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Porträt

Akiko Suwanei

17.10.2011 | 12:16 Uhr

Mit dem Tschaikowski-Wettbewerb ist es in etwa so wie mit den Olympischen Spielen. Nicht nur, dass es bei dem musikalischen Kräftemessen in Moskau die wohl begehrtesten Medaillen in der Klassik-Welt zu holen gibt – der Contest findet tatsächlich auch nur alle vier Jahre statt, was seine Bedeutung noch deutlich steigert.

Als der Wettbewerb 1958 mitten im Kalten Krieg zum ersten Mal veranstaltet wurde und der Amerikaner Van Cliburn in der Klavier-Wertung gewann, wurde er bei seiner Heimkehr wie ein siegreicher Feldherr mit einer Konfettiparade in New York begrüßt.

Akiko Suwanei

Der Kalte Krieg ist längst vorbei, wenn es aber ein einschneidendes Erlebnis im Leben von Akiko Suwanai gab, dann war es der Gewinn eben dieses Wettbewerbs. Dazu muss man zum einen wissen, dass die Geigerin, die derzeit in Iserlohn die Internationalen Herbsttage für Musik bestreitet, 1990 mit gerade mal 18 Jahren die nach wie vor jüngste Siegerin und auch die erste Japanerin war. Ähnlich wie bei Boris Becker nach seinem Wimbledon-Erfolg war sie über Nacht eine nationale Berühmtheit, um die sich die Medien rissen. Und ähnlich wie Becker im Tennis hat sie mit ihrem Erfolg einen Klassik-Boom in ihrer Heimat ausgelöst. Zum anderen war es so, dass Akiko Suwanei keineswegs aus einer professionellen Musiker-Familie stammt, die sie auf das vorbereitet hätte, was nun auf sie hereinbrach. Sie hatte bis zu dem Wettbewerb Japan nie verlassen, sprach keine Fremdsprachen und hatte vom klassischen Musikbetrieb keinen blassen Schimmer. Der Tschaikowski-Wettbewerb stieß sie in eine Welt, die sie vorher noch nicht einmal vom Hörensagen kannte. Nach ihrem erfolgreichen Abschneiden sei sie geradezu geschockt gewesen.

„Ich hatte mir keinerlei Chancen ausgerechnet,“ sagt sie rückblickend und erzählt die Geschichte ihrer Familie, die einst aus der Stadt Hahodati auf der Insel Hokkaido stammte, über die viele Russen 1917 nach der Revolution aus ihrer Heimat flüchteten, und die in sehr starkem Maße von der russischen Kultur geprägt ist. Daher, so vermutet sie, habe auch sie wohl ihre große Affinität zu Russland. Als Jugendliche wollte sie Russisch lernen und in Moskau Musik studieren, was aber alles scheiterte. Der Tschaikowski-Wettbewerb sei damals die einzige Möglichkeit gewesen, Moskau zu sehen. „Ich bin wirklich nicht dahin gefahren um zu gewinnen.“ Hat sie aber – und dieser Gewinn hat ihr die Tür zu einer Weltkarriere geöffnet.

Geboren wurde Akiko Suwanai am 7. Februar 1972 in Tokyo als Tochter eines Geschäftsmannes und einer Ernährungsberaterin. Zwei Geschwister folgten ihr noch, die aber nicht professionell Musik machen. Um zu erklären, warum sie trotz nicht vorhandener musikalischer Wurzeln schon mit drei Jahren eine Geige in die Hand bekam, müsse man die japanische Mentalität verstehen, sagt sie. Dort gab es schon früh starke europäische Einflüsse, die in der Zeit des Zweiten Weltkrieges aber systematisch unterdrückt wurden. Europäische Kultur wurde aus dem Leben der einfachen Leute geradezu verbannt, was dazu geführt habe, dass es in der ersten Generation nach dem Krieg, der Generation ihrer Eltern, einen unstillbaren Hunger auf diese Kultur gab und eine extreme Öffnung nach Westen – nicht nur kulturell, sondern auch in der ganzen Lebensweise bis hin zur Erziehung der Kinder. In ihrer, der zweiten Nachkriegsgeneration, sei es daher geradezu Pflicht gewesen, die Musikschule oder die Ballettschule zu besuchen.

