottesdienst Orgel. Albert Henz: „So bin ich durch das Studium gekommen.“

Nach elf Semestern ist es vorbei, Henz verlässt die Alama Mater, um 1978 sein Vikariat in Iserlohn anzutreten. „Auch damals gab es schon Pfarrermangel. Meine Frau und ich hatten die große Freiheit der Auswahl“, blickt Albert Henz zurück. Dass die Entscheidung ausgerechnet zu Gunsten der Waldstadt fällt, ist fast schon dem Zufall und dem Rat eines älteren Kollegen geschuldet, der Iserlohns Wesen zwischen städtischem Leben und dem ländlich-westfälischen Raum für das Ehepaar als geeignet befindet. „Wir haben dann in einer Dachgeschoss-Wohnung in Dröschede unser erstes Quartier bezogen“, erzählt der Geistliche von der ersten Bleibe, der Basisstation, von der Mann Henz zu seinem Dienst in dem Neubaugebiet Nußberg/Gerlingsen aufbrach, während Frau Henz sich seelsorgerisch in Dröschede und in der Grüne engagierte. Am Ende des Vikariats kann der junge Pfarrer zwischen drei Stellen auswählen. Während seine Frau die allererste Seelsorgerin im Krankenhaus Bethanien wird, entscheidet er sich für die Gemeinde am Grüner Weg und damit für einen geschlossenen Bezirk, in dem das gehobene Bürgertum fast Tür an Tür wohnt mit Menschen aus dem sozialen Brennpunkt Schlieperblock. „Die Gemeinwesenarbeit dort war einfach Klasse, wir hatten trotz aller räumlichen Enge die best besuchten Gottesdienste“, kommt Henz heute noch ins Schwärmen, wenn er zurückdenkt an „schöne, dichte Jahre“ und für heutige Verhältnisse fast schon beispielhafte, aber nicht institutionalisierte Integrationsprozesse. Zwei Gemeindeschwestern und eine Frau, die Albert Henz immer als Oma Gräfe in Erinnerung bleiben wird, leisteten damals herausragendes für die Gemeinschaft. „Das war beste soziale Arbeit, ehrenamtlich natürlich. Diese Menschen hätten wirklich das Bundesverdienstkreuz verdient, haben es aber natürlich nie bekommen.“ Der Pfarrer selbst, der jedes Haus kennt in seinem Bezirk ebenso wie alles, was die so unterschiedlichen Individuen hinter den Fassaden beschäftigt, weiß bei seinem Abschied, dass er wohl nie wieder so nah dran sein wird an den Menschen wie hier, „das wirst Du nie wieder haben“.

Wohl wahr: Auf Albert Henz warten fortan völlig andere Aufgaben als Vorsitzender des diakonischen Ausschusses. In seinen Verantwortungsbereich fallen nun elf Kindergärten, die gerade im Entstehen befindliche Seniorenwohnanlage, das Krankenhaus Bethanien und die Evangelische Jugendhilfe - mithin die Führung eines mittelständischen Unternehmens. „Ich habe damals erhebliche Fehler gemacht“, räumt Henz unumwunden ein. Aber er ist auch bereit, aus diesen Fehlern zu lernen, bildet sich permanent weiter, allein schon, um den Mitarbeitern gerecht zu werden.“ Sein Wille und seine Leistungen werden offiziell anerkannt, als er gefragt wird, ob er als Diakoniepfarrer zur Verfügung stehen würde. So geschehen im Jahr 1988. Albert Henz will und übernimmt das Amt in einer Zeit, als Geld für die Kirche noch keine Rolle spielte. Die Infrastruktur wird enorm ausgebaut, Werkstätten entstehen,

Aus Fehlern lernen

Wohnheime für Behinderte, Diakoniestationen, Sozialarbeiter werden eingestellt, „es waren fantastische Möglichkeiten zu dieser Zeit, in der anders als heute statt Abbau Weiterentwicklung betrieben werden konnte.“