Wie man sich anhand von Suwanais Karriere leicht vorstellen kann, war das Geigespielen für sie aber nie Pflicht. Sie lernte rasend schnell und empfand die Musik als ganz natürliche Ausdrucksform. Und sie hatte – das beschreibt sie als ihr ganz großes Glück – in jeder Entwicklungsphase den perfekten Lehrer. Zuerst jemanden, der mit einer so kleinen hochbegabten Schülerin umgehen konnte, sie nicht bremste und ihren Wissensdurst stillte. Dann, im Alter von sieben Jahren, eine alte Frau, wie sie sagt, die jahrelang in Frankreich gelebt hatte und nun mit über 60 Jahren mit ihrem Liebhaber nach Japan zurückgekehrt war. „Sie war ein echter Freigeist und ich habe von ihr diese Freiheit gelernt. Ich habe gelernt mich selbst und meine Gefühle mit der Geige auszudrücken. Die Violine war reine Lebensfreude und hat mir schon damals alles bedeutet.“ Was sie sich ganz offensichtlich bis heute bewahrt hat – nicht nur in ihrem Spiel, sondern auch in ihrem Naturell. Alles an ihr wirkt leicht und unbeschwert.

Mit neun Jahren gewann sie ihren ersten nationalen Wettbewerb und absolvierte ihr erstes richtiges Konzert. Danach hatte sie glücklicherweise aber wieder einen Lehrer, der mit ihr an der reinen Technik feilte und sie einem strikten Training unterzog, bevor sie im Alter von 14 Jahren das Studium bei Toshiya Eto an der Toho Gakuen School of Music aufnahm, der sie zur Siegerin beim Tschaikowski-Wettbewerb machte. „Von ihm habe ich gelernt, nicht nur gut Geige zu spielen, sondern auch eine Künstlerin zu sein“, sagt sie. Musik wirklich als große Kunst zu begreifen und zu erfassen, und Kompositionen nicht nur technisch brillant zu spielen, sondern zu durchdringen, das sind keine Selbstverständlichkeiten, die einem in den Schoß fallen. All das habe sie in dieser Phase gelernt. Und an ihren Schilderungen wird wieder deutlich, dass Talent nicht alles ist, sondern für eine große Karriere viele kleine Rädchen ineinandergreifen müssen, und die richtigen Lehrer und die richtigen Einflüsse eminent wichtig sind. „Es geht nicht nur darum, Geige zu lernen, sondern darum, Mensch zu werden“, bringt Suwanai das, was eine gute Ausbildung leisten muss, auf den Punkt.

Und damit war sie 1990 nach ihrem großen Erfolg lange nicht fertig. „Ich hatte mir vorgenommen, nicht schnellen Erfolg zu suchen, sondern ein möglichst langes Künstlerleben anzustreben“, sagt sie, was für einen Teenager, um den sich alle rissen, ziemlich reif und weise klingt. Also hat sie nach dem Rummel und den Gala-Konzerten weiter studiert, zunächst an der Hochschule in Japan, der sie dann 1993 aber den Rücken kehrte. „Ich wollte ein ruhiges Leben führen und nicht mehr auf der Straße erkannt werden“, sagt sie und ging nach New York an die Julliard School of Music, eine der besten Adressen weltweit, was erneut ein enormer Entwicklungsschub für die junge Frau war. Musikalisch, weil sie Unterricht bei den besten Professoren genoss und hier die Welt der Kammermusik entdeckte („Japan ist wie viele der neuen Länder sehr auf das Solo-Spiel fixiert“). Aber auch generell, denn es gehört zur Philosophie der Julliard School, Studenten umfassend zu schulen. Als Mitglieder dieser Hochschule hat man automatisch Zugang zur renommierten Columbia University in New York, was Akiko Suwania voll ausschöpfte. Sie hat dort nebenbei „political thoughts“, eine Mischung aus Geschichte, Politik und Philosophie studiert.

Nach ihrem Abschluss 1996 hatte sie immer noch nicht genug. „Ich habe mich damals sehr mit Schumann beschäftigt, aber niemand gefunden, der mir wirklich den Geist der deutschen Romantik erschließen konnte“, sagt sie und schloss ein weiteres Studium bei Uwe-Martin Haiberg an der Berliner Hochschule der Künste an. Dort wurde ihr auch diese für das Verständnis der klassischen Musik so bedeutende Tür aufgetan.

1995/96 stieg sie auch erst verstärkt in den Konzertbetrieb ein, was zunächst schwierig war, denn nach ihr waren wieder neue Talente aufgetaucht, den Tschaikowski-Bonus gab es nicht mehr, und die ersten Reaktionen seien in die Richtung „Ach, noch so eine Asiatin“ gegangen. Sie hat es aber geschafft, und gibt seitdem bis zu 70 Konzerte im Jahr. Jede Woche ein anderes Land, ständig auf Tour, ein Hauptquartier in Paris – aber ohne wirkliche Heimat. Dafür aber mit der ganzen Musik um sich herum, die man auf der Geige spielen kann. Von Bach bis Boulez ist sie in allen Epochen zu Hause, spielt an der Seite anderer Virtuosen Kammermusik, vor allem aber an der Spitze berühmter Orchester und neben namhaften Dirigenten die großen Solo-Konzerte der klassischen Musik – ein Leben voller Höhepunkte.

Und privat? Fehlt ihr nichts? Familienleben? Darüber will sie lieber nicht sprechen. „Wo es Höhen gibt, gibt es auch Tiefen“, sagt sie etwas geheimnisvoll, erzählt dann aber doch ein wenig von ihrem fünfjährigen Sohn, den sie seit der Geburt quasi alleine erzieht und der bis zur Vollendung des ersten Lebensjahrs an ihrer Seite 17 Länder bereist hat. Sorgen machen muss man sich um den kleinen Kerl, der in Paris lebt, inzwischen drei Sprachen spricht und Cello spielt, wohl nicht.

Überhaupt ist es weniger ihr irdisches Liebesleben als die geradezu himmlische Liebe zu ihrem Instrument, die an dieser Stelle das Interesse weckt. Damit ist nicht die Geige an sich, sondern ihr ganz spezielles Instrument gemeint. Denn Akiko Suwanai spielt eine Stradivari Dolphin von 1714, die in Fachkreisen als zweitbeste Geige der Welt gehandelt wird. Wie teuer sie genau wäre, wollte sie jemand kaufen, weiß sie selbst nicht. Wegen ihres extrem guten Zustands, ihrer Qualität als Produkt der „Goldenen Periode“ von Stradivari zwischen 1713 und 1715 und ihrer besonderen Geschichte, in der sie im Besitz des bedeutendsten französischen Geigenbauers Jean-Baptiste Vuillaume (1798-1875) und des großen russischen Geigenvirtuosen Jascha Heifetz (1901-1987) war, ist sie ohnehin unbezahlbar.

„Ich hatte schon vorher eine Stradivari von 1727, ein wunderbares Instrument, mit dem ich aber nie richtig warm wurde“, beginnt sie die Geschichte ihrer großen Liebe. Jahrelang habe sie nach Sponsoren gesucht, um ein anderes Instrument zu bekommen, ohne Erfolg. Bis eines Tages aus dem Nichts das Angebot der Nippon-Stiftung kam, die Dolphin zu versuchen. „Ich hatte sie angespielt und war schockiert. Sie hatte mich so tief berührt, dass ich sie nach einer Minute wieder abgegeben habe aus Angst vor dem Trennungsschmerz, wenn ich sie eines Tages wieder verlieren würde.“ Schließlich willigte sie ein, die Geige für drei Monate zu versuchen. Das war im Jahr 2001, und seitdem spielt sie dieses Instrument, das mit großem Abstand das kostbarste Requisit ist, das jemals im Fotostudio des Wichelhovenhauses für ein „Ins Licht gesetzt“ ausgepackt wurde.

Angst vor Diebstahl oder Beschädigungen hat sie nicht. Vor dem Scheinwerfer im Fotostudio aber hat sie Respekt, denn allzu grellem Licht darf die Geige nicht ausgesetzt werden. Irgendwann kommt der Tag, an dem sie sie abgeben muss. Denn es liegt im Interesse der Nippon-Stiftung, dass möglichst viele Menschen das einzigartige Instrument hören. Akiko Suwanai muss regelmäßig nachweisen, wie viele Zuhörer sie über CD-Aufnahmen und Live-Konzerte erreicht, und jedes Jahr wird aufs Neue darüber beraten, ob sie die Richtige für dieses Instrument ist. Bisher hat sie die Nippon-Stiftung nicht enttäuscht.

Beleuchtet von Ralf Tiemann (Text) und Michael May (Foto)

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