Aber auch in eigener Sache betreibt der Diakoniepfarrer die Weiterentwicklung. Ihm wird nun erstmalig die Kandidatur für das Superintendetenamt angeboten - die er aber nicht annimmt „Ich fühlte mich damals zu jung und ich hatte - ehrlich gesagt - auch noch keine Lust dazu, ich wollte noch einmal raus.“ Wohl dem, der wählen kann. Bethel fragt an, ob Albert Henz nicht in die Leitung der Bodelschwinghschen Anstalten einsteigen möchte. Und der Wahl-Iserlohner folgt ein weiteres Mal dem Ruf der „Stadt der Nächstenliebe“ gemeinsam mit seiner Ehefrau und den drei im Iserlohner Bethanien geborenen Kindern. Das neue Kapitel Bethel eröffnet dem Geistlichen eine Schatztruhe an wertvollen Erfahrungen, persönlich, so wie professionell. Die evangelische Kirche definiert sich dieser Tage neu, wo sonst, wenn nicht in diesem Zentrum wären die dazugehörigen Prozesse besser zu begleiten und zu beobachten gewesen?

Dass Albert Henz im Jahr 2000 dann aber doch Superintendent des heimischen Kirchenkreises wird, daran ist Christian Dopheide nicht unschuldig. Dopheide, den Henz damals noch erfolgreich als seinen Nachfolger als Diakoniepfarrer empfahl, überzeugt den Mann in Bethel, dass es wieder einmal Zeit sein dürfte für einen Tapetenwechsel. In einer klaren, eindeutigen Wahl wird er in das Amt gewählt und findet eine völlig veränderte Diakonie und Gemeindelandschaft vor, die sich ob der drastisch verschlechterten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen auf den Weg der Anpassung begeben muss. „Anstrengend war das, und dass es vehemente Widerstände gab, dürfte wohl auf der Hand liegen“, sagt Albert Henz, der in diesen schwierigen Jahren oft als „Fels in der Brandung“ bezeichnet wird, „aber wir haben das hinbekommen, unsere Struktur ist in Ordnung und wir stehen schuldenfrei da. Nach der anfänglichen Resignation spüren wir am Ende doch wieder Aufbruchstimmung, sind wir realistisch geworden und kreativ. Und darum ist es gut, dass jetzt jemand anderes das Ruder übernimmt.“

Der Blick von Albert Henz geht nach vorn, also in die Richtung, in die der Geistliche am liebsten blickt. Dass er nun in Sphären vordringt, in denen es schwieriger wird, Dinge selbstständig gestalten zu können, ist dem theologischen Vize-Präsidenten der Kirche von Westfalen mehr als bewusst, „da sitzen natürlich viel mehr Leute mit am Tisch.“ Respekt habe er vor dem Amt, nicht aber in übertriebenem Maße. „Ich muss nichts mehr beweisen. Ich weiß, was möglich ist und was geht. Gelassenheit halte ich für eine ganz gute Voraussetzung, mit der dieser Herausforderung begegnet werden sollte.“

Gelassenheit, die ihm seine Familie schenkt, die aber zu einem guten Teil auch Kapital aus seinem Pfälzer Erbe ist. Sich am Leben und den schönen Dingen zu erfreuen, zu genießen, „das kann und will ich mir zugestehen“. Ein Frühstück im Freien, die tägliche Fahrt auf dem Fahrrad aus ökologischen Gründen und zum Erhalt auch der eigenen Lebensqualität, ein Essen mit handverlesenen Freunden, Pfeife schmauchend ein Buch lesen, auf das Meer schauen, ins Theater gehen, die Entwicklung der Kinder mit Spannung und Hoffnung verfolgen - Beispiele für die Henzsche Definition von privater Erfüllung. Und was der ehemalige Superintendent abschließend über seinen Lieblingswein sagt, das klingt ein bisschen wie die Essenz seiner Lebensphilosophie: „Die Kunst besteht darin, das Richtige zur richtigen Zeit auszuwählen.“

Beleuchtet von Thomas Pütter (Text) und Michael May (Foto)

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